Der unglaubliche Fall des Michael S.

cache/images/article_1298_47shields_140.jpg Der erst 18-jährige Liverpool-Anhänger Michael Shields wird nach dem Champions-League-Finale 2005 in Bulgarien offensichtlich unschuldig zu 15 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre später ist er wieder frei und hat gemeinsam mit dem Journalisten Greg O'Keeffe ein Buch geschrieben: »Michael Shields: My Story«. Der ballesterer hat mit dem Redakteur des Liverpool Echo, der die ganze Haftzeit über mit Michael in Kontakt stand, ein Interview geführt.
Liverpool-Fans werden die legendäre Finalnacht im Mai 2005 in Istanbul wohl nie vergessen, als die »Reds« einen 0:2-Rückstand gegen Milan noch in einen Sieg verwandelten und den fünften Meisterpokal an die Mersey holten. Doch für einen Supporter war es der Beginn eines Alptraums, der erst kürzlich sein Ende finden sollte. Wenige Tage nach dem Sieg kam es in einer bulgarischen Hotelanlage bei Warna zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Liverpool-Anhängern, in deren Folge ein bulgarischer Kellner nur knapp dem Tod entging. Der mutmaßliche Täter war von der bulgarischen Polizei schnell ausfindig gemacht und so fand sich Michael Shields wenig später in einer bulgarischen Gefängniszelle wieder verurteilt zu 15 Jahren wegen versuchten Mordes. In seiner Heimatstadt wuchs unterdessen der Zweifel an seiner Schuld und es begann eine außergewöhnliche Kampagne getragen von Fans, Spielern und dem Verein, an deren Ende eine Begnadigung von Justizminister Jack Straw die Freilassung von Shields ermöglichte. Am 12. September war der »verlorene Sohn« erstmals wieder zu Gast an der Anfield Road.

ballesterer: Der Fall Michael Shields dürfte außerhalb von Großbritannien wohl nur den wenigsten bekannt sein. Können Sie die Vorgeschichte kurz zusammenfassen?
Greg O'Keeffe: Michael war vor und nach dem Finalspiel in Bulgarien. Wie viele andere Fans hat er das Finale mit einem Billigurlaub verbunden. Also kamen er und seine Freunde nach dem dramatischen Sieg in Istanbul für drei oder vier Tage zurück nach Bulgarien. In der letzten Nacht sind sie ausgegangen, haben ein wenig getrunken, aber alle waren müde von der anstrengenden Woche. Also ist Michael schon relativ früh, so gegen halb zwei, schlafen gegangen. In dieser Nacht kam es zu einem Zwischenfall mit einem Kellner namens Martin Georgiev, der ohne Grund von einigen Fußballfans attackiert wurde. Georgiev wurde von einem Täter zu Boden geschlagen und verlor das Bewusstsein, ein weiterer Angreifer nahm daraufhin einen Stein und schmetterte ihn dem Kellner auf den Kopf. Bei den Untersuchungen am nächsten Morgen war der Polizei schnell klar, dass die Täter im Crystal Hotel untergebracht waren. Das war auch das Hotel, in dem Michael und seine Freunde wohnten, sowie ein Mann namens Graham Sankey. Von jenem Sankey wird angenommen, dass er Georgiev in Wirklichkeit angegriffen hat. Die Polizei hat jedenfalls alle britischen Fans in dem Hotel vernommen und Michael wurde festgenommen. Sie nahmen ihn als Verdächtigen mit zur Polizeistation und ketteten ihn dort am Empfang an einen Heizungskörper  fest. Noch bevor das passierte, nahmen sie ihn mit zum Tatort, an dem Augenzeugen befragt wurden. Michael war somit die ganze Zeit über für die Zeugen sichtbar. Nach britischem Gesetz hätte es so nie zu einer Belastung durch Augenzeugen kommen dürfen. Denn sein Gesicht ist den mutmaßlichen Zeugen permanent vorgezeigt worden. Es hat eine klare Beeinträchtigung gegeben und die Zeugen waren voreingenommen, da sie das Bild von Michael in ihren Köpfen hatten. Besagter Graham Sankey wurde an diesem Tag ebenfalls verhaftet, nach kurzer Zeit jedoch wieder entlassen.

Wie ist das Gerichtsverfahren verlaufen?
Michael wurde verurteilt und bekam 15 Jahre für versuchten Mord. Er reichte zweimal Berufung ein, beide Male erfolglos. Während dieser Zeit war das Interesse in England groß. Es meldeten sich Zeugen, die den Angriff gesehen hatten, aber Michael nicht wiedererkannten. Noch dazu legte Graham Sankey ein Geständnis für die Tat ab und faxte es an die bulgarischen Richter. Michaels Unterstützer vermuten, dass es der bulgarischen Polizei egal war, wen sie letztendlich erwischten, solange nur irgendjemand angeklagt wurde.  

In welchem Ausmaß hat der Vorfall die britische Öffentlichkeit beschäftigt.
Zu Beginn war das Interesse an dem Fall außerhalb von Liverpool eher gering. Erst als er immer größer wurde und vor allem die Verbindungen zum Liverpool FC geknüpft wurden, stieg das Interesse. Der Klub ist eine weltweit bekannte Marke und hat Anhänger rund um den Globus, somit hat sich das Interesse an dem Fall zunächst auf ganz England ausgeweitet und schließlich sind die Medien aus aller Welt darauf aufmerksam geworden. Das ist vor allem der Kampagne »Free Michael« zu verdanken, die leidenschaftlich dafür kämpfte, der Welt zu zeigen, dass hier ein Justizirrtum vorliegt, aber ebenso der Unterstützung von Spielern wie Jamie Carragher, Steven Gerrard oder Liverpools Manager Rafael Benitez. Der Fall wurde immer größer und als Michael schließlich von Jack Straw begnadigt wurde, waren Fernsehteams aus der ganzen Welt da, um darüber zu berichten.

War Graham Sankey zu dieser Zeit in Großbritannien?
Ja, er ist nie wieder nach Bulgarien gereist. Das Geständnis wurde an den zuständigen Richter gefaxt, der allerdings entschied, dass das allein für eine Einstellung des Gerichtsverfahrens nicht ausreichte.

Können sie uns die Reaktionen der Fans und des Vereins beschreiben, als die Verurteilung Shields bekannt wurde?
Ab dem Zeitpunkt, als ernsthafte Zweifel an der Schuld von Michael aufkamen, sind die Fans und der Verein geschlossen hinter ihm gestanden und haben eine Kampagne gestartet. Die Fans auf dem Kop haben für ihn protestierten, gesungen und Choreografien organisiert. Spieler wie Gerrard, Bellamy oder Carragher haben sich auch öffentlich in Interviews für die Freilassung von Michael eingesetzt. Ein Teil des Geldes, das notwendig war, um Michael zurück nach Großbritannien zu holen, wurde von ihnen gespendet. Beim Aufwärmen hat die Mannschaft T-Shirts mit dem Aufdruck »Free Michael Now« getragen. Wenn wir die Aufmerksamkeit betrachten, die dem FC Liverpool in der Premier League zu Teil wird, kann man sagen, dass die Einflussnahme des Klubs für die Freilassung maßgeblich war. Nur wenige Vereine sind in der Lage, einen Anhänger auf diese Art und Weise zu unterstützen.

Wie würden Sie die Fan-Vergangenheit von Michael und seiner Familie beschreiben?
In Michaels Familie waren schon immer alle leidenschaftliche Liverpool-Anhänger. Sein Vater hatte stets eine Dauerkarte für den Kop und ist mit Liverpool schon in den 70ern durch Europa gereist, als die Reds ihre vielen Europacuptitel holten. Er war sogar 1989 beim Hillsborough-Desaster im Stadion. Michael teilte die Leidenschaft und konnte es kaum erwarten, sein erstes Europapokalfinale live mitzuerleben. Und er liebt den Klub noch immer, er besitzt wieder eine Dauerkarte und ist bei jedem Heim- und Auswärtsspiel dabei.

Können Sie den Moment beschreiben, als Michael an die Anfield Road zurückkehrte?
Ich war nicht dabei, aber es muss ein sehr emotionaler Moment für ihn, seine Familie und die Fans gewesen sein. Er war an diesem Tag Gast des Vereins und hatte einen Platz in der VIP-Loge. Alle im Stadion applaudierten für ihn und jubelten ihm zu. Liverpool hat gewonnen. Ich denke, es war ein guter Tag für ihn.

Gab es jemals Kontakt zwischen Michael Shields und Michael Georgiev?
Nein, seit dem Verfahren hat es keinen Kontakt mehr gegeben. Aber ich weiß, dass Michael gerne nach Bulgarien zurückkehren würde um seinen Namen reinzuwaschen.

Warum hat es so lange gedauert, bis Jack Straw Michael begnadigt hat?
Jack Straw befand sich in einer äußerst schwierigen Lage. Großbritannien hat ein diplomatisches Abkommen mit Bulgarien, das den Austausch von Gefangenen regelt. Das heißt, wenn ein britischer Bürger in Bulgarien festgenommen und verurteilt wird, kann er nach England ausgeliefert werden. Die Konditionen des Abkommen besagen allerdings, dass der Gefangene die Strafe des ursprünglichen Gerichtes absitzen muss. Das Gericht in Großbritannien kann ihn nicht vorzeitig entlassen. Es mussten also wirklich außergewöhnliche Umstände vorliegen, damit Jack Straw in Betracht zog, Michael zu begnadigen. Daher entschied sich Straw erneute Ermittlungen anzuordnen. Letztendlich kam er zu der Annahme, dass Michael unschuldig sei und zu Unrecht verurteilt worden wäre. Aber dieser ganze Vorgang dauerte schrecklich lange und Michaels Familie und Freunde mussten viel Druck ausüben, bis es soweit war.

Wie geht die Geschichte weiter? Ist der Fall Michael Shields nun abgeschlossen?
Nun liegt alles in der Hand der bulgarischen Justiz, ob sie zustimmt, den Fall neu zu verhandeln. Dies würde jedenfalls im Interesse der britischen Regierung und von Michael liegen. In einem solchen Fall wäre Michael auch bereit, nach Bulgarien zu reisen, um sich erneuten Befragungen zu stellen. Michael wünscht sich nichts mehr, als seinen Namen wieder endgültig reinzuwaschen. Nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Bulgarien.

Eine ausführliche Zusammenfassung des Falls von Michael Shields finden Sie in der aktuellen Ausgabe des ballesterer ab. 4. November österreichweit im Zeitschriftenhandel.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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