Deutschland, ein Entwicklungsmärchen

cache/images/article_2114_zol4176_140.jpg Internationale Erfolge, ausverkaufte Stadien, Rekorderlöse durch den neuen TV-Vertrag. Die deutsche Liga ist auf dem Vormarsch. Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung war zu Gast in Wien und erklärte, warum eine Runde deutsche Bundesliga fast so viel wert ist wie ein Jahr österreichische.
Mathias Slezak | 01.07.2013

Märchenstunde beim Heurigen »Fuhrgassl-Huber« am Wiener Stadtrand. Christian Seifert erzählt Geschichten aus einer anderen Welt. Geschichten von TV-Erlösen in dreistelliger Millionenhöhe, einer 94-prozentigen Stadionauslastung, einem Büro in Singapur und einem offiziellen Spielball. Geschichten aus der Welt der deutschen Bundesliga. Geschichten von Erfolg, ein bisschen Glamour und vor allem von Plan und Struktur.

 

Christian Seifert ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) und war auf Einladung seines österreichischen Pendants, Bundesliga-Vorstand Georg Pangl, zu Gast in Wien. Bevor er im Sommer 2005 den Posten bei der DFL übernommen hat, war er Marketingdirektor von MTV International und Vorstandsvorsitzender der KarstadtQuelle New Media AG. Bei seinem Amtsantritt hatte die DFL 24 Mitarbeiter, heute sind es 105, und die Liga verfügt über eine eigene Tochterfirma für die Auslandsvermarktung mit Büro in Singapur und eine Medienproduktionsfirma. »Als ich angetreten bin, haben wir mit unseren Auslandsrechten zwölf Millionen Euro Umsatz gemacht, nächstes Jahr werden es 70 Millionen sein«, sagt Seifert. Ziel sei es, in Sachen Auslandsvermarktung die Nummer zwei hinter England zu werden.


Eine Runde Deutschland = ein Jahr Österreich
Aber auch am deutschen Markt hat die DFL mit dem neuen TV-Vertrag einen Meilenstein gesetzt: 628 Millionen Euro lukriert die deutsche Liga ab sofort jährlich, rund 2,5 Milliarden Euro sind das bis 2017. Eine Runde der deutschen Bundesliga ist ihren Vertragspartnern (ARD, ZDF, Sky und der Medienkonzern Axel Springer) rund 18,5 Millionen Euro wert und damit fast so viel wie ein ganzes Jahr österreichische Bundesliga, die den Broadcastern Sky und ORF ab der kommenden Saison gemeinsam rund 20 Millionen Euro pro Jahr kostet. In Deutschland macht das Fernsehgeld durchschnittlich rund 30 Prozent vom Budget eines Bundesliga-Klubs aus, in Österreich sind es weniger als zehn Prozent. Dieser massive Unterschied ergebe sich aus der fehlenden Konkurrenz am österreichischen Fernsehmarkt, so Seifert: »Was willst du machen, wenn kein Wettbewerb da ist? Ich hätte mit meiner ganzen Vermarktungsmaschinerie nach Österreich kommen können und hätte keinen Cent mehr herausgeholt.«


Von TV-Erlösen wie in Deutschland und einer lukrativen Auslandsvermarktung kann man in Österreich nur träumen, aber auch grundsätzlich umsetzbare Ideen wie die Einführung eines offiziellen Bundesliga-Matchballs scheitern am Veto der Vereine. »Das war eine völlig absurde Situation«, sagt Seifert über die Zeit vor der Einführung des einheitlichen Matchballs in Deutschland im Jahr 2010: »Da wurde mit zehn unterschiedlichen Bällen gespielt, die jede Woche durch ganz Deutschland geschickt wurden, damit sich die Mannschaften vorbereiten können.« In Österreich ist diese Situation noch immer alltäglich. »Wir wollten schon vor acht Jahren erstmals einen Bundesliga-Matchball einführen, damals haben die Vereine das aufgrund ihrer langfristigen Ausrüsterverträge abgelehnt«, sagt Bundesliga-Vorstand Georg Pangl. Man habe das Thema dann aufgeschoben und vor einiger Zeit einen erneuten Versuch gestartet. Die Antwort der Vereine war dieselbe: Keine Chance! »Als Ligaorganisation kannst du machen, was du willst. Die Vereine müssen mitziehen, sonst macht das keinen Sinn«, sagt Seifert.


Zwischen Begeisterung und Kritik
Den Aufschwung der deutschen Liga in den vergangenen Jahren sieht Seifert vor allem in der verbesserten Infrastruktur begründet. Die neuen Stadien für die Weltmeisterschaft 2006 seien dabei ebenso wichtig gewesen wie die Neubauten an weiteren Standorten wie Mainz und Mönchengladbach. Die Investitionen machen sich bezahlt: In der vergangenen Saison hatte die deutsche Bundesliga eine durchschnittliche Stadionauslastung von 94 Prozent, bei einem Schnitt von 42.000 Zuschauern pro Spiel. Doch es gibt nicht nur positive Beispiele: Vor wenigen Wochen ging der Traditionsverein Alemannia Aachen aufgrund der hohen Kosten für den Neubau des Tivoli-Stadions in Konkurs.

 

Die rasante Entwicklung der deutschen Liga bringt aber auch Kritik der Fans an der zunehmenden Kommerzialisierung und den steigenden Eintrittspreisen mit sich. Während Seifert dem ersten Vorwurf entgegentritt (»In der guten alten Zeit, 1976 hat der HSV in rosa Trikots gespielt und Show-Trainings mit einer Blaskapelle durchgeführt. Da sind wir jetzt wirklich nicht so kommerziell wie viele sagen.«), zeigt er Verständnis für die Initiative »Kein Zwanni«, die sich für bezahlbare Ticketpreise einsetzt: »Fußball muss leistbar sein. Ich verstehe nicht, warum manche Vereine die Stehplatzpreise von 19,50 Euro auf 21,50 Euro erhöhen, wenn sie doch wissen, dass das für die Fans Symbolcharakter hat.« Ein positives Beispiel sei in diesem Zusammenhang der FC Bayern: »Die könnten die Preise um 50 Prozent erhöhen und wären noch immer ausverkauft. Sie tun das aber nicht. Deshalb habe ich großen Respekt vor den Bayern.«

 

Angst vor spanischen Verhältnissen, in denen Bayern und Dortmund die Rollen von Real und Barcelona einnehmen und die Liga langfristig dominieren, hat Seifert nicht. Die Bayern hätten eine Saison der Rekorde hingelegt, das werde nicht noch einmal passieren. Die DFL selbst ist in einer ähnlichen Situation wie der FC Bayern: Sie muss die Erfolge der letzten Jahre erst einmal bestätigen. »Unsere größte Herausforderung wird sein, die Flughöhe zu halten. Wir hatten in den letzten Jahren ein überraschend hohes Wachstum«, sagt Seifert. Wichtig werde sein, die Fußballbegeisterung bei den Menschen zu erhalten und den Spagat zwischen internationalem Spitzenfußball, einer ausgeglichenen Liga und der Ausbildung junger deutscher Spieler zu schaffen. Außerdem müsse man zukünftige Investitionen genau prüfen, denn »wenn Sie viel Geld haben, dann machen Sie irgendwann jeden Mist«. Zumindest mit diesem Problem muss sich die österreichische Bundesliga nicht herumschlagen. »Deutschland ist eine der Top-Fünf-Nationen, da dürfen wir uns nicht vergleichen«, sagt Georg Pangl. »Aber wir können und müssen Tag für Tag daran arbeiten, unser Produkt besser zu machen.«

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