Das Resümee der kolumbianischen Reise

cache/images/article_1694_statue_140.jpg Die U20-WM in Kolumbien ist seit Sonntag Geschichte. In Erinnerung bleiben sehr bemühte und ebenso freundliche Organisatoren. Auf den Spielfeldern von Barranquilla bis Bogota hat wie bei den Großen ein defensiv orientierter Spielstil um sich gegriffen, auch wenn die brasilianischen Weltmeister nicht in dieses Bild passen.
Robert Florencio | 24.08.2011
Zunächst einmal zum Erfreulichsten: Kolumbien hat für die (wenigen) akkreditierten ausländischen Journalisten einen Meilenstein in der Betreuung und Gastfreundschaft gesetzt. Zusätzlich zur auch in vielen Reiseführern beschriebenen besonderen Freundlichkeit der Menschen in diesem schicksalhaft gebeutelten Land wurde den ausländischen Reportern natürlich auch in Sorge um eine positive Berichterstattung und Imageverbesserung im Ausland fast jeder Wunsch von den Augen abgelesen und besondere Sorge auf die Sicherheit der Gäste gelegt. Zahlreiche Gastgeschenke, persönliche Begrüßungen und Führungen durch die Einrichtungen der Pressezentren durch die jeweiligen lokalen Verantwortlichen waren keine Seltenheit. Dazu kamen persönliche Kontakte mit einheimischen Journalisten, die bis zur Essenseinladung im gemeinsamen Familienkreis reichten.

War die WM 2010 in Südafrika für mich schon ein tolles Erlebnis, was die Freundlichkeit der Menschen betraf, so ist es Kolumbien gelungen, diesen subjektiven Eindruck sogar noch zu toppen. Die letzte U20-WM-Endrunde in Kanada, wo alles nüchtern effizient ablief, bleibt in diesem Bereich unter ferner liefen. Was aber nicht heißen soll, dass die Organisation in Kolumbien chaotisch gewesen wäre. Die FIFA und ihr Koordinator Wolfgang Resch haben hier im Vorfeld alle Problemfelder angesprochen und gut aufgearbeitet und bis auf einen kurzen Fluchtlichtausfall bei einem Vorrundenspiel und der Hymnenpanne bei Brasilien gegen Spanien lief alles perfekt ab.

Die Kolumbianer waren sich bewusst, dass diese WM nicht einmal in den Teilnehmerländern aufgrund der zumeist beträchtlichen Zeitverschiebungen große Aufmerksamkeit erzielt hat. Trotzdem überwiegt der Stolz nach der Schmach der zurückgegeben WM-Austragung 1986 und der Copa America 2001 ohne Argentinien und Brasilien endlich ein großes internationales Turnier ohne Zwischenfälle ausgetragen zu haben. Und das wiegt noch schwerer, wenn man sich verdeutlicht, was vergangenes Wochenende in Mexiko passiert ist, als eine Schießerei außerhalb des Halbfinalstadions der U17-WM in Torreon eine Massenpanik im Stadion auslöste. In Kolumbien scheinen solche Vorkommnisse der Vergangenheit anzugehören. Dazu kommt als Erbe der WM das Beibehalten der zaunlosen Stadien, eine der nachvollziehbarsten Forderungen der FIFA, die die Fans nicht als Gefangene oder Zootiere sehen möchte. Für Kolumbien eine Überwindung, ist man doch schon jahrelang wie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern mit den gewaltbereiten und oft in kriminellen Banden verstrickten Barrabravas konfrontiert. Die am nächsten Wochenende beginnende Meisterschaft die durch den Neuzugang des Schweiz-Kolumbianers und Ex-Red-Bull-Spielers Johan Vonlanthen beim Provinzverein Itagui auch internationale Schlagzeilen schrieb wird bald Aufschlüsse bringen, wie diese Änderung im Liga-Alltag ankommt.

Die auf dem Platz gezeigten Leistungen boten ebenfalls zahlreiche Ansatzpunkte für eine Analyse. Kolumnist Jorge Barraza von der Tageszeitung El Tiempo sieht den brasilianischen Offensivstil von Ney Franco als zwar spektakulär an, meint jedoch das wäre »old school« und nicht der moderne Fußball der defensiv orientierten Schule eines Jose Mourinho, wie wir ihn auch bei der A-WM in Südafrika erlebt haben. Nur 2,54 Tore pro Spiel und somit der zweitschlechteste Schnitt bei einer U20-WM sprechen Bände. England konnte sich mit drei torlosen Remis bis ins Achtelfinale schummeln und Portugal schaffte es mit nur fünf Treffern bis ins Finale.

 

Im Gegensatz zur U20-WM in Kanada, wo Sergio Agüero als Superstar herausstach, hat dieses Mal der überragende Einzelheld gefehlt. Dazu passt auch, das die Technical-Study-Group einen der besten und wichtigsten Spieler im Team des Weltmeisters Brasilien, den Mittelfeldstrategen Oscar, bei der Nominierung der Vorauswahl der zehn besten Spieler einfach vergaß. Die Rache kam dann prompt im Finale: Drei Oscar-Tore lassen die FIFA-Experten wie begossene Pudel zurück. El Tiempo berücksichtigt in seiner WM-Elf mit Mika, Nuno Reis, Cedric und Nelson Oliveira kurioserweise mehr Spieler von Portugal als vom Weltmeister, aus dessen Kader es nur Kapitän Bruno Uvini, Oscar und Stürmer Henrique in die All-Star-Auswahl geschafft haben. Zwei französische und zwei mexikanische Spieler ergänzen die Auswahl. Diskussionswürdig bleibt dabei sicherlich das Fehlen des einen oder anderen nigerianischen Spielers, die im Viertelfinale denkbar unglücklich gegen Frankreich ausgeschieden sind. Bei Ney Franco als Coach der Weltauswahl gibt es wohl keinen Zweifel.

Was die Attraktivität der Spiele betrifft, sei gesagt, dass nach den schlimmen Befürchtungen der Vorrunde, die stark an Südafrika erinnerte, ab dem Viertelfinale fast ausschließlich Spiele auf hohem technischen und taktischen Niveau stattgefunden haben. Das mit Abstand beste Spiel der WM für mich sogar das beste und dramatischste Spiel, das ich jemals live in einem Stadion gesehen habe war das 4:2 der Brasilianer nach Verlängerung im Viertelfinale gegen Spanien.

Was die Leistung der österreichischen Mannschaft betrifft, hinkt der Vergleich mit Kanada 2007. Dieses Mal waren einfach wesentlich weniger hochtalentierte Spieler dabei. Es ist bezeichnend, dass Ney Franco nur Andreas Weimann als einzig herausragender Akteur der rot-weiß-roten Equipe eingefallen ist. Außerhalb des Spielfelds war die ÖFB-Abordnung wesentlich besser organisiert als in Kanada, leider konnte der wichtigere Teil, die Teamstruktur auf dem Spielfeld, in keinster Weise mit den professionellen Rahmenbedingungen mithalten.

Der Blog zur U20-WM endet hiermit. Zum Abschluss möchte ich mich bei all jenen bedanken, die mir auf unterschiedlichster Art und Weise geholfen oder wertvolle Inspirationen geliefert haben. Gedankt sei dem ballesterer-Chefredakteur Reinhard Krennhuber für seine Feedbacks und die Zügelung meines manchmal zu ausgeprägten »südamerikanischen Temperaments« im Schreibstil. Weiters erwähnen möchte ich ÖFB-Pressesprecher Peter Klinglmüller und FIFA-Mann Wolfgange Resch für die Unterstützung bei der Akkreditierung. ORF-Mann Peter Brunner für die Vermittlung seines reichen Erfahrungsschatzes. Diego Bulgari von Radio Nacional de Colombia für die Unterstützung in Pereira, Carolina Guaman aus Bogota vom Internetportal terra.com für die treue Begleitung der brasilianischen Mannschaft und die konstanten Hinweise auf die Schwächen in deren Abwehrorganisation, Victor Canedo von globo.com für die Informationen aus erster Hand, Murillo Acevedo, dem filmenden Reporter von esporte interactivo für die entstandene Freundschaft und last but not least dem Chefstrategen dieser WM, Ney Franco himself, der mir am Tag vor dem schwierigsten Spiel seines Lebens ein 30-minütiges Interview gewährt hat, das Teil der nächsten ballesterer-Ausgabe sein wird, und mit mir in Kontakt bleiben will. Und natürlich der kolumbianischen Bevölkerung für die gezeigte einmalige Gastfreundschaft und der Leserschaft für die geneigte Aufmerksamkeit.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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