»Der Abstiegskampf schüttelt dich durch«

cache/images/article_1824_arndzeigle_140.jpg Die deutsche Bundesligasaison ist auf der Zielgeraden. Der Meisterschaftskampf wird nur von einem Duo ausgefochten, um den Klassenerhalt ringt jedoch mehr als ein halbes Dutzend Mannschaften. Darunter mit dem HSV auch das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Liga. Arnd Zeigler, Werder-Fan, Stadionsprecher und TV-Moderator, über Hamburger Ängste, Berliner Hoffnungen und Bremer Kontinuität.

Nicole Selmer | 12.04.2012
ballesterer: Der HSV in Not - empfindet man da als Werderaner Schadenfreude?
Arnd Zeigler: Also, das ist nicht so ganz einfach. Ich habe als Bremer natürlich keine überbordende Sympathie für den HSV, mache aber dieses »Tod und Hass«-Ding der Hardcore-Fans innerlich auch nicht mit. Ich freue mich jedes Jahr auf's Derby.
Ich wünsche unserem Nordrivalen primär nichts Schlechtes, zumal ich auch einige sehr nette HSV-Fans kenne. Ich wünsche ihm aber nun auch nicht direkt Gutes. Wenn sie absteigen würden, dann hätten sie es verdient, nicht weil sie der HSV sind, sondern weil dort seit Jahren so konsequent fast alles falsch gemacht wird, dass es einfach mal fällig wäre. Es wäre eine logische Folge der Vereinspolitik der letzten zwei Jahrzehnte. Und als angenehmer Begleiteffekt würde auch dieses gelegentlich »Okay, ihr steht zwar eigentlich immer vor uns, aber wir sind trotzdem die Nummer Eins im Norden!«-Gerede wohl erstmal aufhören.

Warum ist der Abstiegskampf überhaupt seit Jahren schon so spannend und kann auch vermeintlich Große treffen? Spricht das für oder gegen die deutsche Bundesliga?

Dafür. Ich möchte nicht mit den Ländern tauschen, in denen alle zwei Jahre im Prinzip dieselben Klubs absteigen und in der schon vor Saisonbeginn klar ist, aus welchem Kreis die Absteiger und der Meister kommen.
Was ist dramatischer Meisterschaft oder Abstiegskampf?
Der Abstiegskampf ist existentieller und schüttelt dich als Fan schlimmer durch. Eine knapp entgangene Meisterschaft tut Schalkern oder Leverkusenern bestimmt auch sehr weh, aber wenn man als Fan eines Traditionsvereins ein ganzes Jahr lang nicht mehr gegen Topvereine spielt, sondern gegen Saarbrücken, Ingolstadt und den FSV Frankfurt, dann ist das schon ein erheblicher Verlust an Lebensqualität. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch wunderbar sein kann, wenn ein seit Jahren strauchelnder Verein durch einen Abstieg zur Besinnung gezwungen wird. Diese Beispiele gab es ja auch schon oft. Mein Verein hat das vor langer Zeit auch so erlebt.
Hertha hat im Abstiegskampf mit der Verpflichtung von Otto Rehhagel, viele Jahre lang Trainer von Werder Bremen, einen recht spektakulären Coup gelandet verrückte Maßnahme oder letzte Rettung?
Im Grunde beides. Es wäre nun wahrlich nicht das erste Mal, dass Otto Rehhagel ein beinahe aussichtsloses Unternehmen erfolgreich durchzieht, und es wäre auch nicht das erste Mal, dass er sich vorher Hohn und Spott anhören muss. Seine Gelassenheit und Unangreifbarkeit könnte ein Vorteil sein, kann aber auch nach hinten losgehen, wenn der Draht zu den jungen Profis nicht mehr herzustellen ist. Das kann keiner von uns beurteilen. Ich halte Hertha vom Potenzial her nicht für einen Absteiger.
Letztes Jahr war's mit Werder ja ziemlich knapp. Wie haben Sie den Abstiegsstrudel mitbekommen? Werder hat konsequent am Führungsteam festgehalten, zu Recht?
Am Führungsteam festhalten ist in Bremen grundsätzlich immer richtig. Was sich 13 Jahre lang bewährt hat, kann sich nicht plötzlich abnutzen. Dass Thomas Schaaf die Mannschaft angeblich nicht mehr erreicht, habe ich seit 1999 ein Dutzend Mal gelesen und viel öfter gehört, immer verbunden mit der angeblich größten Werder-Krise aller Zeiten. Und dennoch ist der Verein in Serie in der Champions League gelandet, hat den Pokal und das Double gewonnen.
Es muss für alle klar sein, dass nicht der gelegentliche Misserfolg und die Durststrecken die eigentliche Sensation sind, sondern die Erfolge für einen kleineren Verein wie Werder und eine Stadt wie Bremen die wirkliche Sensation waren. Es wird rumkritisiert an Fehleinkäufen wie Carlos Alberto, ohne zu sehen, dass von Transfers dieser Größenordnung Felix Magath Jahr für Jahr ein halbes Dutzend in den Sand setzt. Das fällt dort nur nicht so auf, weil die dann sechs Monate später wieder weg sind. Werder macht eine schwierige Phase durch, keine Frage. Aber es gibt niemanden, der diesen Verein da besser wieder rausbringen kann als Schaaf und Allofs. Das haben sie oft genug bewiesen, und das werden sie auch diesmal wieder tun.

ballesterer # 120

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