»Der Hans macht, was er will«

cache/images/article_1582_1983-410-6_140.jpg Die Tasche hat er ihm nicht getragen. Dennoch verbindet die Austria-Ikone Herbert Prohaska und den Erz-Rapidler Hans Krankl eine lange, gemeinsame Geschichte. Der heutige ORF-Analytiker über nicht zustande gekommene Mailander Derbys, das Kind im Krankl und dessen unantastbare Popularität.
ballesterer: Herr Prohaska, wie verstehen Sie sich mit Hans Krankl?
Herbert Prohaska: Wir haben privat wenig miteinander zu tun, weil wir verschiedene Interessen und Freundeskreise haben. Aber wir verstehen uns gut, wenn wir uns treffen.

Wenn Sie zusammenkommen, soll der Schmäh ja in Dauerschleife laufen.
Ich bin in Gesellschaft lustig, wenn ich mich an Geschichten von früher erinnere. Die gibt es mit ihm natürlich zuhauf, weil wir unsere Karriere praktisch gleichzeitig gestartet haben. Es war auch einmal eine sehr gute Freundschaft da. Sie ist nicht durch Unstimmigkeiten oder Streitereien in die Brüche gegangen, sondern wir haben uns privat aus den Augen verloren. Daher kommen wir nur mehr zu besonderen Anlässen zusammen.

Seit wann kennen Sie Hans Krankl?
Es gab früher die Wiener Auswahl, er hat dort in der Jugend gespielt und ich bei den Schülern, weil er zwei Jahre älter ist. Da haben wir uns kennengelernt. Wahrscheinlich erzählt er noch immer dieselbe Geschichte, dass ich ihm damals nach einem Match im Burgenland die Tasche getragen hätte. Was natürlich nicht stimmt. (lacht)

Hat sich schon damals gezeigt, dass Krankl einmal eine einnehmende Persönlichkeit im österreichischen Fußball wird?
Ja. Bei einem Torjäger ist der Egoismus etwas ausgeprägter als auf anderen Positionen. Er wird es nie zugeben, aber ich glaube, am liebsten hat er bei Rapid im Sturm mit den zwei Pawlek-Brüdern gespielt. Die haben nie ein Tor geschossen und nur auf ihn geflankt. Ich kann mich auch noch gut an die Weltmeisterschaft in Argentinien erinnern, als der Hans gemeinsam mit Walter Schachner Torschusskombinationen trainieren sollte. Einer flankt, einer schießt immer abwechselnd. Er hat es tatsächlich geschafft, dem Schachner einzureden, dass es viel besser sei, zu flanken, damit er immer selbst schießen konnte. (lacht)

Hatten Sie auch Kontakt zu Krankl während Ihrer Legionärszeit in Italien?
Natürlich. Wir haben öfters telefoniert und ich habe mit ihm in seinem ersten Jahr in Barcelona sogar Silvester gefeiert.

Haben Sie auch das Angebot vom AC Milan für Krankl eingefädelt?
Nein. Inter hat damals Penarol Montevideo, FC Santos, Feyenoord und Milan zu einem Turnier eingeladen, das sich über zwei Wochen erstreckt hat. Bei einem der Spiele ist der Inter-Präsident in die Kabine gekommen und hat zu mir gesagt: »Ich habe einen Freund mitgebracht«. Plötzlich kommt der Krankl bei der Tür rein und erzählt, dass er mit Milan einig sei. Ich habe geantwortet: »Super, haben wir da auch ein Derby.« Als er dann wieder zu Hause war, sind ihm aber Zweifel gekommen. Ich weiß nicht, ob er es zugibt, aber es war schon damals so: Wenn der Hans über die Reichsbrücke gefahren ist, hat er schon Heimweh gehabt. Kein Fußballer der Welt hätte Milan abgesagt. Aber es hätte ihm dort eh nicht gefallen. Milan hatte damals zwei Flügel, die sehr gut waren, aber nie geflankt, sondern nur gedribbelt haben.
Wie stand es um die Freundschaft zwischen Ihnen, wenn sie gegeneinander gespielt haben?
Nach einem Derby haben wir uns sicher nicht getroffen, soviel kann ich sagen. Die Derbys sind aber früher viel intensiver geführt worden, weil viele Spieler jahrelang gemeinsam in einer Mannschaft, bei Rapid oder Austria, gespielt haben. Für uns war es das wichtigste Spiel des Jahres.

Sie und Krankl sind nach dem Ende der aktiven Karrieren sofort Trainer bei Ihren Herzensklubs geworden. Mit dem Unterschied, dass Sie Erfolg hatten.
Für mich war der Einstieg einfacher. Ohne mich selbst zu beweihräuchern, war ich immer schon ein Stratege, der sich mit Taktik auseinandergesetzt hat. Alles, was ich lernen musste, war, richtig zu trainieren. Für den Hans war es sicherlich schwieriger, weil er sich in seiner aktiven Zeit weniger mit Taktik auseinandersetzen musste. Ihm ist wichtig gewesen, dass er vorn die Bälle bekommt. Was die anderen dafür anstellen mussten, war ihm wurscht. Er war gewohnt, Rapid zu verkörpern, ohne zu bedenken, dass er mit seiner Persönlichkeit einige Leute erdrückt hat. Unter dem Motto: Gewinnt Rapid, hat der Trainer gewonnen verliert Rapid, haben die Spieler verloren. Das ist irgendwann schlecht für die Spieler. Heute macht er das nicht mehr, auch wenn er immer im Mittelpunkt stehen wird, weil er im österreichischen Fußball die größte Persönlichkeit war und ist.

Woran ist Krankl als Trainer gescheitert?
Ich habe das schon oft gesagt, aber du brauchst halt Glück im Fußball. Bei allen vier Titeln, die ich mit der Austria geholt habe, war das so. Auch beim ersten im Cupfinale gegen Rapid mit Hans Krankl als Trainer. Er hat keinen Fehler gemacht, aber er hat zehn Minuten vor Schluss Fjörtoft ausgetauscht und fünf Minuten später den Kranjcar. Wir haben in der 91. Minute ausgeglichen. In der Verlängerung hatte Rapid keinen Stürmer, weil nur zwei Wechsel erlaubt waren. Ich habe Stöger und Hasenhüttl eingewechselt, die das 2:1 und 3:1 geschossen haben. Aber nicht, weil ich es gewusst habe.
Skender Fani war als enger Freund und Berater immer an Krankls Seite in seiner Trainerkarriere. War es ein Problem, dass er sich nicht unabhängig gemacht hat von manchen Leuten in seinem Umfeld?
Der Hans hat einen Freundeskreis, der ihm mehr zuhört. Natürlich sind es seine Freunde, aber sie schauen zu ihm auf. Für ihn war es immer schwer, Kritik zu empfangen. Oft ist aber gerade Kritik aus dem Freundeskreis wichtig.
Sie gehen in Ihrer Rolle als TV-Analyst auf, bei Krankl glaubt man eher, er würde gerne noch einmal Trainer sein. Eine richtige Beobachtung?
Ich hatte beim ORF drei Jahre lang die Klausel, dass sich der Vertrag bei einem Trainerangebot auflöst, es hat sich aber nichts Passendes ergeben. Mittlerweile sind zehn Jahre seit meiner letzten Trainerstation vergangen und ich genieße das, was ich mache. Ich habe mehr Freiheiten, mehr Zeit für die Familie und verdiene noch immer mein Geld im Fußball. Eigentlich ist das ideal für mich. Trainer zu sein, ist zwar schön, aber nicht so schön, wie Fußballer zu sein. Beim Hans würde ich sagen, ohne es zu wissen, dass er gerne noch einmal Rapid trainieren würde. Aber die Jahre ziehen ins Land und bei Rapid wird für ihn so schnell nichts frei werden unter dem Präsidenten Edlinger.

Ist es nach dem Job als Nationaltrainer umso schwieriger, wieder als Klubtrainer zu arbeiten?
Würde ich nicht sagen. Als Klubtrainer kann man bei einer Mannschaft leichter etwas bewirken. Im Nationalteam ist es oft schwer, eine Handschrift zu erkennen. Beppo Mauhart hätte mich nach zwei oder vier Jahren stanzen können, aber er hat mich arbeiten lassen. Der Hans hat halt als Teamchef nicht diese Zeit bekommen und außerdem war mein Spielermaterial viel besser als für all jene, die nach mir gekommen sind. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, aber nur weil der Mauhart mich gelassen hat und kein Populist war. Irgendwann kommen die Medien und Sponsoren und fordern Änderungen. Wobei ich auch weiß, dass viele Sponsoren nicht so zufrieden mit dem Hans waren, weil er gemacht hat, was er wollte.
Was denn zum Beispiel?
Beim ÖFB-Team hatten sie einen Sponsorenvertrag mit einem Autohersteller, aber der Hans ist mit dem Porsche gefahren. Statt der Uhr von Swatch hat er halt seine eigene getragen. Lächerliche Dinge, aber der Sponsor zahlt viel Geld, und will dann, dass gerade ein Krankl mit seinem Auto vorfährt. Ich habe auch zu Hause den Mercedes stehen gehabt und bin mit dem Seat gefahren. Jedes Mal auf der Autobahn habe ich gedacht, dass Auto fliegt auseinander. (lacht) Ich habe den Hans immer mit einem Kind verglichen: Er ist ein Mensch, der macht, was er will, und nicht das, was andere als seine Verpflichtung sehen.

Seiner Popularität schadet das aber nicht.
Es kann ihm gar nix schaden. Selbst wenn er wie der Beckenbauer ein Kind mit einer Sekretärin hätte, täten die Leuten sagen: »Is ja wurscht, des is da Krankl.« Er hat halt einfach dieses Charisma. Es wird zwar immer Leute geben, für die er ein Volldillo ist. Aber für die anderen ist er Gott.
ballesterer # 121

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