Der Fall Speziale

cache/images/article_2008_catania_2_140.jpg Justiz Im November des vergangenen Jahres wurde ein Urteil gegen den 22-jährigen Antonio Speziale, Ultra aus Catania, bestätigt und er zu einer Haftstrafe von acht Jahren wegen Totschlags am Polizisten Filippo Raciti im Jahr 2007 verurteilt. Die Aufmerksamkeit rund um seinen Fall nimmt seitdem nicht ab. 
Edgar Lopez | 07.02.2013

Speziales Schicksal ist spätestens mit der ZDFinfo-Reportage »Verrückt nach Fußball« auch im deutschsprachigen Raum einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Zahlreiche Kurven in ganz Italien, aber auch in Deutschland und der Schweiz haben ihre Solidarität auf Spruchbändern zum Ausdruck gebracht und seine Freilassung gefordert. In Italien wurden einige Ultras dafür sogar mit Stadionverboten belegt. Für eine Solidaritätsbekundung in anderer Form wurde gegen Pietro Arcidiacono, einen Spieler der italienischen Serie D, ein einjähriges Spielverbot und ein noch längeres Stadionverbot verhängt. Sein Vergehen: Er hatte nach einem Torjubel ein T-Shirt mit der Aufschrift »Speziale innocente« in die laufenden Fernsehkameras gehalten. Das Urteil gegen Speziale sowie das gesamte Verfahren gegen ihn sorgten in der Welt der Ultras für Aufregung, weil er aufgrund einer mehr als fragwürdigen Beweisführung verurteilt wurde. Aber der Reihe nach.

Ein toter Polizist  
Rückblick: Während des sizilianischen Derbys zwischen Catania und Palermo am 2. Februar 2007 kommt es zu schweren Ausschreitungen. Von Beginn an ist die Stimmung explosiv. Die Gäste aus Palermo treffen erst mit erheblicher Verzögerung, weit nach Anpfiff, im Stadion ein. Sofort zünden sie pyrotechnische Erzeugnisse, von denen etliche auch auf das Spielfeld und in den Innenraum geworfen werden. Die Polizei antwortet darauf, indem sie Unmengen an Tränengas in den Gästeblock schießt. Das Gas verbreitet sich dort sehr schnell, macht aber erwartungsgemäß vor den anderen Tribünen und dem Platz keinen Halt. An ein Weiterspielen ist nicht zu denken, weswegen der Schiedsrichter die Partie unterbricht. Die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den jeweiligen Fanlagern dauern stundenlang an und verlagern sich später vor das Stadion. Dort kommt es immer wieder zu Angriffen und Gegenangriffen zwischen Polizei und Ultras. Am Ende des Abends fordern diese Szenen ihren Tribut. Der 40-jährige Polizeikommissar Filippo Raciti erliegt im Krankenhaus den Verletzungen, die er sich in Folge der Ausschreitungen zugezogen hat. 


Nur wenige Tage später wird der damals erst 17-jährige Antonio Speziale festgenommen und der Öffentlichkeit als dringend tatverdächtig präsentiert. Man wirft ihm vor, dass er Raciti gemeinsam mit anderen Personen mit einem Waschbecken beworfen und getroffen hätte. Dies habe bei Raciti ein stumpfes Drucktrauma ausgelöst, welches zwar keine äußerlich sichtbaren, dafür aber innere Verletzungen hervorgerufen habe. Später wird dies relativiert. Aus dem Waschbecken wird eine weitaus leichtere Waschbeckenunterverkleidung aus Blech. Speziale räumt den Wurf ein, besteht allerdings darauf, dass er weder den Polizisten noch sonst irgendwen getroffen habe. Das Verfahren gegen den Minderjährigen beginnt im September 2008. Im Februar 2010 wird er in erster Instanz zu einer Jugendhaftstrafe von vierzehn Jahren wegen Totschlags verurteilt. Zuvor lautete die Anklage noch auf Mord. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die Waschbeckenunterverkleidung Raciti getroffen habe und Ursache für seine schweren Verletzungen war. In einer ersten Berufungsverhandlung wird das Urteil bestätigt. Eine zweite Berufungsverhandlung im November 2012 beginnt mit anderen Vorzeichen. Ein kriminaltechnisches Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes der italienischen Polizei schließt kategorisch aus, dass der Polizist durch den Wurf tödlich verletzt worden sein kann. Das Urteil gegen Speziale wird trotzdem bestätigt und er direkt aus dem Gerichtssaal abgeführt. Er muss weitere sechs Jahre im Gefängnis verbringen. 

Weitreichende Folgen
Die Bestätigung des Urteils hatte die bereits erwähnte Welle der Solidarität und Empörung zur Folge. Neben dem nicht beachteten wissenschaftlichen Gutachten kommt nämlich hinzu, dass weitere entlastende Indizien seit Jahren nicht in die Urteilsfindung einfließen. So gibt es zwar zahlreiche Videoaufnahmen der Ausschreitungen, auf keiner dieser Aufnahmen ist jedoch zu sehen, wie Raciti getroffen wird. Auch hat man an der Kleidung Racitis blaue Lackspuren gefunden, die von einem der Polizeifahrzeuge stammen könnten, die während der Ausschreitungen im Februar 2007 zum Einsatz kamen. Mit einem solchen war Raciti an jenem Tag selbst unterwegs. Dies würde sich mit der Aussage seines Kollegen decken, der eben diesen Polizei-Jeep gefahren hat und mehrfach zu Protokoll gab, Raciti während der Ausschreitungen beim Zurücksetzen angefahren zu haben. Normalerweise ist es in Italien üblich, dass bei einem solchen Verdachtsfall gegen einen Polizisten der »Polizia di Stato« die Polizisten der »Carabinieri«, der anderen großen italienischen Polizeigattung, die Ermittlungen übernehmen. Im Fall Speziale war dies nicht so. Racitis Kollege nahm seine Aussage später zurück. Diese Spur wurde von der Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolgt. 

Racitis Tod sorgte seinerzeit für großes Aufsehen. Der komplette italienische Ligabetrieb wurde ausgesetzt und der gesamte Vorfall als Anlass genommen, um neue, restriktive Maßnahmen gegen die Ultras und organisierten Fanszenen zu verabschieden oder bereits vorhandene Mittel konsequent durchzusetzen. In einem solch gravierenden Fall mit so weitreichenden Konsequenzen sollte man in einem Rechtsstaat davon ausgehen, dass eine gründliche und vor allem faire Ermittlung vorangetrieben wird. In diesem Fall trifft das nicht zu. Giuseppe Lipera, Anwalt von Speziale, äußerte damals bereits die Vermutung, dass man aufgrund des immensen öffentlichen Druckes unbedingt einen Schuldigen präsentieren musste.  Antonio Speziale und seine Anhänger wollen aber nicht aufgeben. Aus Sizilien gibt es zuversichtliche Nachrichten: Anwalt Lipera will im Februar vor einem Revisionsgericht in Messina über die Neuaufnahme des Verfahrens verhandeln. Das letzte Wort ist hoffentlich noch nicht gesprochen.

Nachtrag: Der ursprünglich für diese Woche angesetzte Revisionsantrag der Verteidigung ist um mehrere Wochen verschoben worden. Anwalt Lipera hat dies beantragt, um zugunsten Speziales weitere Beweise sichten und bewerten zu können. 

Der Artikel ist zuerst in der aktuellen Ausgabe von Blickfang Ultra erschienen.

Referenzen:

Thema: Italien
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