Das Scheitern Europas

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Obwohl sie nicht einmal die eigenen Prestigeprojekte umsetzen kann, glaubt die UEFA, einen globalen Führungsanspruch stellen zu können. 

Nicole Selmer | 08.10.2015

Die FIFA ist in der Krise – das ist nichts Neues. Auch dass der Weltverband selbst die Krise ist, dürfte inzwischen Konsens unter den Beobachtern sein. Als Joseph Blatter im Juni seinen Rücktritt ankündigte, gab sich die UEFA siegessicher. Präsident Michel Platini brachte sich für die Wahlen im Februar 2016 in Stellung, die europäische Vormacht – und moralische Überlegenheit – im Weltfußball schien gesichert. Inzwischen haben die Schockwellen der Beben in Zürich allerdings auch die UEFA-Zentrale in Nyon erreicht. Platini muss eine 2011 von Blatter veranlasste Zahlung von damals umgerechnet 1,6 Millionen Euro erklären, in der die Staatsanwaltschaft eine treuwidrige Handlung vermutet – wenige Wochen nach Zahlungseingang hatte das UEFA-Exekutivkomitee zur Unterstützung Blatters bei der Präsidentenwahl 2011 aufgerufen.

Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident und Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees, ließ mitteilen, er sei von den Ermittlungen gegen Blatter überrascht und fassungslos, ganz so, als würden in der Zentrale des größten Sportverbands der Welt nie Zeitungen gelesen werden. Platinis Rolle ließ Niersbach unerwähnt, obwohl sie das Scharnier bildet, das die Europäer mit dem FIFA-Skandal verbindet. ÖFB-Präsident Leo Windtner forderte, Platini müsse eine schnelle Aufklärung liefern, um die verunsicherten Verbände zu beruhigen. Was dem UEFA-Präsidenten bisher eingefallen ist, ist dazu allerdings nicht angetan: Er habe einige Jahre zuvor verschiedene Tätigkeiten für die FIFA ausgeübt, die vereinbarte Bezahlung wegen Finanznot des Weltverbands jedoch erst 2011 eingefordert.

Ebenso wie sein deutscher Amtskollege hält Windtner dennoch am Führungsanspruch in der Fußballwelt fest: Die UEFA habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen und sei der stärkste Kontinentalverband, ein neuer FIFA-Präsident solle daher aus ihren Reihen kommen. Tatsächlich zeigt sich Europa in den letzten Monaten jedoch führungsschwach und profillos. Das belegen auch die im Sommer beschlossenen Veränderungen des Financial Fairplay. Das Programm, das die Verschuldung von Klubs abbauen und den Einfluss von Investoren zurückdrängen sollte, ist gescheitert. Statt auf Sanktionen setzt die UEFA nun auf freiwillige Vereinbarungen mit Klubs, die mehr als 30 Millionen Euro Schulden anhäufen.

Obwohl sie nicht einmal die eigenen Prestigeprojekte umsetzen kann, glaubt die UEFA, einen globalen Führungsanspruch stellen zu können. Dabei haben die europäischen Verbandsvertreter die Gelegenheit versäumt, die selbstproklamierte Stärke auch zu demonstrieren. Das übernehmen andere wie die FIFA-Sponsoren aus den USA, die einen sofortigen Rücktritt Blatters fordern. Der europäische Werbepartner adidas ließ verlautbaren, man setze auf den eingeleiteten Reformprozess. Aber solange es nur um die Reform der alten und nicht um den Beginn einer neuen Ordnung geht, ist es egal, ob der FIFA-Präsident Blatter oder Platini heißt. 

Referenzen:

Heft: 106
Thema: FIFA, UEFA
ballesterer # 121

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