Dialog mit Störgeräuschen

cache/images/article_1356_ultra_konf_140.jpg Die vom Europarat und dem österreichischen Innenministerium organisierte Ultra-Konferenz in Wien brachte Fanvertreter der Football Supporters Europe (FSE) an einen Tisch mit Polizisten und Politikern. Konkrete Ergebnisse blieben zwar Mangelware, der Dialog wurde aber aufgenommen und von mancher Seite überstrapaziert. 
Die Veranstaltung begann mit einer Pressekonferenz und dem Versuch der Vertreter des Bundesministeriums für Inneres (BMI), die Situation schön zu reden: Österreich, Land des Dialogs ganz besonders zwischen Polizei und Fußballfans. Herbert Anderl, als Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit Vertreter der erkrankten Innenministerin Maria Fekter, sah Wien aufgrund seiner »Vorreiterrolle« prädestiniert als Austragungsorts der Konferenz. Doch das einzige Argument, dass er neben der Ausrichtung der EM 2008 dafür bringen konnte, war die frühe Ratifizierung der »European Convention on Spectator Violence« in den 1980er Jahren.

Überhaupt war im Statement Anderls auffällig oft von Dialog die Rede. »Wir haben in Österreich gute Erfahrungen mit der 3D-Strategie (Anm.: Dialog, Deeskalation, Durchgreifen) gemacht«, erklärte der BMI-Vertreter dem internationalen Publikum, um diese im folgenden Satz als »Eskalationsstrategie« zu bezeichnen. Für die Initiative »Pyrotechnik ist kein Verbrechen« trifft Anderl damit genau den Punkt. In einer Stellungnahme zur Konferenz bezeichnete die Fans das Auftreten der Exekutive oftmals als provozierend.

Pyro: Marek gegen Marek

Offensichtlich wurde der fehlende Dialog mit Fans bei der jüngsten Verschärfung des Pyrotechnikgesetz. Medienvertretern, die auf die vielfache Kritik an dem Gesetz hinwiesen, antworte BMI-Vertreter Günther Marek mit dem Verweis auf die notwendige Umsetzung einer EU-Verordnung. Auf Nachfrage, inwieweit mit den Fans geredet worden sei, verwies der ehemalige Leiter des Zentrums für Sportangelegenheiten auf einen »langen Diskussionsprozess« zwischen Bundesliga und ÖFB, in den auch die Fan- und Sicherheitsbeauftragten der einzelnen Bundesliga-Vereine einbezogen worden seien. Seine Schlussfolgerung: »Die Fans waren involviert«.

Eine stichprobenartige Umfrage des ballesterer bei drei Vereinen mit großem Fananhang brachte dafür keine Bestätigung. »Das ist eine Unwahrheit. Es waren weder Fan- und Sicherheitsbeauftragte noch Fanklubs eingebunden«, so Andy Marek, Leiter des Klubservice des SK Rapid.

Zurück zur Konferenz: nach der Präsentation einer von Prof. Gunter Pilz von der Universität Hannover erstellte Studie über die Entwicklungen der Ultra-Szene in Europa wurden in drei Workshops (Sicherheit in den Stadien, Polizeiverhalten und Faneinbindung) gemeinsame Lösungen für die Problemstellungen erarbeitet. Darin zeigte sich, dass sich Ultras in vielen Punkten ausgeschlossen und die Polizei und Veranstalter sich teilweise missverstanden fühlen. Die Konferenzteilnehmer sprachen sich daher für einen besseren Austausch der Beteiligten und die Forcierung so genannter »Best Practise«-Modelle aus. Unter anderem wurde die »Konfliktmanager« der Polizei Hannover positiv hervorgehoben, die schon im Vorfeld von Spielen mit Fans in Kontakt treten, um mögliche Konflikte zu verhindern.

»Alle waren recht engagiert«

Als erste Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse soll die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Fußballinformationsstellen, den in der FSE organisierten Fangruppen und den Gremien der Europäischen Union verstärkt werden. Das Standing Committee des Europarats soll eine Empfehlung erstellen, die sich auf bewährte Methoden unter anderem die Selbstregulierung innerhalb der Fangruppen und gemeinsame Verantwortung konzentrieren wird.

Die Veranstalter sehen durch die Konferenz den Weg »für einen echten Dialog zwischen Fans und der Polizei, ein besseres Verständnis und eine vermehrte Einbeziehung von Fanklubs bei der Vorbereitung von Fußballspielen« bereitet. Und die Fans? Philipp Markhardt, von der HSV-Ultra-Gruppe Chosen Few, zeigte sich ebenfalls zufrieden: »Man muss versuchen, vom Status quo loszukommen und Lösungen für die Zukunft finden. Und da waren alle recht engagiert.«

Es wurde aber auch quergeschossen. Ausgerechnet am ersten Tag der Konferenz blies der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl im Gratisblatt Heute zu einer Generalattacke gegen organisierte Fans. In seinem Kommentar schrieb Pürstl von »Gruppen, die im Internet zu Ausschreitungen und Terror gegen andere aufrufen« und geißelte den »gemeingefährlichen Gebrauch von Pyrotechnik«. Konkrete Beispiele oder Differenzierungen blieb der Polizeipräsident schuldig. Dafür lieferte er den Beweis, dass es noch ein weiter Weg ist bis zum viel zitierten Dialog auf Augenhöhe.

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