Der Reiz des Unerwartbaren

cache/images/article_1841_sundermeye_140.jpg Olaf Sundermeyer hat in seinem Buch »Tor zum Osten« lebhafte Reportagen aus dem Fußball in Polen, der Ukraine und Russland versammelt. Im ballesterer-Interview spricht der Journalist über die hilfsbereiten Hooligans von Polonia Warschau, seine Gespräche mit Oligarchen und Alternativen zum Ukraine-Boykott diverser Politiker.
ballesterer: Sie schreiben in Ihrem Buch, ihr Interesse am osteuropäischen Fußball sei zunächst privater Natur gewesen. Wie und wann wurde es erweckt?
Olaf Sundermeyer: Ich bin schon, so lange ich denken kann, an Fußball interessiert. Als Hörfunk-Reporter beim Rundfunk Brandenburg in Frankfurt an der Oder habe ich mich viel mit Polen befasst. Der EU-Beitritt, die Korruption und die polnischen Hooligans waren natürlich Anknüpfungspunkte für meinen Job. Aber ich war ja nicht Sportreporter. So bin ich privat oft zum Fußball nach Polen gefahren, Posen oder Stettin waren ja gleich ums Eck.

Das erste Kapitel von »Tor zum Osten« handelt davon, wie Sie in der Ausnüchterungszelle des Posener Stadions landen. Davon einmal abgesehen: Was war das beste Stadionerlebnis, dass Sie in Polen und der Ukraine hatten?
Das war bei einem Warschauer Derby zwischen Legia und Polonia. Ich war als Journalist mit Kamera unterwegs und wurde gemeinsam mit einem Freund von Legia-Hools attackiert. Bevor sie uns angreifen konnten, haben sich Hooligans von Polonia vor uns gestellt. Die hatten mitbekommen, dass wir aus Deutschland waren und uns für polnischen Fußball interessierten. Sie waren einfach froh, dass da jemand kommt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Das hat viel über Fußball ausgesagt. Es ist ein universelles Kommunikationsmittel. Auch wenn du dadurch mit Leuten redest, mit denen du vielleicht sonst nie sprechen würdest.

Es wird viel über die Schattenseiten geschrieben, was aber sind die positiven Reize des osteuropäischen Fußballs?
Ganz grundsätzlich ist das Unerwartbare der positive Reiz am Osten. Es ist egal, ob das die Landschaft, die Städte oder der Fußball sind. Ich bin oft in Situationen gekommen, die ich in Deutschland so nie erlebt hätte. Aber auch in Polen merkt man schon die Zähmung des Fußballs. Mehr und mehr Familien finden den Weg in die Stadien, in Osteuropa ist eine Modernisierung des Sports zu erkennen.

Sind diese Reize bei der EM überhaupt erlebbar? Oder wäre es für Fußballfans ratsamer, nach dem Turnier nach Polen und die Ukraine zu reisen?
Es wird das Authentische am Ostfußball so sicher nicht bemerkbar sein. Das liegt schon allein an den neuerrichteten Stadien. Es sagen ja viele Ultras aus Lwiw und Warschau, dass sie die Endrunde nicht interessiert, was auch bei früheren Turnieren schon zu beobachten war.
Für Ihre Reportagen haben sie sich mit Oligarchen, Politikern und Hooligans getroffen. Interessante, aber nicht immer unproblematische Menschen. Was war die aufregendste Begegnung im Rahmen Ihrer Recherchen?
Einen Oligarchen zu treffen, ist natürlich eine Rarität. Aber wenn man hartnäckig bleibt, sich Zeit nimmt und sich lange genug im Vereinsumfeld aufhält, kann es passieren, dass man doch einen Termin bekommt. Der wird mehrmals verschoben, dann macht man Bekanntschaft mit einer Reihe von Bodyguards und darf sich in großer Kulisse einer Machtdemonstration aussetzen. In der Ukraine muss man die Oligarchen verstehen, um den ukrainischen Fußball zu verstehen. Sie sind die Macht im Land und im Fußball. Und sie missbrauchen ihn für ihre Zwecke. Sie leisten sich »Jubelperser« und schicken diese auch gratis auf Auswärtsfahrten mit.

Unvermeidlich in diesen Tagen: Wie stehen Sie zu den Boykott-Erklärungen diverser europäischer Spitzenpolitiker?
Ich habe vereinzelt vor allem in Deutschland, wo in manchen Bundesländern demnächst Wahlen stattfinden das Gefühl, dass das ein wenig populistisch sein könnte. Es ist aber auch eine Möglichkeit zu zeigen, dass da etwas nicht stimmt. Auf der anderen Seite fände ich es sinnvoll, wenn Politiker in die Ukraine gehen und dort ausdrücklich auf die Missstände hinweisen. Auch Journalisten sollten das so handhaben und nicht nur über die die tolle, neue Donbass-Arena schreiben. Ein sportlicher Boykott hingegen würde nichts bringen, das hat man ja schon mehrmals in der Vergangenheit gesehen.

BUCHTIPP:
Olaf Sundermeyer:
»Tor zum Osten Besuch in einer wilden Fußballwelt«
(Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012)

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

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