Der Schafhirte am Roten Teppich

Wenn die FIFA den Goldenen Ball vergibt, trifft sich das Who-is-Who der Fußballwelt in Zürich. Messi räumt ab und schweigt, Blatter verteilt Wimpel, beim Frauenfußball fällt der Lack ab und Österreichs Fußball glänzt durch Abwesenheit.
Die Gala beginnt mit einer Überraschung. Auf dem Weg zum Kongresshaus am Zürich-See stoppe ich vor einer schwarzen Limousine, die schneidig die Einfahrt zum Hyatt Park Hotel nimmt. Heraus springt der brasilianische Jungstar Neymar, der unter den Nominierten für das schönste Tor des Jahres 2011 ist. Lächelnd lässt er sich fotografieren während sein Helfer drei Anzüge am Kleiderhaken ins Hotel transportiert. Die vor der Tür wartenden TV-Teams  haben nur für die Barca-Stars Messi, Xavi und Guardiola ein Auge über, deren Ankunft sich jedoch verzögert. Die wartenden Fans trösten sich mit dem Blick auf ein Herrenmodengeschäft auf der Vis-a-Vis-Seite, das sinnigerweise den Namen »El Classico« trägt. Dieser würde ja neuerlich einen Großteil der Nominierten erwarten, wenn sie sich in den anstehenden Achtelfinalspielen des spanischen Cups durchsetzen. Real Madrids Auswärtsspiel in Malaga am Dienstag sollte ja auch eine gute Ausrede für die Nichtanwesenheit der Nominierten Cristiano Ronaldo und Jose Mourinho sein. Vermutlich ist es aber eher die Vorausahnung, dass es bei dieser Ballon-d'Or-Gala für die Merengues nicht viel zu holen gibt. Gleichzeitig erspart man sich die Schmach dem Erzrivalen, mit dem ja seit den Vorkommnissen im Supercup-Finale die Fronten verschärft sind, zum Sieg auf allen Linien bei diesem Event zu gratulieren.

Marta ohne Perspektive

Das Pressezentrum ist ausgebucht, besonders die starke Präsenz japanischer, brasilianischer und auch argentinischer Reporter, die die weite Anreise nicht scheuten, ist auffällig. Zuerst steht die Pressekonferenz mit den nominierten Fußballerinnen und FrauenfußballtrainerInnen des Jahres an. Obwohl sie diesmal nach Dauererfolgen in den letzten Jahren nicht im Mittelpunkt der diesjährigen Ehrung stehen wird, ist die Brasilianerin Marta doch im Zentrum des Interesses. Hat sie sich diesmal im Vorfeld der Veranstaltung ausgesprochen freundlich gezeigt und ist allen Autogramm- und Fotowünschen der Fans bereitwillig nachgekommen, macht sie  gegenüber der Presse ein besorgtes Gesicht. Die professionelle Frauenfußballliga in den USA steht vor dem Zusammenbruch, nur mehr fünf Teams sind aktuell für die neue Saison gemeldet. Ein Faktum, das auch die anderen Nominierten Abby Wombach und die diesjährige Gewinnerin Homare Sawa, die alle in dieser Liga spielen, hart trifft. Für Marta kam es noch dicker: Auf Nachfrage eines brasilianischen Kollegen bestätigt sie, dass ihre Zweitadresse, der FC Santos, wo sie in der spielfreien Zeit der US-Meisterschaft ausgeholfen hat, mangels Sponsoreninteresse seine professionelle Frauenfußballsektion auflösen wird. Für den Frauenfußball allgemein eher triste Zukunftsaussichten, nachdem die WM in Deutschland noch für einen vermeintlichen Auftrieb gesorgt hatte.

Die 0:4-Schlappe des FC Santos bei der Klubweltmeisterschaft ist auch eine der ersten Fragen an Barcelona-Trainer Guardiola bei der Vorstellung der nominierten Herren. Diplomatisch wiegelt er ab und meint, dass Santos eben einen schlechten Tag hatte, die vier Tore aber keinesfalls den wahren Niveauunterschied darstellen würden und Santos sicherlich ein würdiger Finalgegner gewesen sei. Hauptthema bleibt aber das Kollektiv, mit dem Barcelona jetzt schon mehrere Jahre den Weltfußball dominiert. Aktuell sind acht Spieler der Stammformation aus der eigenen Nachwuchsschule La Massia. Guardiola betont jedoch, im Gegensatz zu einem Individualsport wie z.B. Tennis, dass im Fußball sehr viele unberechenbare Faktoren mitspielen würden, die auch den aktuellen Fünfpunkterückstand auf Real in der Primera Division verständlich machen. Der Erfolg der Nachwuchsarbeit sei dem perfekt abgestimmten Teamwork von sehr vielen Personen zu verdanken, angefangen vom Scout bis zur Einbindung der Eltern der talentierten  Spieler in die Karriereplanung. Entscheidend für die Entdeckung von Rohdiamanten sei ein perfektes Kontaktnetzwerk mit Kooperationspartnern auf allen Kontinenten, die dann wie Lionel Messi schon in frühen Jugendjahren in der Cantera den Feinschliff erhalten, meint Guardiola. Xavi gesteht neidlos ein, dass trotz mehrmaliger Nominierungen einfach kein Weg an Messi vorbeiführe, den er trotz seiner 24 Jahre schon jetzt als wahrscheinlich besten Spieler aller Zeiten bezeichnet.

Kein Aristoteles, kein Armani

Der Superstar selbst wirkt nach wie vor eher wie ein Antistar. Das Rio-de-la-Plata-Spanisch hat er zur Freude der argentinischen Kollegen trotz einer halben Lebenszeit in Spanien nicht abgelegt, seine Antworten sind kurz und strahlen Bescheidenheit und Unaufgeregtheit aus. Hätte er nicht diese unglaublichen Fähigkeiten und diese Dynamik in den Beinen würde er ohne weiteres als einfacher, wortkarger Schafhirte aus den Weiten Patagoniens durchgehen. Wahrscheinlich ist aber gerade dies das Geheimnis seines Erfolgs. Im Gegensatz zu anderen Spielern, die den Fußball vor allem dazu benützen, um materielle Ziele zu erreichen, scheint es bei Messi wirklich zu 100 Prozent um den Sport zu gehen. Er wird niemals Aristoteles oder Einstein zitieren, er wird aber auch niemals Armani oder Ferrari als Seelenheil preisen.

Nach der einleitenden Pressekonferenz nimmt die Veranstaltung, so wie von der FIFA  geplant, Ähnlichkeiten mit der Oscar-Verleihung an und die Zone mit dem Roten Teppich vor dem Kongresshaus wirkt wie eine Miniaturausgabe des Graumans Chinese Theater in Los Angeles vor der Verleihung der wichtigsten Filmpreise. Hysterische Kids wollen Autogramme der zahlreich angereisten Stars. Am meisten kreischen sie bei Neymar, der aber rasch die Kurve kratzt und wieder in den Innenraum abrauscht. FIFA-Präsident Joseph Blatter lässt es sich nicht nehmen mit Ehrengast Shakira Hand in Hand die Strecke abzuschreiten. Ihr Lover Pique, der ins »Puskas-Team des Jahres« gewählt wurde, folgt mit deutlichem Respektabstand.

Vom klaren und vom sauberen Wasser

Vor der eigentlichen, im TV weltweit übertragenen Gala kommt es zu einem 30-minütigen Aufwärmen, wobei Blatter in seiner unmotiviert zwischen Französisch und Englisch hin- und herswitcht. Dabei fällt der bemerkenswerte Satz über die Skandale, dass er das  FIFA-Schiff  schon in »clear water« gesteuert habe, das Ziel des »clean water« aber wesentlich schwieriger zu erreichen sei. Er erwähnt noch, dass die 300 Millionen aktiven Fußballspieler weltweit eine gute Regierung verdient hätten, gleichzeitig aber viele Dämonen wie die Wettbetrugsmafia, das Doping und die Korruption Einfluss nehmen würden. Als positives Beispiel erwähnt er den italienischen Serie-B-Spieler Simone Farina von AS Gubbio, der einem Bestechungsversuch widerstanden und ihn bei der Polizei zur Anzeige gebracht hat. Blatter ruft den Spieler auf die Bühne, überreicht ihm einen FIFA-Fair-Play-Wimpel und ernennt ihn ab sofort zum FIFA-Fair-Play-Botschafter. Bemerkenswert ist, dass von der Pressetribüne bei Blatters Auftritt keinerlei Applaus zu vernehmen ist, das Verhältnis scheint nach der Nichtveröffentlichung der angekündigten ISL-Akte neuerlich belastet.

Die eigentliche Gala verläuft dann ohne Überraschungen, die favorisierten Kandidaten räumen die Preise ab. Ein spanischer Reporter gibt im Überschwang seine Reportage über Handy durch: Neun von elf Spielern im »Puskas-Preis«-Team spielen in der spanischen Liga und erstmals seit UEFA-Präsident Michel Platini Mitte der 1980er-Jahre gelingt es mit Messi wieder einem Fußballer, dreimal en suite den Ballon d'Or zu gewinnen. Platini ist es dann auch, der sich in der Mixed-Zone die meiste Zeit für die Journalistenfragen nimmt, während Messi immer kurz angebunden bleibt und alles im Schnelldurchlauf absolviert. Auf dem Platz fühlt er sich sichtlich wohler.

Österreich, wo bist du?

Abschließend noch ein Wort zu den Österreichern: Kapitän Marc Janko ist mit seiner Reihung schwer außerhalb der Wahlvorschläge der meisten anderen Nationalmannschaftskapitäne geblieben. Messi kommt bei seiner Wahl gar nicht vor, sein Erstplazierter Iniesta ist wiederum auch nicht in den Top drei der FIFA. Auch sonst war von österreichischer Seite außer dem ballesterer weder von medialer noch von Funktionärs- oder Trainerseite her jemand ausmachbar. Der kroatische Verbandspräsident Vladmir Markovic und zahlreiche Schweizer Trainergrößen wie Ex-Nati-Coach Köbi Kuhn und Ex-Sturm-Trainer Gilbert Gress waren dagegen anwesend. Wenn sich die weltweite Fußballfamilie einmal jährlich trifft, bleibt Österreich trotz geografischer Nähe zum Veranstaltungsort fußballtechnisch so weit entfernt wie Swaziland von der Schweiz. Wie lange noch?

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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