Deutungen eines Todesfalls

cache/images/article_1333_enke_140.jpg Fast zwei Monate liegt der Suizid des deutschen Teamtorhüters Robert Enke jetzt zurück. Nach einem enormen Presseaufruhr mit einer live im Fernsehen übertragenen Trauerfeier und kollektiver Anteilnahme weit über den Fußball hinaus ist die große Welle der medialen Aufmerksamkeit abgeebbt, das Thema bleibt jedoch weiter präsent. Zunehmend wird Enkes Freitod dabei zum Symbol für Phänomene, die weit über sein individuelles Leben und Sterben hinausgehen.
Nicole Selmer | 07.01.2010
So lieferte der Sportwissenschaftler und Philosoph Gunter Gebauer zum Jahreswechsel eine Analyse des »Theaters der Grausamkeit«, das sich, so Gebauer, in Enkes Schicksal manifestiere. Das Bild des Torhüters sei nach innen wie nach außen das eines unverwundbaren Helden gewesen, der, wie es seine Tätigkeit auf dem Feld symbolisch nahe legt, »das Haus sicher behütet, groß und männlich zwischen den Torpfosten.« Die Erfahrung jedoch, das eigene Heim nicht schützen, d.h. das Leben seiner Tochter nicht retten zu können, sei gleichbedeutend mit einem Versagen gewesen und die Angst vor einer Wiederholung dieser Schwäche, so Gebauers Deutung, habe Enke schließlich in den Suizid getrieben.

So verlockend die symbolische Aufladung der Arbeit eines Torhüter offenbar ist, bei der zu Ende gedachten Übertragung auf den individuellen Menschen erhält sie schnell einen zynischen Anstrich: Wäre Robert Enke als Stürmer etwa leichter mit dem Tod seiner Tochter umgegangen? Oder hätte sein Sterben weniger Menschen berührt, wenn es nicht der Tod eines symbolischen Beschützers gewesen wäre?

Ein Opfer des Fußballs?
Ein anderer Aspekt von Gebauers Text scheint vielen aus der Seele zu sprechen: Robert Enke nicht oder nicht nur als Opfer seiner Krankheit Depression, sondern auch als Opfer des Fußballgeschäfts zu sehen. Das Entsetzen des Profifußballs, der Fans und Funktionäre angesichts des Helden, der sich selbst tötet, war laut Gebauer auch deswegen so groß, weil hier plötzlich die realen Folgen der rituellen Beschimpfungen und Erniedrigungen nach Niederlagen sichtbar wurden: »Zum ersten Mal sehen die Beteiligten jetzt die Folgen ihrer Lust am Fußball in ihrer ganzen Schrecklichkeit. Sie sehen das Unglück auf dem Gesicht der Witwe; es ist der reine Jammer. [] Es ist der Moment des Erschreckens über die Unmenschlichkeit des Sports. Schlagartig wird klar, dass der Fußball nicht nur Tore und Punkte, sondern auch Opfer produziert. Wer eben noch zu einer wilden Meute gehört hat, zeigt jetzt Bestürzung und Ergriffenheit.«

Ob das Innehalten der »wilden Meute«, die sich auf echte oder vermeintliche Verlierer stürzt, von Dauer ist, bezweifelt Gunter Gebauer. Und auch andere Stimmen beklagten in den letzten Wochen, dass der Fußball aus der Tragödie um Robert Enke nichts gelernt habe. So etwa Markus Babbel, inzwischen entlassener Trainer des VfB Stuttgart, nachdem aufgebrachte Anhänger des Vereins den Mannschaftsbus blockierten und »Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot« skandierten. Oder Jan Schindelmeiser, Manager der TSG 1899 Hoffenheim, der in einer Pressekonferenz kritisierte, dass es im Umgang von Fans und Funktionären trotz aller guten Vorsätze nach Enkes Tod an Freundlichkeit fehle.

Mitte Dezember fasste ein ARD-TV-Beitrag von »Report München« kurz und bündig zusammen, der »gnadenlose Erfolgsdruck« des Fußballs habe Enke aufgerieben. In der Ankündigung der Sendung heißt es zudem: »Von wegen Läuterung nach dem tragischen Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke! Nach wie vor setzen Fußballfans mit wüsten Drohungen Spieler und Trainer unter massiven Druck.«

Während eine Debatte um psychische Erkrankungen im Fußball und anderswo, die Einrichtung einer Stiftung durch DFB und DFL, Aufrufe zu mehr Rücksicht und Menschlichkeit zweifellos gut und richtig sind, ist dieser rhetorische Einsatz von Enkes Tod nicht zu rechtfertigen. Es braucht keinen toten Nationalspieler, um Fangesänge wie »Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot« zu kritisieren. Schon gar nicht, wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Dass es hierzu unter Fans und Fußballbloggern durchaus konträre Meinungen gibt, verdeutlicht die Diskussion um einen Blogeintrag von »Trainer Baade«. Diese Dinge dennoch miteinander zu verknüpfen, heißt, die einfache, weil kurze Denkstrecke zu wählen.

Flucht in das Versprechen der Leistung
Die längere und unbequemere müsste woanders ansetzen und sich mit komplexeren Erklärungen beschäftigen als tobenden Fans und einem unbarmherzigen Leistungssystem, das Schwächlinge nicht duldet. Denn Robert Enke wurde vom System Profisport offensichtlich mehr als nur geduldet. So wie es Teresa Enke in der Pressekonferenz am Tag nach seinem Tod schildert, war der Fußball für ihren Mann nicht Grund zu sterben, sondern Grund zu leben: »Fußball war alles. Es war sein Leben und sein Lebenselixier. Die Mannschaft hat ihm Halt gegeben.«

Unter den zahlreichen Pressekommentaren, die sicher nicht unzutreffend die gnadenlose Siegermentalität, den Männlichkeits- und Stärkekult des Leistungssports anprangern, hat sich kaum einer mit diesem Widerspruch beschäftigt. Allein die Sportjournalistin Eva Simeoni hat in der FAZ diese ambivalente Funktionsweise des Profisports benannt: Keineswegs sei es so, dass dort nur die Starken durchkommen und sich heimisch fühlen dürfen. Ein System, das auf vermeintlich objektiver und spezialisierter Leistungsmessung und entsprechender Belohnung beruht, gibt auch genau jenen Menschen Halt, die ihn nicht in sich selbst finden können, aber dringend brauchen. Der Sport ist »nicht nur Bühne für echte Helden, für starke, offensive, mit glücklichen Anlagen gesegnete Menschen. Er ist auch Zuflucht für die Schwachen, die vor ihrer inneren Finsternis in die Leistung fliehen.«

Eine Flucht, die ins Nichts führen muss, weil das Leistungsversprechen ein Leben nicht füllen kann. Einen ähnlichen Gedanken formuliert auch Ivan Ergi, serbischer Nationalspieler, der selbst an Depressionen litt, in einem Artikel für den Schweizer Tagesanzeiger. Er macht die Spezialisierung, die Konzentration auf einen Aspekt des Lebens Arbeit, Leistung als entscheidendes Merkmal der heutigen Gesellschaft aus: »Um Erfolg zu haben, muss man seine ganze psychische und physische Energie in ein Spezialkönnen stecken. [] Mit Geld hat das nur am Rande zu tun. Auch Manager, Banker und Börsenspekulanten begehen in Zeiten von Finanzkrisen nicht wegen des verlorenen Geldes Selbstmord. Sie fühlen sich erniedrigt, weil ihnen außer der Arbeit nichts Sinn gibt.« Eine Sichtweise, die gerade weil sie im Gegensatz zu Gebauers Wiederaufführung eines antiken Heldenmythos nicht auf symbolische Deutungen zurückgreift, sondern sich auf die Grausamkeiten des Hier und Jetzt richtet, umso beunruhigender ist.

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Rubrik: Aktuell
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