Der Meister

Stefan Kraft | 17.05.2004

»Das ist dein Leben und es endet Minute für Minute«, sagt Tyler Durden in »Fight Club«. Vielleicht hat sich Henrik Larsson in dieser Saison so gefühlt. Minute für Minute endete sein Leben im grün-weißen Dress. Plötzlich kam der Tag, der letzte Tag, die letzten 90 Minuten. Am Sonntag spielte Henrik Larsson sein letztes Liga-Spiel für Celtic Glasgow.

Von dem Moment an, da er den Rasen betrat, da endete auch für die 58.386 Zuschauer im Celtic Park ein Abschnitt ihres Lebens. In sieben Jahren schoss Larsson 240 Tore in 314 Spielen, das sind im Schnitt drei Treffer in vier Spielen, er verlässt den Klub als drittbester Torschütze aller Zeiten und bester Goalgetter nach dem Zweiten Weltkrieg. 52 Tore erzielte Larsson allein in der Saison 2000/2001 für seinen Verein, bekam dafür auch den Goldenen Schuh von der UEFA.

Statistiken sagen wenig aus über die unglaubliche Anteilnahme der Celtic-Fans für ihren nun ehemaligen Star, ihre tiefe Bindung an den schwedischen Legionär, der 1997 von Feyenoord nach Glasgow wechselte, um fortan in der Celtic-Chronik sein eigenes Kapitel zu schreiben. Als Larsson im Oktober 1999 einen Beinbruch im UEFA-Cup-Spiel gegen Lyon erlitt, war das halbe East End von Glasgow in Aufruhr. Das Krankenhaus wurde belagert, tausende Fans litten an Schlafstörungen, bangten um die Zukunft ihres Stürmers. Larsson kam zurück: Auf das Treble 2001 (Celtic Glasgow wurde Meister, Cup- und Ligacupsieger) folgte eine Vertragsverlängerung bis 2004. Die UEFA-Cup-Saison 2002/2003 wurde schließlich zu seinem größten Auftritt, er schoss die Siegestore gegen Blackburn und Boavista und traf zweimal im Finale gegen den FC Porto (es reichte nicht für den Sieg, aber Larsson war der Held des Abends). In so gut wie jedem wichtigen Spiel hat er für Celtic Tore gemacht.

Der göttliche Larsson führte auch Regie in seinen letzten 90 Minuten, in seinem letzten Spiel in der schottischen Meisterschaft, in seiner letzten Saison bei Celtic Glasgow. Von Beginn an stand unter den fast 60.000 Zuschauern fest, dass nur ihm allein an diesem Tag jedes einzelne Lied gewidmet werden sollte. »You are my Larsson, my Henrik Larsson, you make me happy when skies are grey« schallte es alle zehn Minuten der letzten Minuten durch den Celtic Park – und Henrik wusste was zu tun war. Nach einem Freistoß von Alan Thompson erzielte er in der 81. Minute eines seiner unvergesslichen Kopfballtore zum 1:0 gegen Dundee United. Drei Minuten später verwandelte Larsson eine Vorlage von Didier Agathe zum zweiten Tor und zur Unsterblichkeit. Niemand im Celtic Park blieb da noch sitzen und die wenigen mitgereisten Dundee-Fans hatten auch besseres zu tun, als ihr Team in diesem bedeutungslosen Spiel anzufeuern: »You are my Larsson« sang nun wirklich jeder der Anwesenden, bis zum Schlusspfiff, bis zur letzten Minute, in der das Erwartete und doch Unfassbare eintrat - und Henrik Larsson seinen Abschied nahm. Da stand er nun, allein unten auf dem Rasen, der Stadionsprecher hatte ihn noch einmal aufgerufen, er weinte und viele Tausende auf den Rängen weinten mit ihm. 30 Minuten später erschien Henrik Larsson zur Pressekonferenz, setzte sich vor’s Mikrofon und meinte: »Ich kann das jetzt nicht«. Und ging wieder. Seine letzte Minute war abgelaufen.

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Rubrik: Wochentags
Thema: Celtic FC, Henrik Larsson
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