Der Euro rollt

cache/images/article_1892_img_0738[1]_140.jpg EM-Blog Bei der EURO gehts um Geld, deswegen heißt sie auch so. Ökonomisch auf dem Abstellgleis, können »Pleiteländer« wie Spanien, Italien und Portugal hier allerdings noch groß aufspielen. Besonders im Fokus steht die Partie Griechenland gegen Deutschland. Wird Hellas den Wählerwillen vollstrecken und sich dem Spardiktat auch auf dem Platz unterwerfen?
Nicole Selmer | 21.06.2012
Angela Merkel kommt zum Viertelfinale nach Gdansk. Die politischen Sterne für diesen Besuch stehen gut: Mit dem Ende der Vorrunde ging es für das deutsche Team raus aus der Ukraine, wo nach dem großspurigen Boykottgetöse der Wochen vor den Landtagswahlen äh, vor der EM möglicherweise für die Kanzlerin auch kein Plätzchen auf der Tribüne mehr frei gewesen wäre. Nach Polen jedoch gibts eine Einladung von Ministerpräsident Donald Tusk und die Kollegen in Rom verschoben zudem noch das Euro-Krisentreffen, um den Fußballterminplanungen entgegenzukommen.

Ein kleiner Haken wäre noch, dass der Gegner im Viertelfinale Griechenland heißt fußballerisch zwar weit entfernt von einer »Erzfeindschaft«, politisch ist die Lage zwischen den beiden Viertelfinalisten nach der Euro-Krise, der breiten Anti-Griechenlandkampagne im deutschen Regierungslager und bei der befreundeten Bild-Zeitung allerdings alles andere als gut. Die Erfinder der Demokratie haben nach ihrem ersten missglückten Wahlversuch jedoch auf das gehört, was ihnen die Leitartikler deutscher Wirtschaftsblätter raten und eine potenzielle Regierung der gemäßigten Parteien gewählt, die, anders als die linke Syriza zweitstärkste Kraft hinter der konservativen Nea Demokratia den vorgegebenen EU-Sparkurs zu erfüllen gedenkt und nicht gegen die Auflagen aus dem Norden rebelliert.

»Group of debt«
Dass Griechenland auch langfristig in der Euro-Zone bleibt, mag bezweifelt werden. Kurzfristig verbindet sich das Ja zum Euro jedoch gleich noch mit dem Ja zur Euro. Die griechische Mannschaft zog am Tag vor der Wahl durch den überraschenden Sieg über Russland ins EM-Viertelfinale ein. Dass das Turnier der besten nationalen Fußballteams Europas seit einigen Jahren so heißt wie das europäische Geld, ist in Zeiten des kommerzialisierten Eventfußballs ohnehin passend. In diesem Jahr jedoch hat es durch die Teilnahme der möglichen nächsten ökonomischen Pleitekandidaten Spanien, Italien, Portugal und Irland einen fast zynischen Beiklang. Von den irischen Fans wurde die Gruppe C so auch flugs in die »Group of debt« umgetauft. Immerhin: Italien und Spanien schafften den Sprung unter die letzten Acht und auch Portugal ist noch dabei. Wenn in den anstehenden Viertelfinalpartien die ökonomischen Schwergewichte aus England und Frankreich aus dem Weg geräumt werden, wäre das fußballerisch keine allzu große Schlagzeile wert.

Anders sieht es mit dem Viertelfinale zwischen »Spar-Deutschen« und »Pleite-Griechen« aus: Ein griechischer Sieg würde die sportliche Eurozone erschüttern und vielleicht auch einige Dellen in der wirtschaftlichen hinterlassen. Ob und wie Angela Merkel und der neue griechische Ministerpräsident Antonis Samaras das auf der Tribüne in Gdansk betrauern oder feiern würden, ob gar eine Spielwiederholung anzusetzen wäre, bis das richtige Ergebnis herauskommt? Vermutlich alles akademische Fragen. Der griechische Kapitän Giorgios Karagounis, Held des letzten Vorrundenspiels und gegen Deutschland gesperrt, hat aus dem Ausgang der Wahlen schon seine eigenen Schlüsse für den Ausgang des Spiels gezogen, wie das Künstlerkollektiv Schwabinggrad-Ballett aus Griechenland berichtet: »Die Botschaft der gestrigen Wahlen ist bei uns angekommen«, wird Karagounis zitiert. »Alle Spieler haben sich dazu entschieden, beim Spiel gegen Deutschland das zu tun, was die Mehrheit der Griechen sich wünscht: Wir werden verlieren.«
ballesterer # 121

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