Der Prater lässt grüßen

cache/images/article_2112_rfef_140.jpg CONFED-BLOG Spanien und Italien wiederholen in Fortaleza das Resultat vom EM-Viertelfinale 2008 - mit demselben Sieger. Vorm Stadion Krawalle und religiöse Eiferer. Drinnen Pfiffe für den Sieger, eine begeisterte Shakira und ein brasilianischer Reporter, der den Spielern der »Furia roja« nachsagt, es faustdick hinter den Ohren zu haben.
Fortaleza geht äußerst stimmungsvoll in das zweite Halbfinale. Am Vorabend ist nach dem Sieg der »Selecao brasileira« im fernen Belo Horizonte Partystimmung angesagt. Am Strand von Iracema heizen lokale Forro-Bands auf einer großen Bühne der einheimischen Bevölkerung mit explosiven Tanzrhythmen ein. Die Präfektur hat das traditionellen Endjunifest zu Ehren des heiligen Johannes mit dem Konföderationen-Cup verschmelzen lassen. Der Event heißt offiziell: »Fest des Sao Joao zum FIFA-Konföderationen-Cup« - es wird nun sogar ein Heiliger für eine FIFA-Veranstaltung vereinnahmt.  

Sonnenschutz und Gottestreue
Dazu passend werden den Journalisten, die am Nachmittag des Spiels am Estadio Castelao aus dem Medienbus steigen, von englischsprachigen Mitarbeitern eines christlichen Missionswerks mit dem Rat empfangen, sich vor der Sonne zu schützen und doch bitte die ausgeteilten Broschüren genau zu studieren. In dieser sind zwar Spielszenen aufgezeichnet, textlich wird aber zur Buße und Treue gegenüber dem Herrn aufgerufen. Hier und heute stört sich niemand an derartiger Propaganda. Wenn nächstes Jahr aber der Iran an der WM teilnimmt, könnten dessen Journalisten gewisse Zweifel an solchen Inhalten äußern.

Jedenfalls sollten die Initiatoren des Jesusforums an diesem neuerlich sehr schwülen und heißen Nachmittag nach 120 Minuten noch voll auf ihre Kosten kommen, heißt doch der letzte spanische Elferschütze Navas mit Vornamen wie der Sohn Gottes. Ausgerechnet ein Jesus sollte somit zum Sargnagel für den begeisterten Wallfahrer Cesare Prandelli werden.

Vor Spielbeginn kommt es zu ähnlichen Szenen wie beim letzten Spiel der Spanier. Beim Einlaufen gibt es Missfallenskundgebungen seitens des brasilianischen Publikums, Italien wird dagegen jubelnd empfangen. Die Charmeoffensive der spanischen Spieler und von Coach Vicente del Bosque, der bei jeder Gelegenheit die tollen Gastgeber und die sympathischen Menschen des Landes lobt, waren vergebens.

Demonstranten gegen Fans
Draußen, etwa einen Kilometer vom Stadion entfernt, liefern sich einstweilen rund 1.000 Demonstranten eine neuerliche Straßenschlacht mit der Polizei. Auch mehrere unbeteiligte Anrainer kommen in den Genuss des beißenden Tränengases. Ein Fanbus wird mit Steinen beworfen, zwei Passagiere dadurch verletzt und der Wagen einer TV-Station angezündet. Mehr als 700 Meter kommen die Demonstranten aber nicht ans Stadion heran.

Das Spiel nimmt anfänglich den erwarteten Verlauf: Italien zieht sich weit zurück und agiert mit einem Defensivriegel einer Fünfer- und davor einer Viererkette. Mit ähnlichen Mitteln hat Uruguay am Vortag die Brasilianer lange nicht ins Spiel kommen lassen. Das zweite Halbfinale sollte sich aber dann doch ganz anders entwickeln. Bereits nach fünf Minuten ist klar, dass Italien nicht in vergangene Catenaccio-Zeiten zurückfallen wird. Der später zum »Man of the Match« gewählte spanische Torhüter Iker Casillas drückt es bei der Pressekonferenz so aus: »Das, was der rechte Außenverteidiger Maggio gespielt hat, hat ja eigentlich mehr der Rolle eines Flügelstürmers entsprochen. Und Giaccherini hat uns mit seinen Dribblings auch mehr als einmal in Verlegenheit gebracht.«

Italienisches Pech und 13 Elfer
Tatsächlich spricht die Halbzeitbilanz trotz des obligatorischen spanischen Übergewichts beim Ballbesitz eine klare Sprache: 8:2 Schüsse aufs Tor von Casillas. Nur das Pech, das schon Nigeria im Verwerten der Chancen hatte, klebt auch den Italienern an den Füßen. In der zweiten Hälfte müssen die Italiener dann der Hitze Tribut zollen und sind nicht mehr zwingend in ihren Offensivbemühungen, immerhin stehen sie hinten aber so sicher, dass sie ein Gegentor verhindern können. Dabei sollte der spanische Innenverteidiger Gerard Pique fast das Kunststück zuwege bringen, nach einer Klärung im eigenen Strafraum im Gegenzug das 1:0 für die Spanier zu erzielen.

So bleibt es aber beim 0:0. In der Verlängerung dann jeweils ein Stangenschuss, was die Ausgewogenheit der Partie noch einmal untermauert. Daher muss die Entscheidung im Elferschießen fallen. Anders als in Wien, als nach sechs verwandelten Elfern Schluss war, brauchte es diesmal mit 13 mehr als doppelt so viel, um eine Entscheidung zu finden. Danach kein überschwänglicher spanischer Jubel auf dem Spielfeld, sehr wohl aber auf der Ehrentribüne, wo die angereiste Shakira begeistert alle ihre Sitznachbarn umarmt.

Ein lustiger Abend mit Folgen
Ob die Anwesenheit von Piques Freundin mit den Gerüchten um nächtliche Ausschweifungen einiger spanischer Spieler nach dem Sieg gegen Uruguay in Recife zu tun hat? Fakt ist jedenfalls, dass einigen Kadermitgliedern dort im Hotel Geld entwendet wurde. Über das Warum wird wahrscheinlich erst ein Prozess Klarheit bringen. Der spanische Verband hat jedenfalls äußerst verärgert auf die Angelegenheit reagiert. Dem Internetportal globoesporte.com, das die Geschichte aufgedeckt hat, wird bewusste Verbreitung von Falschinformationen und eine Diskreditierung von Spielern, die oftmals Familienväter wären, vorgeworfen.

Der Journalist Victor Canedo, der für globoesporte.com arbeitet, reagiert im persönlichen Gespräch nach dem Spiel gelassen. »Unsere Reporter haben die Sache gewissenhaft recherchiert. Vor Gericht werden die Zeugen dasselbe aussagen. Die spanische Presse sollte nicht so blauäugig sein und dem Verband alles glauben. Einige Herren der »Seleccion« haben es nach unseren gesicherten Informationen faustdick hinter den Ohren, was nicht jugendfreie Aktivitäten betrifft.«  

Auf der sportlichen Ebene sieht Canedo die Spanier am Sonntag in der Außenseiterrolle. »Sie haben eigentlich von Spiel zu Spiel immer mehr abgebaut und heute alles Glück dieser Welt gebraucht, um weiterzukommen«, so Canedo. Am Sonntag würden sie dieses intensive Halbfinale noch spüren und in ein Stadion kommen, das auf Seiten von Brasilien stehe. »Ich glaube und hoffe daher, dass sie im Finale fallen werden.«

Referenzen:

ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png