Der Prügelknabe als Rettungsanker

cache/images/article_1276_witsel_140.jpg Belgiens Fußball erlebt seit Wochen einen Schock nach dem anderen. Der nächste scheint bei Standard Lüttichs erstem Auftritt in der Champions League gegen Arsenal London am Mittwochabend vorprogrammiert. Alles blickt dabei auf Standard-Mittelfeldspieler Axel Witsel.
Klaus Federmair | 15.09.2009
Mit insgesamt 2:8 Toren wurde Vizemeister Anderlecht von Olympique Lyon aus dem Rennen um die Champions League gefegt. Doch das war nur der Anfang einer schwarzen Serie für den belgischen Fußball. Wenige Tage später eskalierte der seit Monaten schwelende Konflikt der beiden Spitzenteams Standard und RSC Anderlecht beim direkten Aufeinandertreffen sowohl auf dem Rasen (eine Rote, acht Gelbe Karten) als auch anschließend bei schweren Fanausschreitungen auf der Straße. Im Mittelpunkt der Gewaltorgie stand der mehrfache offene Schien- und Wadenbeinbruch des polnischen RSC-Spielers Marcin Wasilewski nach einer üblen Attacke von Belgiens Nachwuchsspieler des Jahres 2008, Axel Witsel.

Tagelang lang beherrschte das Foul nicht nur die Sportseiten. Witsel berichtete von Morddrohungen, auf dem Weg zur Disziplinarkommission musste die Polizei den Spieler vor aufgebrachten Anderlecht-Fans schützen. Die ursprüngliche Sperre von elf Spielen, plus 2.500 Euro Geldstrafe und Benachrichtigung der UEFA, sahen Witsel und sein Klub als Folge einer medialen Vorverurteilung und beriefen. Damit erreichten sie eine Reduktion auf acht Spiele, 250 Euro und die Verhinderung einer Europacup-Sperre.

Absturz der Roten Teufel
In diesem Klima schien die einwöchige Meisterschaftspause, verursacht durch die WM-Qualifikationswoche, gerade recht zu kommen. Schließlich ist die Reizfigur Witsel nach seinem  Ausschluss gegen Bosnien  auch für das Nationalteam noch längerfristig gesperrt.
Olivier Deschacht, Verteidiger bei Anderlecht und im Nationalteam kommentierte vor dem Auswärtsspiel gegen Europameister Spanien in einem Interview mit der Tageszeitung Le Soir die Situation bei den Roten Teufeln. Die Stimmung zwischen Lüttichern und Anderlechtern sei gespannt, aber nicht aggressiv.

Das Problem sei vom Trainer nicht angesprochen worden. Und Deschacht präzisierte: »Wir laufen nicht gemeinsam beim Aufwärmen, wir gehen einander ein bisschen aus dem Weg. Aber das ist normal.« Normal war unter diesen Umständen auch das Ergebnis: ein 0:5-Debakel in La Coruña. Vier Tage später folgten ein blamables 1:2 in Armenien und der spontane vorzeitige Rücktritt des ohnehin nur bis Jahresende vorgesehenen Interimstrainers René Vercauteren.

Witsels Comeback gegen Arsenal
Zurück in der nationalen Meisterschaft schieden bei Meister Standard gegen Mechelen gleich drei Stammspieler verletztungsbedingt aus, Kapitän Steven Defour droht eine dreimonatige Pause. Und das vier Tage vor dem ersten Champions-League-Spiel in Standards Geschichte. Somit fällt einem Mittelfeldkollegen gegen Arsenal die Schlüsselrolle zu: Axel Witsel.

Vom Können her hat der 20-Jährige sicherlich das Zeug, auch dem Spiel gegen ein englisches Spitzenteam seinen Stempel aufzudrücken. Wie sich der enorme Druck der letzten zweieinhalb Wochen auf seine Leistung beim ersten Antreten seit dem Skandalfoul auswirkt, ist aber eine andere Frage.

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Rubrik: Aktuell
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