Der SV Ried-Vorstand im Interview

In ballesterer fm 18 brachten wir im Schwerpunkt ein Interview mit Peter Vogl von der SV Ried. Da die Heftfassung stark gekürzt wurde, veröffentlichen wir das komplette Gespräch noch einmal online.
Martin Nagl | 10.10.2005
Klein, familiär, schön: Mit Attributen aus dem Fußball-Märchenland wurde Bundesligist SV Ried schon häufig bedacht. Aus Sicht des Vereins schaut der Alltag aber nicht immer so idyllisch aus. Vereinsvertreter geben sogar offen zu, dass namhafte Spieler dem Klub nicht etwa auf dem Platz am meisten geholfen haben, sondern indem sie ihn verließen. Denn so kam wieder Geld in die Kassa, und der Innviertler Niedrig-Budget-Klubführung war wieder ein bisschen leichter.
Der überraschende Abstieg nach acht Jahren Erstliga-Zugehörigkeit machte dann alles noch schwieriger. "Der Verein war damals tot - wirtschaftlich und stimmungsmäßig", sagt Mag. Peter Vogl, der seit zehn Jahren im SVR-Vorstand sitzt und nach dem Abstieg das Präsidentenamt übernahm. Nach dem ersten Zweitliga-Jahr ("ein satter operativer Verlust"; Vogl) fragten die in Finanz-Not geratenen Rieder bei Frank Stronach um eine Zusammenarbeit an. Innerhalb eines Jahres stieg der Verein dann wieder in die höchste österreichische Spielklasse auf. Die scheinbar sehr erfolgreiche Kooperation wurde nun aber wieder beendet.
Ein Gespräch über Groß-Investoren, sozial unbedürftige Trainer und Schwammerln, die nicht aus dem Boden wachsen.

Ballesterer: Die SV Ried und Frank Stronach waren in der abgelaufenen Meisterschaft Kooperationspartner. Was war der Inhalt der Kooperation? Und warum gibt es sie jetzt nicht mehr?
Vogl: Kooperationsvoraussetzung ist, dass sich die Vereine in unterschiedlichen Spielklassen befinden. Es gibt ein Regulativ in der Bundesliga und zwischen Bundesliga und Regionalliga über den Einsatz von Kooperationsspielern. Das Wesen der Kooperation ist, dass der oberklassige Verein dem unterklassigen Spieler zur Verfügung stellt, die dort zum Einsatz kommen und an Spielpraxis gewinnen sollen. Und im Fall des sportlichen Bedarfes ist es möglich, Wechsel zwischen den Vereinen durchzuführen, ohne an eine Transferzeit gebunden zu sein und ohne dass es vorher eine Freigabe geben muss. Das heißt: Die Austria hat Ried beispielsweise den Schicker zur Verfügung gestellt und hätte den Schicker zu einer gewissen Anzahl von Einsätzen holen können. Es hat eine Kooperationsvereinbarung zu einzelnen Spielern gegeben. Da gibt es gewisse Vorschriften, wie oft das sein darf und so weiter. Kooperationen hat es zum Beispiel auch gegeben zwischen GAK und Kapfenberg, zwischen Ried und Austria und Leoben und Austria. Oder Rapid und Altach - der Kienast zum Beispiel war Kooperationsspieler. Und diese Kooperation war nach dem Aufstieg von Ried in der Form nicht mehr möglich.

Und das war allen Beteiligten klar?
Klar. Das war auf Grund der bekannten Rahmenbedingungen nicht mehr möglich. Schicker oder Sobkova können als Kooperationsspieler nicht mehr in Ried spielen. Das sind jetzt Leihspieler. So wie der Eder ein Leihspieler von Salzburg ist.

Zusätzlich zu Spieler-Kooperationen hat es aber auch finanzielle Zuwendungen gegeben.
Da hat es einen Sponsor-Vertrag gegeben. Das ist korrekt, ja.

Über den Sie einmal gesagt haben: "Damit kann man den österreichischen Weg risikofreier bestreiten".
Risikofreier. Wir haben uns sozusagen um den Auftrag beworben, einige der besten österreichischen Spieler in Ried zusammen zu holen. Das haben wir gemacht, weil sich die Zielsetzung mit der unseren gedeckt hat. Denn unsere Analyse war: Aufsteigen tut in der Red-Zac-Liga der, der die besten jungen Österreicher hat - auf Grund der Einsatzregelung. Und deshalb sind wir auf dieses Angebot relativ gerne eingestiegen.

Zur Kooperation werden manchmal Summen kolportiert, die Sie bei dieser Gelegenheit bestätigen oder verneinen können.
Also: Es hat von mir und von offizieller Vereinsseite noch nie einen Kommentar zu finanziellen Einzelheiten irgendeines Vertrages gegeben; sei es eines Transfer-, Spieler- oder Sponsor-Vertrages. Das sind immer die Verträge, die Euch am meisten interessieren, nicht? In dieser Reihenfolge. Ich bin jetzt seit zehn Jahren im Vorstand und habe diesbezüglich noch nie eine Zahl genannt. Und das halte ich auch nach Ende meiner Präsidentenzeit so.

Fehlt jetzt was im Budget?
Wie? Wir haben das laufende Budget so gemacht, dass ein Sponsoring vom Magna-Konzern nicht eingeplant ist. Das heißt: Die Spieler, die wir verpflichtet haben, sind im laufenden Budget gedeckt.

Das heißt, es sind von Stronachs Seite nie Summen in Aussicht gestellt geworden, die jetzt nicht fließen?
Vogl: Nein.

Nachdem im laufenden Jahr dieser vermutlich namhafte Betrag nicht mehr inkludiert ist, und man jetzt sogar eine Klasse höher spielt: Denken Sie, dass Ried unter diesen Voraussetzungen mit den anderen Vereinen mitmischen kann? Noch dazu, was die Fortführung des österreichischen Weges anlangt?
Schaun Sie: Wir sind jetzt das neunte Jahr in der T-Mobile. Und sagen Sie mir ein Jahr, in dem wir nicht der Verein mit dem kleinsten Budget waren. Nur ein einziges! Ich glaube nicht, dass Sie eines finden werden. Die Vereine in den Landeshauptstädten werden immer ein größeres Budget haben. Punkt. Das ist so. Diesbezüglich ist die Situation also nicht verändert. Aber die negative kausale Verknüpfung zwischen geringem Budget und dem österreichischen Weg - die passt mir nicht. Tatsache ist, dass wir den österreichischen Weg nicht trotz des kleinen Budgets gehen, sondern wegen des kleinen Budgets. Und auch aus Überzeugung - das möchte ich auch dazu sagen. Verstehen Sie den Unterschied? Das hieße ja: Österreichische Spieler sind viel teurer als ausländische. Aber ich sage: Österreichische Fußballer bringen wirtschaftlich was. Erstens gibt es genügend in der ausreichenden Qualität, die bei anderen Vereinen keine Chancen kriegen und deshalb für uns erschwinglich sind. Zweitens: Wenn sich diese Spieler in Ried entwickeln, dann sind sie wertvoll, weil sich dann viele andere Vereine sagen: "Da gibt es einen guten Österreicher. Den hol' ich mir!" - Zum Beispiel ein Mateschitz oder ein Stronach. Und drittens haben wir mit unserer Akademie die eigene Ausbildung vor der Tür - der Sulimani ist zum Beispiel einer aus dem eigenen Nachwuchs. Das heißt: Es ist keine negative kausale Verknüpfung.

War man auf Grund der Finanz-Situation jetzt gezwungen, zwei Spieler zu verkaufen? Lasnik und Schiemer?
Der Vertrag vom Lasnik ist ausgelaufen. Und das Angebot für den Schiemer war für den Verein finanziell interessant. Der Bursch hat jetzt seinen Präsenzdienst abgeleistet und wollte zur Austria. Glauben Sie, dass wir ihm das jetzt verbauen wollten? Das haben wir noch nie getan! Aus den Spielern, die aus Ried weggegangen sind, haben wir immer gutes Geld verdient. Wenn man jetzt alles zusammenrechnet, hat Ried in den letzten zehn Jahren einen Transfer-Überschuss von ungefähr 40 Millionen Schilling. Das ist die ungefähre Differenz zwischen Spielerein- und verkauf in diesem Zeitraum. Das hab' ich einmal zusammengerechnet; das stimmt ungefähr. Und von dem leben wir.

Was hat denn die Kooperation mit Stronach unterm Strich gebracht?
Die hat ein Jahr gedauert - und dann sind wir aufgestiegen.

Hängt der Aufstieg kausal damit zusammen?
Aber hundertprozentig. Da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Diese Infrastruktur, die wir in dieser Zeit in Ried geschaffen und an jungen Spielern nach Ried geholt haben - das wäre sonst nicht möglich gewesen. Gehen wir's einmal durch, von hinten: Hans-Peter Berger, Berger Markus, Andi Schicker, gekommen sind auch Glasner, Brenner, Berchtold. Und man muss sich wirklich einmal ansehen, was wir da in Ried an Infrastruktur geschaffen haben: Wir haben ein Physiotherapie-Studio, wir haben eine Kraftkammer, wir haben einen Frühstücks- und Aufenthalts-Raum, einen Fernseh-Raum - also eine Einrichtung mitten im Stadion, in dem Gebäude, das dem Verein gehört. Und solche Dinge wachsen nicht wie die Schwammerln im Herbst automatisch. Sondern: Da muss man Geld in die Hand nehmen.

Und was war Stronachs Beitrag dazu?
Wenn ich Einnahmen habe, kann ich entsprechende Ausgaben tätigen. Wir haben uns im Kader und auch in der Infrastruktur mehr bewegen können.

Und das hat weniger der Kletzl, der damalige Haupt-Sponsor, ermöglicht?
Natürlich sind Sponsoren für jeden Verein wichtig. Aber ich sag' einmal: Die Kooperation hat dem Verein einerseits unmittelbar wirtschaftlich geholfen, aber auch mittelbar, weil sie für Aufbruchsstimmung gesorgt hat: Im Umfeld - bei den Fans und bei den Sponsoren. Das heißt: Der Frank Stronach war voriges Jahr im April da in Ried - und das war wie ein Raketenstart. Es wurde für gewisse Bereiche längerfristig was geschaffen. Und, wenn Sie den Satz haben wollen: Dafür bin ich dem Frank Stronach dankbar. Das war aus seiner Sicht das, was er auch gewollt hat - dem Verein diesbezüglich helfen.

Der Verein ist ihm jetzt nichts schuldig - in Form einer Gegenleistung?
Nein.

Haben Sie als Vereinsvertreter eine gute Meinung von Frank Stronach? Kann er was bewegen?
Ja. Ich hab' auch eine gute Meinung vom Mateschitz.
Schaun Sie: Den Mateschitz kenn' ich nicht einmal persönlich. Den Frank kenn' ich persönlich Gott sei Dank sehr gut. Tatsache ist, dass der Einstieg eines derartigen Investors in den österreichischen Fußball einmal grundsätzlich positiv ist. Das sag' ich aus sportpolitischer Sicht über den Tellerrand der SV Ried hinaus: Das ist positiv! Ich hätte in Ried auch gern einen. Wäre super! Vielleicht wären die Fans nicht so begeistert, weiß ich nicht.
Aber grundsätzlich: Dass sich jemand am österreichischen Fußball-Profimarkt derartig engagiert, ist positiv. Das bringt Geld in den Markt, das bringt positive mediale Berichterstattung, das bringt Berichterstattung für die Sponsoren undundund. Grundsätzlich positiv. Die Großinvestoren werden das wahrscheinlich aus unterschiedlichen Motiven tun. Aber die Tatsache, dass sie es tun, ist super.
Auch wenn ich ganz ehrlich sagen muss, dass die Budget-Schere zwischen Ried, anderen Klubs und den Großvereinen massiv aufgeht.

Ist Ihnen klar, dass man sich mit einem Großkonzern im Rücken auch in eine gewisse Abhängigkeit begibt?
Natürlich begeb' ich mich in eine Abhängigkeit. Aber darüber denk' ich gar nicht nach.
Wenn ich einen Verein mit der Hilfe eines Sponsors, eines Investors aufblase, und der zieht bald darauf den Stöpsel raus, dann fällt das Ganze wieder schnell zusammen. Aber das ist halt so; das ist der Markt.

Wie haben die Rieder Fans die Kooperation aufgenommen?
Ich muss sagen: Es war so viel Vertrauen der Fans da, dass die gewusst haben: Wir werden den Verein nicht verkaufen. Wir sind offensiv an die Sache herangegangen, haben das den Fans noch vorher bekannt gegeben - und die Geschichte war erledigt.
Es ist so, dass im Innviertel ein jeder weiß, dass wir es seit Jahren schaffen, das Geld zusammen zu kriegen, um einigermaßen konkurrenzfähig zu sein. Das weiß ein jeder. Und dass man sich dafür jedes Jahr etwas Neues einfallen lassen muss, weiß auch ein jeder. Und auch, dass so eine Kooperation wirtschaftlich und sportlich nur positiv sein kann.
Und ich muss sagen: Außer dem fast schon krankhaften Missvertrauen gegenüber dem Frank Stronach, das mir - unverständlicherweise - vereinzelt entgegen gebracht wird, gibt es ja nichts, was dagegen spricht. Damals war gerade das Tiger-Team abgelehnt worden: Wenn ich heute die Möglichkeit bekomme zu sagen: "Pass auf, das machen wir in Ried"! Also, gute Junge hierher zu bringen. Ich mein: Da gibt's ja nichts, was dagegen spricht. Was ist denn daran schlecht?

Irgendwie sind halt seine Absichten nicht so recht erkennbar. Möchte er, dass ganz Österreich unter seiner Herrschaft spielt?
Nein, das ist Blödsinn. Also ehrlich: Ich kenn' den Frank Stronach jetzt schon so lange und so gut, dass mich mittlerweile nervt, wenn Leute sofort darüber nachdenken, was Stronach damit bezweckt, wenn er im Fußball was tut. Gehen Sie einmal grundsätzlich davon aus, dass er ein Mann guten Willens ist! Bonae voluntatis - wie wir Humanisten sagen. Und das mein' ich ernst. Das ist so! Und: Dass er, wenn er nach Ried kommt, nicht in erster Linie daran denkt: Was ist gut für ihn? Sondern er sagt wirklich: Das muss für den Verein auch gut sein.

Denkt man als Geschäftsmann so?
Der Frank Stronach sieht das nicht als ökonomische Investition, sondern als soziale oder, wenn Sie wollen, als sozioökonomische Investition. Das ist so. Der Frank Stronach sagt: Das Leben war so gut zu ihm, und er gibt jetzt davon etwas zurück. Einen Teil im Bereich der Sozial-Bedürftigkeit, einen Teil in der Kultur. Und einen Teil in der Sport- und Jugendförderung. Das ist so!

Ihre Ausführungen gehen sehr ins Persönliche. Ist da eine gewisse Vertrauensbasis da?
Ja, ich gehe schon davon aus. Also, ich sag' einmal: Ich bin überzeugt davon.

Es ist ja nichts Neues, dass das die Fluktuation bei der Austria ziemlich hoch ist und einige Wechsel mit der Person Stronach in Verbindung gebracht werden. Wenn Sie sagen, Stronach ist ein Mensch guten Willens und hat eine soziale Ader, dann ist es aber schwer nachzuvollziehen, warum er auf diesem Sektor nicht nachhaltig arbeiten oder langfristig was bewirken möchte?
Also, in einer Trainerentlassung sehe ich keinen antisozialen Aspekt. [lautes Gelächter] Ganz sicher nicht. Also wenn wer nicht sozial bedürftig ist, dann ein Trainer, der irgendwo entlassen worden ist. Nicht nur bei der Austria.

Und besteht die Möglichkeit, dass die SV Ried und Stronach wieder einmal näher zusammenarbeiten?
Darüber mach' ich mir derzeit keine Gedanken. Derzeit sind wir Konkurrenten. Die Austria will Meister werden - und wir wollen nicht absteigen. Bei vier Aufeinandertreffen sind das vier diametral entgegenlaufende Interessen. Das heißt: Wir werden versuchen, ihnen die Punkte abzunehmen, weil wir sie für den Klassenerhalt brauchen. Und sie werden versuchen, uns die Punkte abzunehmen, weil sie sie für den Meistertitel brauchen.
Also steht das in dieser Saison im Vordergrund, und das ist gut so. Weil: Das ist Fußball!


Mag. Peter Vogl ist SV Ried-Vorstandsmitglied (Ex-Präsident und aktueller Vize-Präsident) und darüber hinaus Aufsichtsrats-Mitglied der Österreichischen T-Mobile-Bundesliga. Mit Frank Stronach in Kontakt gekommen ist er in seiner Funktion bei der SV Ried sowie bei diversen Treffen des Bundesliga-Vorstands. Seit mehreren Jahren steht Vogl mit dem Magna-Konzern von Frank Stronach fallweise auch beruflich in Verbindung, und zwar als Rechtsanwalt. "Aber nicht intensiv", sagt Vogl. Mandate, die er habe oder nicht habe, kommentiere er aber in der Öffentlichkeit nicht. Vogl ist Teilhaber der "Puttinger, Vogl & Partner"-Anwaltskanzlei in Ried im Innkreis, 39 Jahre alt und Vater zweier Kinder.

Referenzen:

Rubrik: Wochentags
Thema: Peter Vogl, SV Ried
ballesterer # 120

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