»Der Großteil sind Event-Besucher«

cache/images/article_1478_fanbotscha_140.jpg WM-BLOG Die Koordinationsstelle der deutschen Fanprojekte (KOS) begleitet die Fans mit einer mobilen Fanbotschaft durch Südafrika und betreibt das Portal www.fanguide-wm2010.de. KOS-Leiter Michael Gabriel über lockere Eingangskontrollen, verhaftete Schwarzmarkthändler und südafrikanische Fans in Schwarz-Rot-Gold.
Nicole Selmer | 28.06.2010
ballesterer: Vor der WM gab es ja große Debatten um das Thema Sicherheit, in den Stadien und außerhalb. Ihr wart jetzt mit den deutschen Fans bei vier Spielen. Wie sind die bisherigen Erfahrungen?
Michael Gabriel: Generell kann man für die deutschen Fans sagen, dass sich die Befürchtungen, was Überfälle, Kriminalität usw. angeht, definitiv nicht bestätigt haben. Ähnliches habe ich von den Engländern gehört. Allerdings gibt es auch eine sehr hohe Polizeipräsenz an den Orten, wo sich die WM abspielt. Das sind keine Polizisten in Kampfmontur, sondern normale Beamte. Wie viele dann noch in Zivil dazu kommen, können wir nicht einschätzen, aber ich denke, eine ganze Menge. Die offiziellen WM-Orte werden auf diese Weise offensichtlich schon sicher gemacht.

Wie sieht es in den Stadien aus? Wie laufen die Kontrollen dort ab und wie verhält sich der Ordnerdienst?
Bei den Zugangskontrollen wird mit einem hohen technischen Aufwand und großer Personalstärke Sicherheit zumindest suggeriert. Man läuft, übrigens auch bei den meisten Fanfesten, durch elektronische Scanner wie am Flughafen. Dann blinkt und piept es oft, die Leute werden anschließend aber nur oberflächlich abgetastet und gehen relativ unbehelligt ins Stadion. Das ist verglichen mit dem deutschen Ligaalltag sehr angenehm. Es gibt auch keine großen Wartezeiten, alles geht recht zügig. Bei den Tickets wird nicht ansatzweise darauf geachtet, welche Namen draufstehen, es muss sich niemand ausweisen. Bei den Spielen in Durban und Port Elizabeth war es sehr entspannt, es gab keine Auseinandersetzungen, ob gestanden oder gesessen wird. Der Ordnungsdienst im Stadion war an beiden Orten zurückhaltend und freundlich. Die Fans hatte auch keine Probleme, die Bereiche zu wechseln oder Transparente und Banner aufzuhängen.
Und in Johannesburg? Beobachtet ihr Unterschiede zwischen den Spielorten?
In Johannesburg war es anders. In der Soccer City beim Ghana-Spiel Transparente aufzuhängen, war von Anfang ein Problem. Ein Hintergrund scheint zu sein, dass dort die Polizei nach den Protesten und Entlassungen der Sicherheitsleute den Ordnungsdienst übernommen hat. In Durban ist das inzwischen auch so. Als wir dort waren, war noch der private Sicherheitsdienst zuständig. Die Polizei ist im Umgang mit den Fans rigider. Es geht weniger darum, die Bedürfnisse der Zuschauer zu berücksichtigen, als um die Umsetzung der Regularien. So ist zumindest unser Eindruck. Die Fangruppen, die bisher die beste Stimmung gemacht haben, waren die aus Mexiko und Argentinien. Die haben wohl auch die meisten Probleme, da stehen so viele, hüpfen und singen und tanzen. Da hat es bereits öfter Stress gegeben, weil der Ordnungsdienst versucht hat, das zu unterbinden.  
Beim Spiel gegen Ghana ist es auch zu Auseinandersetzungen im deutschen Block gekommen.
Ja, das stimmt. Das wird jetzt allerdings auch etwas dramatisiert, meiner Einschätzung nach war da kein Potenzial für eine ernstere Auseinandersetzung vorhanden, und es wurde auch niemand festgenommen. Das Problem war, dass die Leute in den ersten Reihen stehen wollten. Die Fans dahinter haben sich beschwert. Es kam zu Pöbeleien, einzelne Fans wurden bespuckt. Das geht natürlich nicht. Die Polizei ist dann rein und hat drei Leute rausgeholt. Das sah sehr dramatisch aus, weil einer von vier Polizisten an Armen und Beinen rausgetragen wurde. Letztendlich haben sie ihn dann aber hinter dem Block einfach abgelegt und die Fans konnten das Spiel im Stadion verfolgen. Entspannt hat sich der Konflikt dann auch, weil wir den Rest der Gruppe angesprochen haben und überzeugen konnten, zur zweiten Hälfte in den oberen Bereich des Blocks zu gehen, wo sie ohne Probleme stehen konnten. Das waren eben auch Fans, die keine Sitzplätze und keinen Kommerz wollen und diese Grundhaltung aus dem Ligaalltag zur WM mitbringen.
Repräsentativ für das WM-Publikum scheinen sie aber nicht zu sein
Nein, sie sind auch nicht unbedingt repräsentativ für die deutschen Fans. Insgesamt würde ich den überwiegenden Teil der Zuschauer hier als Eventbesucher bezeichnen. Mein Gefühl ist, dass das auch für die südafrikanischen Zuschauer gilt, aber das ist schwieriger zu sagen. Man darf sicher nicht den Fehler machen, das Zuschauerverhalten bei einer WM mit dem zu vergleichen, was wir aus der deutschen Bundesliga und dem sonstigen europäischen Ligaalltag kennen. Das hat mit Fankultur oft relativ wenig zu tun. Es sind hauptsächlich Eventbesucher, die sich kostümieren und mit Hüten und Verkleidungen auflaufen. Wenn wir unser Fanzine Helmut, das wir für jedes deutsche Spiel produzieren, verteilen, gehe ich regelmäßig auf schwarz-rot-gold kostümierte Gruppen zu, und das sind dann sehr oft Südafrikaner.

Auf den Fernsehbildern sieht man, dass die Stadien nur selten ganz ausverkauft sind. Wie ist die Ticketsituation?
Auch sehr unterschiedlich. Vor dem Ghana-Spiel waren wir beim FIFA Ticketing Centre, da war direkt gegenüber der Schwarzmarkt mit professionellen Händlern, ganz offensichtlich und völlig unbehelligt. Bei den ersten beiden Spielen war es ohne Probleme möglich, überzählige Tickets loszuwerden bzw. noch welche zu kaufen. Es gab auch keine erhöhten Preise. Ein Groundhopper, der hier unterwegs ist, hat für sieben Spiele Karten auf dem Schwarzmarkt bekommen und zwei davon sogar geschenkt gekriegt, eine davon fürs Eröffnungsspiel. Auf der anderen Seite haben wir in Pretoria erlebt, dass viel Polizei unterwegs war, die gezielt Ticketverkäufer verfolgt und festgenommen hat, dabei wurden auch verdeckte Ticketkäufer der Polizei eingesetzt. Was mit den Festgenommenen passiert ist, wissen wir nicht. Die Strafen sind jedoch relativ hoch, da ist also durchaus Vorsicht geboten.

Wie sieht außerhalb der Stadien es mit den Public-Viewing-Zonen in Südafrika aus?
Ebenfalls unterschiedlich. Ganz toll war es in Durban am Strand mit einer Leinwand im Sand, in netter und entspannter Atmosphäre. Die Stadt hat viele lokale Initiativen eingebunden, die drumherum Stände aufgebaut haben, das war richtig klasse. Ansonsten scheinen die Verantwortlichen aber auch Fehler von der WM in Deutschland und der EURO in Österreich und der Schweiz wiederholt und schlechte, unattraktive Standorte ausgesucht zu haben. In Port Elizabeth etwa ist das Public Viewing in einem ungünstig gelegenen Cricketstadion. Am Tag vor dem Deutschland-Spiel waren da gerade mal 50 Leute, bei einer Kapazität von 35.000. Wenn solche Orte dann noch sicherheitstechnisch und kommerziell zugerichtet werden und man nur Speisen und Getränke der Sponsoren zu hohen Preise kaufen kann dann funktioniert das eben nicht.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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