»Den Meisl haben alle verehrt«

cache/images/article_1328_mitropa1_140.gif Karl Heinz Schwind, langjähriger stellvertretender Sportchef der Kronen Zeitung und Buchautor (Geschichten aus einem Fußball-Jahrhundert), teilte mit dem ballesterer seine Erinnerungen an das Wunderteam. Ein Gespräch über Raubeine und Edelknaben, Kaffeehäuser und und andere Geburtshelfer des Wunderteams.
ballesterer: Unter welchen Rahmenbedingungen haben die Spiele des Wunderteams stattgefunden?
Karl Heinz Schwind: Das Wunderteam hat in einer der interessantesten Epochen im österreichischen Fußball gespielt. Man muss sich in die Zeit zurückversetzen: Als es in den 30er Jahren die höchste Arbeitslosigkeit in Österreich aller Zeiten gab, hat es kein anderes Vergnügen gegeben, als am Wochenende zum Fußball zu gehen. Die Eintrittspreise waren relativ gering, 15 bis 20 Groschen. Aber so komisch es ist: Es war die Zeit der größten Arbeitslosigkeit, aber auch die erfolgreichste Zeit des österreichischen Fußballs. Das Berufsspielertum hat es ja schon seit 1925 gegeben, aber als sogenannte Bettelprofis haben die Spieler im Vergleich zu später nicht viel verdient. Die Kicker bei den großen Vereinen haben 300 Schilling im Monat gekriegt, das ist runter gegangen bis 50 Schilling bei kleineren Klubs. Nur der Sindelar hat 600 bekommen. Der Professionalismus bestand ja nur auf dem Papier, das war kein echter. Aber sie haben profimäßig gespielt, das ist der Unterschied zu heute. Die Profis sind zwar heute echt, aber nicht alle spielen profimäßig.

Welche Rolle hat die Medienmaschinerie für das Wiener Wunderteam gespielt?
Das Wunderteam ist ja quasi zur Geburtsstunde des Radios entstanden. Der erste populäre Rundfunksprecher war Willy Schmieger, selbst ehemaliger Internationaler und Professor für Latein und Griechisch. Mit der Ära des Rundfunks ist auch er groß geworden. Von der Radioübertragung des Schottland-Matchs kommt auch die berühmte Passage von Schmieger: »Schall zu Vogl, Vogl zu Schall Tor!« Das hat er dann oft gesagt. In den Tageszeitungen gab es nicht so wie heute zehn Seiten Sport, sondern vielleicht eine Spalte. Das hat sich langsam entwickelt.

Das »Schmieranksi-Team« hat ja ursprünglich anders ausgesehen. Warum hat sich das verändert?
Der Standard-Linksaußen Hansi Horvath hat dem Teamchef Meisl kurzfristig abgesagt, ihm aber den jungen Admiraner Adolf Vogl empfohlen: »Der wird sie net enttäuschen, der is wirklich guat.« Vogl war damals 20 Jahre alt. Als rechter Läufer sollte Hans Mock von der Austria spielen, aber der ist erkrankt. Meisl hat sich kurzerhand für Georg Braun vom WAC entschieden, der bis dahin erst einen Teameinsatz vor einigen Jahren hinter sich hatte. Aber eines haben die Journalisten schon bewirkt: Dem Meisl haben seine Spieler immer zuviel gescheiberlt. Er war ein radikaler Anhänger des englischen Fußballs und wollte das kampfstarke Spiel durchsetzen. 1929 hat eine österreichische Auswahl als »Team Niederösterreich« gegen Deutschland 0:5 verloren, woraufhin Meisl gegen das umständliche Spiel des Stürmerduos Sindelar/Gschweidl gewettert haben soll. Sindelar soll darauf todernst und sichtlich zerknirscht reagiert haben: »I waß eh warum ma valuan ham, Herr Meisl. Zwenig gescheiberlt hama halt!« Da hat der Meisl den Sindelar links liegen gelassen. Gschweidl war Mittelstürmer der Vienna, Sindelar der Austria. Und die beiden haben im Team nicht zusammengepasst. Aber die Journalisten haben gemeint: Dann drehen wir das um. Gschweidl Rechtsverbinder, Sindelar Mittelstürmer. Und auf einmal hats geklappt.

Was war nach den großen Siegen gegen Schottland oder Italien in der Stadt los?
Da war nicht so viel los wie heute. Das größte war ja das England-Spiel. Da gab es am Heldenplatz für eine Spende von 10 Groschen für die Winterhilfe eine Radioübertragung. Ebenso auf fast allen anderen größeren Plätzen. Große Firmen wie Siemens haben ihren Arbeitern sogar zwei Stunden frei gegeben. Das war eine unfassbare Euphorie. Und als die Mannschaft dann mit dem Zug zurückgekommen ist, sind die Leute auf allen Bahnhöfen Spalier gestanden. Das hat alle erfasst.

Wie hat sich die Bezeichnung Wunderteam etabliert?
Der Begriff kommt von einer deutschen Zeitung und ist in Österreich dann schnell dankbar aufgegriffen worden. Als die Deutschen in Berlin 6:0 besiegt worden sind, haben sie von einem österreichischen Wunderteam geschrieben. Die Deutschen waren ja hingerissen von uns. Ergebnisse wie das 8:2 gegen Ungarn waren ein Wahnsinn! Die Ungarn waren damals ja eine tolle Mannschaft. Das 6:0 gegen Deutschland ist da weniger wichtig, weil die nicht so gut waren. Man darf aber nicht vergessen, dass die Konkurrenz relativ klein war. Neben Österreich gab es da nur die Tschechoslowakei, Italien und Ungarn.

Das Verhältnis Spieler-Teamchef war beim Wunderteam ein anderes als jetzt.
Den Meisl haben alle verehrt. Heute schimpfen die Spieler über den Teamchef. Smistik hat einmal gesagt: »Der Meisl war unser Gott. Wenn der gesagt hätte, spring dort obe, dann wären wir gsprungen.« Und sie haben seine Entscheidungen akzeptiert, obwohl viele Spieler dabei waren, die fast gleich gut waren. Zum Beispiel der Ersatztormann Peter Platzer. Ein Weltklasse-Torhüter, aber immer die Nummer zwei hinter Hiden. Da hat es nie ein Problem gegeben. Meisl war eine absolute Persönlichkeit und konnte sich dementsprechend viel erlauben. Da gibt es eine Anekdote von der Aufstellungsbekanntgabe vor einem Match. Da hat er zum Hoffmann gesagt: »Und Hoffmann, haben Sie anständig trainiert.« - »Ja, selbstverständlich« - »Gut, dann spielt heut der Smistik.« Das hat er sich erlauben können. Einmal war er so wütend, in Budapest. Wudi Müller, technisch brillanter Ersatzspieler, wagt direkt vor Meisl ein Dribbling und verliert den Ball. Meisl stürmt aufs Spielfeld und jagt wutentbrannt dem Stürmer hinterher. In der einen Hand schwingt er seine schwarze Melone, in der anderen den gefürchteten Spazierstock, und schreit: »Sie Verbrecher!«. Müller hat nachher gemeint, dass er noch nie so schnell gerannt sei wie damals. Aber: »Wenigstens hat er auch in seiner Wut Sie zu mir gesagt.« Ein anderes Mal, Länderspiel in Basel gegen die Schweiz. Österreich führt zur Pause nur 2:1. Meisl stürmt erbost in die Spielerkabine, schwingt den Spazierstock mit dem Gummistoppel am Ende gefährlich nahe an den Spielern vorbei und brüllt »I werd euch ins Kreuz treten, wenns net anständig spülts!« Am Ende siegt das Team 8:1. Meisl danach: »Na alsdann, man muss euch nur gut zureden, dann gehts gleich.« Ohne Meisl hätte es kein Wunderteam gegeben. Er war ja seiner Zeit voraus.

Eine wichtige Rolle spielte damals das Kaffeehaus. Für Spieler, wie auch Trainer und Journalisten?
Fußball war damals ein Kaffeehaussport, dort hat sich alles abgespielt. Die großen Sportschreiber haben sich mit gutem Recht gern im Café aufgehalten und ununterbrochen über Fußball geredet. Das waren sehr gute Schreiber, die irrsinnig viel vom Fußball verstanden haben. Und die Redaktionen waren in unmittelbarer Nähe, in der Wollzeile oder am Fleischmarkt. Man sagt ja auch, dass das Wunderteam im Kaffeehaus entstanden ist. Andere behaupten, die Mannschaft hätte sich von selbst ergeben. Dass sich Meisl wenig sagen lassen hat, ist richtig, aber sie haben ihn so geärgert, dass er ihnen aus Trotz das »Schmieranski-Team« hingeworfen hat. Es ist eine schöne Geschichte, und ich nehme an, dass sie stimmt.

Wie sind die Spieler untereinander ausgekommen? Hat es da zum Beispiel Neid um das Getue um Sindelar gegeben?
Es hat eigentlich keinen Star gegeben, bis auf den Sindelar, der von der Presse dazu gemacht wurde. Aber er war eigentlich ein Star wider Willen und meist froh, wenn er nicht viel reden musste. Der Sindelar ist immer umlagert worden, aber er war ein sehr umgänglicher Bursche, sehr freundlich zu der Umwelt und zu den Kindern. Während andere wie der Sesta schon einmal gesagt haben: »Jetzt schleichts eich, Buam!« Also der Sesta und der Schramseis waren schon Raubeine, aber keine schwierigen Charaktere. Alle anderen waren »Edelknaben«. Erstens waren sie untereinander unglaublich gute Freunde. Sie sind oft beim Heurigen gesessen, haben Schmäh geführt und sich gegenseitig gepflanzt. Aber nicht bösartig, sondern in einem sehr amikalen Ton. Der Heurige war die zweite Wohnung der Spieler, aber nicht im schlechten Sinn. Es gibt eigentlich wenige, die viel getrunken haben. Von den Wunderteamspielern ist mir gar keiner bekannt, aber wahrscheinlich haben sie auch viel vertragen. Smistik zum Beispiel war Chauffeur bei einer Schnaps-Firma und hat nicht einen Tropfen Alkohol getrunken.

Was für einen Zugang hatten Sie zum Wunderteam?
Ich hab das Wunderteam ja leider nie spielen sehen, aber ich hab viele Spieler später kennen gelernt. Mit dem Smistik hab ich selber mal aus Jux Fußball gespielt, da war er 70 Jahre alt. Aber was glauben Sie, wie mich der geschimpft hat, als ich einen 40-Meter-Pass von ihm nicht erreicht hab.

Referenzen:

Heft: 48
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png