Der Verein der Oberschicht

cache/images/article_1643_fk_slavija_140.gif Nachtrag zum Sarajevo-Special im letzten Heft: Ein Interview mit Dragan Kulina, dem Präsidenten des bosnischen Erstligisten FK Slavija Sarajevo. Der älteste Klub der Stadt spielt im mehrheitlich von Serben bewohnten Ostteil. Wie er in Geschichte und Gegenwart trotzdem auf ein Miteinander der Volksgruppen setzt, erzählt Kulina in einem Gespräch in den kalten Katakomben des Slavija-Stadions.
Mit dem Gründungsdatum 1908 ist der FK Slavija Sarajevo der älteste Fußballverein in Sarajevo. Wer gründete und führte den Klub in der ersten Periode seines Bestehens?

Bei unserem ersten Spiel außerhalb Sarajevos in Split erhielten wir von den Leuten und den Medien den Namen Osmanen. Das, obwohl unsere Spieler aus ganz Bosnien kamen und gemischter Herkunft waren. Die Traditionen und Einflüsse im Leben des Klubs waren verschiedene. Bis zum ersten Weltkrieg wurden aus Slavija durch Abspaltung zwei zusätzliche Klubs gegründet. Ein mehrheitlich bosniakischer und ein kroatischer. Die organisatorische und finanzielle Stabilisierung des Klubs reichte ungefähr bis 1922. Bis zum Zweiten Weltkrieg lief dann alles gut. An der Organisation des Klubs beteiligten sich bürgerliche Leute, meist Prominente aus der Oberschicht Sarajevos. Auch deren Herkunft war gemischt: Bosniaken, Serben, Kroaten, Slowaken, Österreicher und Juden. Wir gehörten damals zu den vier größten Klubs im Königreich Jugoslawien. Einer unserer größten Erfolge war damals ein Mitropa-Cup-Sieg gegen Ferencvaros Budapest. Das wäre ungefähr so, als würden sie heute Barcelona besiegen.

Leben heute noch Spieler aus dieser ersten Phase des Klubs?

Der älteste lebende Slavija-Spieler heißt Carl Hosem und lebt in Wien. Seine Familie blieb nach dem Ende der Monarchie in Sarajevo. Er selbst spielte zwischen 1934 und 1936 als Tormann bei uns. Danach zog seine Familie nach Zagreb um. Er reiste Anfang 2007, im Alter von 93 Jahren, nach Sarajevo und äußerste den Wunsch, uns zu sehen. Er blieb sieben Tage und war eine richtige Medienattraktion. Wir haben zusammen den Standort des alten Slavija Stadions besucht. Dort befindet sich heute die technische Hochschule und die amerikanische Kaserne. Danach besuchte er uns nochmals 2008 zu unserem hundertjährigen Jubiläum.

Warum wurde Slavija nach dem Zweiten Weltkrieg verboten?

Damals wurden viele Klubs verboten. Slavija war der führende Klub in der Stadt. Er wurde von kapitalistisch orientierten Leuten geführt. Die neuen politischen Machthaber hat es auch gestört, dass die Monarchie der Sponsor des zwanzig- und dreißigjährigen Klubjubiläums war. Sie beriefen sich beim Verbot auf ein angebliches Trainingsspiel Slavijas gegen die deutschen Besetzer. Es gibt aber keinen Beleg, dass dieses Spiel jemals stattgefunden hat.

Der FK Sarajevo wurde nach dem zweiten Weltkrieg von staatlicher Seite gegründet. Stand dies in Zusammenhang mit dem Verbot Slavijas?

Ich sehe da keinen direkten Zusammenhang. Die zwei Ereignisse liegen ein Jahr auseinander. Jedes Regime geht anders mit seinen Sportvereinen um. Ein Jahr vor unserem Verbot wurden auch Roter Stern und Partizan Belgrad gegründet. Ich möchte die Geschichte des FK nicht schmälern. Es stimmt allerdings, dass die Gründung ermöglicht wurde, in dem man einige unserer und Spieler von Zeljeznicar dorthin holte. Es stimmt aber auch, dass die Holztribüne unseres alten Stadions nach dessen Schleifung für das Stadion Grbavica von Zeljeznicar verwendet wurde. Dieser Klub bestand aber schon seit 1921.

War Slavija bis zum Ende Jugoslawiens verboten und existierte nicht?

Der Klubsekretär führte während dieser Zeit zwar die Archive des Klubs weiter, sportliche Aktivitäten gab es aber keine, allerdings immer wieder Versuche, den Klub neu zu gründen. Auch ich habe das in den Achtzigern versucht. Sie müssen sich vorstellen, durch das Verbot hat man damals ein enorm starkes Team zerstört. Spieler wie Branko Stankovic, spielten danach bei Roter Stern Belgrad und im jugoslawischen Team. Sie wurden nach dem Verbot des Klubs auf ganz Jugoslawien verteilt, blieben aber emotional mit uns verbunden. Branko Stankovic war danach Trainer bei Roter Stern Belgrad und erreichte mit ihnen das UEFA Cup Finale 1979. Bei seinem Begräbnis wollte er unbedingt den Kranz von Slavija im Vordergrund positioniert haben.

Wann kam es dann genau zur Neugründung?

Wir haben es kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges geschafft. Unser heutiger Stadion-Standort in Ost-Sarajevo ist ein Produkt des Krieges. Es war schwer die Klubinfrastruktur ohne viel Geld neu aufzubauen. Hier war bis vor kurzem das serbische Sarajevo. Erst später wurde dieser Stadtteil mit seiner Randlage in Ost-Sarajevo umbenannt. Neunzig Prozent der Bewohner hier sind Serben.

Ist Slavija heute ein serbischer Klub?

Anders als andere Klubs in der Republika Srpska oder im kroatischen Teil Bosniens, haben wir bei der Neugründung auf nationalistische Präfixe verzichtet. Wir heißen nur FK. Die Krone führen wir noch aus Zeiten der Monarchie im Wappen. Im März 2000 hat uns Ivica Osim besucht. Auch dessen Onkel spielte übrigens zwei Jahre als Torwart bei uns. Drei oder vier Jahre war er davor nicht in Sarajevo gewesen. Als er hierher kam, hat er, halb im Ernst, halb im Spaß, wie es so die Art der Svabos ist, gemeint: Was meinst du, ist Slavija ein proserbischer Klub?. Dann habe ich ihm über unsere Geschichte erzählt. Darauf hat er nur gesagt: Du hast ja keine Ahnung von der Geschichte, du bist ja viel jünger als ich. Die Wahrheit ist: Slavija war immer ein Klub der serbischen und nichtserbischen Oberschicht. Wir haben den Klub bewusst nicht national positioniert, auch wenn das aufgrund seiner geografischen Lage schwierig ist. Seit Neugründung spielt auch ein Albaner bei uns. Derzeit sind es unter zwanzig Kaderspielern zwei Kroaten und fünf Bosniaken.

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Rubrik: Sonstiges
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