Der Nächste, bitte!

cache/images/article_1440_09gaucho_k_140.jpg WM-BLOG Die Plätze auf der Pressetribüne sind bei der WM heiß begehrt. Viele Journalisten müssen deshalb im Wartezimmer Platz nehmen, in dem sich interessante Szenen abspielen. Zum Doktor müssen aber nur jene, die dem südafrikanischen Winter nicht mit der angemessenen Kleidung begegnen.
»Ladies and Gentlemen, we will now begin to hand out the match tickets for those of you who are registered on the waiting list. We are all professionals, so please stay calm.« Im Medienzentrum des Ellis Parks von Johannesburg beginnt der grauhaarige Herr von der FIFA eine Prozedur, die sich in den WM-Spielorten mehrmals täglich wiederholt. Nur ein Teil der akkreditierten Journalisten hat schon eine Matchkarte in der Tasche, die eine Voraussetzung für den Besuch der Pressetribüne darstellt. Für den Rest heißt es: warten und zittern.

Dieses Mal ist der Andrang besonders groß, schließlich steht der erste Auftritt von Rekordweltmeister Brasilien gegen Nordkorea auf dem Programm. Rund 250 Presseleute stehen vor dem Ticketschalter an und jeder spitzt die Ohren, ob sein Name als nächster aufgerufen wird. Es wird sanft gedrängelt und der FIFA-Verantwortliche muss die Reporter mehrmals darauf hinweisen, ein paar Schritte zurückzutreten, um sich etwas Luft zu verschaffen. Die Anwesenheit zweier Polizisten scheint aber dennoch übertrieben und dürfte ihre Ursache eher im Streik des sich geprellt fühlenden Sicherheitspersonals haben als in befürchteten Ausschreitungen ausgesperrter Journalisten.

Die erste Runde an Tickets geht an die zweite und dritte Reihe der brasilianischen Medien, es folgen Journalisten aus prominenten Teilnehmerländern wie England, Argentinien, Deutschland, Frankreich und Italien. Für die Selektion herangezogen wird auch die Bedeutung des jeweiligen Mediums: der Herr von der Süddeutschen bekommt also den Vorzug gegenüber dem Vertreter der Leipziger Volkszeitung.

»Austria« wird bei den ersten zwei alphabetisch vorgenommenen Runden übergangen, was den neben mir stehenden Standard-Berichterstatter Christian Hackl zur Aussage veranlasst: »A Nordkoreaner miaßt ma sein.« Als sich ein aufgerufener Mexikaner nicht meldet, zischt er in Richtung Peter Linden: »Geh, Peli, zag auf. Du schaust eh a bissl aus wie a Mexikaner.«

Nach der dritten Runde können Hackl und Linden genauso wie Stefan Riecher von der Presse beruhigt abgehen, sie haben eine Karte zugesprochen bekommen. Mein Name wird hingegen nicht aufgerufen. Das weltweite Standing des ballesterer scheint ausbaufähig; Kollegen aus Bangladesch, Myanmar, Benin und sogar aus Mauritius erhalten den Vorzug, ehe die Warterei um 20.15 Uhr, eine Stunde nachdem sie begonnen hat, ein unbefriedigendes Ende nimmt.

»We are sorry, there are no more tickets left«, lautet die Botschaft vom FIFA-Schalter. Ich gehe also leer aus und lasse, während sich die anderen 50 Übergangenen hitzige Wortgefechte mit den FIFA-Menschen und völlig unschuldigen Volunteers liefern, das Medienzentrum hinter mir. Dass ich trotzdem ins Stadion komme verdanke ich einem Polizisten am Eingangstor, der sich mit meinem FIFA-Akkreditierungspass zufrieden gibt. Ein Matchticket will er nicht sehen, und so stehe ich pünktlich zur nordkoreanischen Hymne auf der Hintertortribüne, auf der noch ein paar Sitze frei sind.

Der Ellis Park präsentiert sich als großer Eiskasten. Angesichts von Temperaturen um den Gefrierpunkt hüllt sich ein guter Teil der Zuschauer in Decken, Hauben und Ohrenschützer sind der neue Verkaufsschlager der WM und wurden den Händlern vor dem Stadion förmlich aus den Händen gerissen. Die Vuvuzelas scheinen zum Teil eingefroren: die Tröterei ist viel leiser als bei meinem letzten Besuch an gleicher Stelle. Die Gesänge der Brasilianer kommen trotzdem nicht zur Entfaltung, ein Großteil der in gelb-blau-grünes Merchandise gehüllten Fans kommt aus Südafrika und nicht aus -amerika.

Die Geduld, die sie mit der schwachen »Selecao« haben, ist erstaunlich. Mitte der ersten Halbzeit schlägt Kaka einen Querpass unbedrängt ins Seitenout doch niemand denkt daran, ihn dafür auszupfeifen. Der Spielwitz in Dungas Elf wird fast ausschließlich von Robinho verkörpert, dazu marschiert Maicon in gewohnt eindrucksvoller Manier die rechte Seite auf und ab. Die Nordkoreaner stehen tief, wissen jedoch im Gegenzug mit präzisen Spielzügen schnell umzuschalten. Jong Tae-se macht aus seinem Starstatus kein Hehl und fordert in Maierhoferscher Manier seine Mitspieler durch Aufzeigen und Zurufe ständig auf, ihn doch anzuspielen. Klar in den Schatten gestellt wird der Stürmer von Kawasaki Frontale von Nordkoreas Nummer 10, dem Russland-Legionär Hong Yong-jo.

Nach meinem ersten WM-Pausen-Budweiser für 30 Rand (drei Euro) wechsle ich für die zweite Hälfte in den Block der Brasilianer auf den Unterrang der Gegengerade, wo sich vor allem Fans aus Sao Paolo aufhalten. Nach dem sich die Jubeltraube nach dem 1:0 durch Maicon wieder entwirrt hat, gestatten sie mir, eine mannshohe Kopie des WM-Pokals zu umarmen, die dann beim zweiten Treffer durch Elano gleich wieder zum Einsatz kommt. Die nordkoreanische Fraktion im Oberrang der Haupttribüne darf kurz vor Schluss auch noch jubeln. Ob es sich bei den rund 100 rotgewandeten Tifosi um wirkliche Söhne und Töchter Kim Jong-ils oder »eingekaufte Jubelchinesen« handelt, lässt sich nicht herausfinden
ballesterer # 121

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