Der traurige Capitano

cache/images/article_975_ballack_140.jpg Michael Ballack wurde gegen Spanien zum Sinnbild der deutschen Finalniederlage. Vergeblich kämpfte der DFB-Kapitän gegen sein eigenes Trauma. Nach dem 0:1 von Wien musste er ein weiteres Mal zu bitteren Worten greifen.
Carsten Germann | 01.07.2008
Michael Ballack lief die Ehrenrunde im Ernst-Happel-Stadion und hatte dabei Tränen in den Augen. Auf der Tribüne hätten Lebensgefährtin Simone und Vater Stephan ganz im Sinne der Corporate Identity in Deutschland-Trikots am liebsten losgeheult. Für den Superstar des deutschen Teams bedeutete das verlorene EM-Finale gegen Spanien ein trauriges Jubiläum. Zum zehnten Mal scheiterte Ballack beim Versuch, einen internationalen Titel zu gewinnen. Ein Faktum, das in der »Sommermärchen-Stimmung« der deutschen Fanmassen am Montag in Berlin zur Randnotiz verkam.

In Wien kämpfte Ballack zuvor 90 Minuten lang vergeblich gegen das eigene Finaltrauma an. Die verspielte Meisterschaft 2000 mit Leverkusen, drei zweite Plätze 2002 mit der Bayer-Elf, das verlorene WM-Finale gegen die Brasilianer im gleichen Jahr, das er von der Bank aus sah, und zuletzt die Niederlage im Champions-League-Finale mit Chelsea gegen ManU alle diese bitteren Momente hüpften vor dem Anpfiff wohl wie schwarze Fragezeichen durch die Gedanken des Michael B.

Es begann denkbar schlecht für den Wahl-Londoner. Ab Samstagnachmittag riefen die ersten Hiobsbotschaften über eine angebliche Wadenverletzung die Berufspessimisten auf den Plan. Die »Wade der Nation« wie schon vor dem WM-Eröffnungsspiel 2006 in Pflege? Das verhieß nichts Gutes. Dass der Kapitän am Ende doch mitspielen konnte, verdankte er DFB-Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der auch die Spieler des FC Bayern München medizinisch betreut. Der »Doc« schickte Ballack nach pausenloser Behandlung mit Salbenverbänden und Stromimpulsen mit einem Kineso-Tape doch noch ins Rennen.

Selbst eine Platzwunde, die er sich bei einem Zweikampf mit dem Spanier Marcos Senna zuzog, schien Ballack dieses Mal nicht aufhalten zu können. Der angeschlagene »Capitano« zeigte als einziger Deutscher den Einsatz, den es für ein EM-Finale braucht. 10,2 Kilometer legte er auf dem Platz zurück, holte sich nach einer Drohgebärde gegen Carles Puyol die gelbe Karte ab und hatte in der 60. Minute die einzige wirkliche deutsche Torchance. An ihm lag es nicht, dass das »Unternehmen Gipfelsturm« auf der letzten Etappe scheiterte.

Ballacks Erkenntnis nach Spielende klang banal, fast wie vorformuliert: »Es ist immer bitter, wenn man ein Finale erreicht und dann verliert.« Seine Fans kennen diesen Spruch nicht erst seit Sonntag.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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