Den Futuristen gehört die Zukunft

cache/images/article_1898_fm_emblog3_140.jpg Italien setzt schon längst nicht mehr auf den altbewährten Catenaccio, bei der EM sogar auf ein variantenreiches Offensivspiel. Modernen Fußball würden das die einen nennen, Futurismus nennt das ein Klagenfurter Fußballfan. Mario Balotelli hat zumindest einige Leitsätze davon verinnerlicht.
Martin Schreiner | 01.07.2012

Die Italiener, diese falschen Hunde. Jetzt sind sie mit ihrem neuen Spielstil schon bis ins Semifinale der Europameisterschaft vorgedrungen. Rückgratlos wie sie sind, geben sie ihren von den Medien herbeigeschworenen Catenaccio einfach auf. Die Feiglinge. Umstellung auf den modernen Fußball glaubt der Laie. Futuristisch nennt das mein Sitznachbar. Er schreit dem Fernseher ein »Forza Futurismus« entgegen. Ich schlage im Internetlexikon nach und stelle fest: Er hat recht.


Die italienischen Futuristen wollten zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleich eine völlig neue Kunst begründen. Modern, aber anders. Er übertreibt es zwar gerne mein Sitznachbar, aber ähnliches versucht Cesare Prandelli schon. Pressing und Viererketten sind gut. Er ersetzt sie aber bei Bedarf mit einer Dreierabwehr, setzt den wilden Daniele De Rossi als Innenverteidiger in der Dreierkette oder zentralen defensiven Mittelfeldspieler ein, fügt mit Andrea Pirlo einen altmodischen Spielmacher und im Sturm das Wahnsinnsduo Antonio Cassano und Mario Balotelli hinzu. Cassano sogar mit einem frisch operierten Loch im Herzen. Mit viel Herz spielen die neuen Italiener überhaupt. Antimoderner Modernismus sozusagen.

Balotellis Mut, Kühnheit und Auflehnung
Das Lehrbuch zieht da eher der Joachim Löw durch. Fast so brav modern wie er angezogen ist. Bügelstärke im Hemd von Wolfgang Joop und frisch geföhnte Stirnfransen. Dazu hat er einen Kader zur Verfügung, der beinahe jeden Spieler gleichwertig ersetzbar macht. Spielstark und mit multikulturellem Background. Fast sympathisch, wäre man nicht ein komplexbehafteter Österreicher, der dem Nachbarn nichts vergönnt. Jedenfalls unmöglich, sie auf die alten Vorwürfe der reinen Kampfkraft und des Einsatzwillen zu reduzieren. Außerdem die Italiener, die falschen Hunde, haben auch das kopiert. Spieler mit Migrationshintergrund haben auch sie.


Und was für welche. Peng, Peng macht der Mario Balotelli und es steht 2:0 nach der ersten Spielhälfte. Er reißt sich danach das Leiberl herunter, zeigt seine Muskeln und schreit in den Himmel von Warschau. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein, sagt dazu das futuristische Manifest. Mario hat es sicher auf seinem Nachtkästchen liegen und verinnerlicht es sich täglich. Sicher hätte er als Paradebeispiel eines linken Intellektuellen so wie es mein Sitznachbar und ich auch sind so seine Probleme mit jenen Futuristen und deren Lehren, die sich dem Faschismus annäherten und andienten. Aber sich so aus einigen Stehsätzen aus Manifesten zu motivieren, wird er wohl noch dürfen. So lässt es sich gegen Bananenwerfer und andere Alltagsrassisten viel besser überleben.

Ein Kind wird Mario heißen
Überleben mussten die Italiener die Druckphase der Deutschen in den ersten zwanzig Minuten der zweiten Hälfte. Weil kampflos geben die Deutschen keine Partie her. Schon gar nicht ein EM-Semifinale. Dazu geben auch die Deutschen ab der 70. Minute ihr System auf. Sie lösen die Viererkette in der Verteidigung auf. Ihre Offensive ist jetzt alternativlos, aber hoffentlich variantenreicher. Die Italiener antworten mit dem guten alten Konter. Typisch, immer wenn es gerade passt, kehren sie zu den alten Werten zurück. Claudio Marchisio scheitert zweimal knapp. Antonio Di Natale scheitert sogar ganz alleine vor dem Tor. Federico Balzaretti schießt ein Abseitstor. Es sieht gut aus für Italien. Die Burschen aus der Zukunft ziehen sich nicht mehr als notwendig zurück. Großzügig sind sie halt in der Chancenverwertung. Ob sich das nicht rächen wird?


Die letzten zehn Minuten sind da. Deutschland drückt. Die italienischen Fans schreien den Deutschen den Namen ihres Landes entgegen. Mein Sitznachbar verspricht, seinen ungeborenen Sohn Mario zu nennen. Sein Namensgeber hat sich längst wegen Entkräftung austauschen lassen. So sind sie die Futuristen, alles geben und dann vor dem Ziel müde werden. Wird er ihm vor dessen Geburt einen Sieg gegen die Deutschen geschenkt haben? Der Schiedsrichter hält dem einen Elfmeter für Deutschland entgegen. Özil trifft für Deutschland. Es steht nur mehr 2:1 für Italien. Unser Herz steht. Die Zeit verrinnt. Es ist aus. Deutschland weint. Die Futuristen fliegen in die Zukunft. Sie heißt Finalteilnahme am Sonntag. Balotelli gefällt sich als Held. Und ein österreichisches Kind wird Mario heißen.

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