Der rätselhafte Overkill

Seit Monaten beschäftigen sich die Medien intensiv mit der Lederwuchtel, auch solche, die den Fußball sonst meiden wie der Teufel das Weihwasser. Warum eigentlich?
Klaus Federmair | 07.06.2006


Ob "Welt der Frau? oder "Le Monde Monde Diplomatique?, "Ö1" oder "ARTE" - die Welt ist zu einem einzigen großen Fußballspiel mutiert.

Nehmen wir "ARTE". Nur ganz selten brachte der französisch-deutsche Kultursender in den vergangenen Jahren Beiträge zum Thema Fußball. Meistens waren sie interessant, etwa die mehrteilige Dokumentation über Olympique de Marseille. Vor der WM entschlossen sich die Sendeverantwortlichen zu einer geballten Ladung Fußball. Auch sie enthält einige Juwelen, die man anderswo kaum zu sehen bekommt, zum Teil wirkte die Programmgestaltung aber auch bemüht bis peinlich.

Für Freunde des Honkong-Films zeigt "ARTE" am 11. Juni um 00.05 "Shaolin Kickers", einen überaus witzigen Streifen, in dem Kung Fu und Fußball auf phantastische Weise verschmelzen. Aber wer um Himmels Willen soll sich das anschauen? Wer ist schon verrückt genug, sich nach Serbien-Montenegro gegen Niederlande, Mexiko gegen Iran und Angola gegen Portugal auch noch die Shaolin Kickers hineinzuziehen? Oder hat "ARTE" einen Vertrag mit einem Videorecorderhersteller?

Wäre es nicht vernünftiger, derartige Programme an langen, kalten, Winterpausenabenden zu zeigen? Wäre es nicht ein Segen für die nicht zu unterschätzende Zahl der WM-Agnostiker, in den Monaten des WM-Fiebers wenigstens einen fußballfreien Kanal vorzufinden?

Ich vermute, mit dem simplen Konzept "kein Fußball während der WM" ließen sich sensationelle Einschaltquoten erzielen. So stelle ich mir zumindest einen funktionierenden Medienmarkt vor. Aber vielleicht habe ich auch nur etwas nicht verstanden.

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Rubrik: Aktuell
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