Der ausgebliebene Aufschrei

cache/images/article_2231_fankongress_2012_140.jpg In Berlin findet Mitte Jänner die Neuauflage des Fankongresses von 2012 statt. Eine gute Gelegenheit, Themen aufzugreifen, denen eine größere Beachtung bis jetzt verwehrt wurde, beispielsweise die neuen Stadionverbotsrichtlinien des DFB.
Edgar Lopez | 11.01.2014

Als vor genau zwei Jahren, im Jänner 2012, der letzte deutsche Fankongress stattfand, war das Ereignis vor allem eine große Bühne für fanpolitische Anliegen. In den Kurven tobte gerade ein Streit über die Legalisierung von Pyrotechnik in den Stadien. Auf dem Fankongress wurde diese Frage in ein öffentliches Diskussionsforum getragen. Vor einem Jahr war es dann der "12:12"-Stimmungsboykott, der in Fanszenen und Medien für viel Aufsehen sorgte und an eben jenem Datum, dem 12. Dezember, kulminierte. Mit diesem Protest sollte über das DFL-Sicherheitspapier "Sicheres Stadionerlebnis" aufgeklärt werden, um es im besten Fall zu verhindern. Das gelang zwar nicht, aber die Fankurven demonstrierten durch die Einstellung des Supports eindrucksvoll und für jeden hörbar, oder besser gesagt nicht hörbar, mit welchem Gewicht sie mittlerweile für ihre Anliegen eintreten können. Anliegen, die häufig weiten Teilen der Fanszenen zugutekommen und die deswegen nicht nur von der vermeintlich aufrührerischen Minderheit der Ultras unterstützt werden. 


Veränderte Richtlinien

Zum Ende des vergangenen Jahres blieb eine weitere Auseinandersetzung jedoch aus. Dabei gäbe es in der Tat ein Thema, das eine entsprechende Sprengkraft besitzt: die Neuerungen in den Stadionverbotsrichtlinien des DFB. Neben Umformulierungen diverser nebensächlicher Paragraphen sind darunter insgesamt drei weitreichende Veränderungen: Bereits die Präambel birgt Sprengkraft. Stadionverbote können neuerdings auch gegen Personen verhängt werden, die "anlässlich einer Fußballveranstaltung, in einer die Menschenwürde verletzenden Art und Weise" aufgefallen sind. Anhand welcher Kriterien entschieden wird, wann dies der Fall ist, bleibt ungeklärt. Ein kritischer Punkt, denn im Zweifelsfall können damit Spruchbänder, die zuvor unter freie Meinungsäußerung fielen, nun als Beleidigungen aufgefasst werden, die die Würde des Adressaten verletzen. Die Causa "Dietmar Hopp" hat hier bereits als Präzedenzfall Wirkung entfaltet.

Neu ist ebenso die Möglichkeit, dass Personen nicht nur für das Einbringen oder Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen bestraft werden, sondern nun auch "die aktive Unterstützung solcher Handlungen" mit Stadionverbot geahndet werden kann. Dass es in diesem Zusammenhang bereits vor den neuen Regeln zu willkürlichen Verboten gekommen ist, zeigt der Fall eines Kölner Ultras, der namentlich nicht genannt werden will. Gegen ihn wurde nach dem Bundesliga-Spiel in Hoffenheim ein dreijähriges Stadionverbot ausgesprochen, ohne dass er selbst Pyrotechnik abgebrannt hätte. Eine sehr fragwürdige Prozedur. Die Identifizierung fand allein aufgrund der Aussagen von Zivilpolizisten statt, die im Nachhinein Videomaterial des Vorfalles auswerteten und ihn beschuldigten. "Während des Spiels habe ich eine Fahne hochgehalten" so der Ultra. "Währenddessen wurde hinter mir Pyrotechnik gezündet. Weil sie dafür niemanden ausfindig machen konnten, wurde ich stattdessen bestraft." Rechtlich gesehen hat der Fan mit dem Halten der Fahne, in deren Schutz gezündelt wurde, kein Fehlverhalten begangen. Dennoch dauerte es lange, gerichtlich gegen das Stadionverbot vorzugehen. Vom finanziellen Aufwand ganz zu schweigen.

Weiterhin wird die maximal mögliche Dauer eines Stadionverbotes von drei auf fünf Jahre erhöht. Gelten soll dies für besonders schwere Fälle und Wiederholungstätern, das heißt Fans, gegen die aktuell ein Stadionverbot vorliegt. Die Stuttgarter Ultras des "Commando Cannstatt" waren die einzige Fangruppe, die sich zu den neuen Richtlinien des DFB zu Wort meldeten. Zur Verlängerung der Stadionverbotsdauer heißt es bei ihnen: "Dieser Punkt ist sicher die plakativste Verschärfung der Richtlinien und wird von den allgegenwärtigen Sicherheitsfanatikern unverständlicherweise immer noch als zu milde dargestellt. Wer wird sich, selbst im schwersten denkbaren, Fall anmaßen, das Verhalten eines Menschen für die nächsten fünf Jahren zu prognostizieren?"

Wenig Resonanz

Kurzfristig erhielt das Thema größere mediale Beachtung: Nachdem die Änderungen in der AG Stadionverbot der DFB-Kommission "Sicherheit, Prävention und Fußballkultur" bereits Ende Oktober beschlossen wurden, machte Spiegel Online Mitte November die Erhöhung der möglichen Maximaldauer eines Stadionverbotes zum Aufhänger eines Artikels. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) reagierte darauf mit einer Stellungnahme, in der sie den Tonfall des Berichts deutlich zurückwies. In der Pressemitteilung dazu heißt es: "Aus Sicht der BAG, die in der federführenden AG Stadionverbote der DFB- Kommission "Sicherheit, Prävention und Fußballkultur" mitgewirkt hat, handelt es sich bei den Neuerungen auch um erhebliche Präzisierungen und begrüßenswerte Verbesserungen der Richtlinien im Sinne der betroffenen Fans." Jedoch gibt die BAG gleichzeitig zu, dass es zu punktuellen Verschlechterungen gekommen ist: "Tatsächlich ist, nicht zuletzt unter erheblichem öffentlichem Druck, eine vierte Kategorie eingeführt worden, die ein Stadionverbot von bis zu 60 Monaten vorsieht." Was der Beginn einer öffentlichen Diskussion hätte werden können, wurde weder von den großen Fanorganisationen "ProFans", "Unsere Kurve", "B.A.F.F." noch den zahlreichen lokalen Fangruppen in irgendeiner Art kommentiert. Aus Sicht des "Commando Cannstatt" beim VfB Stuttgart, das auch eine Demonstration zum Thema organisierte, ein Versäumnis. Ein führendes Mitglied der Gruppe sagt: "Statt auf die Fans zuzugehen, dreht der DFB mit den neuen Stadionverbotsrichtlinien noch stärker an der Repressionsschraube. Die Demo mit rund 1.000 Teilnehmern war in unseren Augen ein wichtiges Signal, um die Öffentlichkeit in Stuttgart sowie die Kurvenbesucher für dieses Thema zu sensibilisieren und unserem Unmut Ausdruck zu verleihen."

Neben dem "Commando Cannstatt" äußerten sich hier nur die AG Fananwälte sowie die Fanrechtshilfen, die sich mit einiger Verspätung in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Neuerungen aussprachen. Der Fankongress am 18. und 19. Jänner in Berlin bietet die Möglichkeit, auch das Thema Stadionverbote samt der veränderten Richtlinien wieder auf die Tagesordnung in den Fanszenen und in einer größeren Öffentlichkeit zu setzen. 

Referenzen:

Thema: Stadionverbote
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