Die Crux mit den Armeniern

cache/images/article_1305_47armenien_140.jpg Am 6. September 2008 und 14. Oktober 2009 schrieben Armenien und die Türkei Geschichte. Trotz der beiden 2:0-Siege konnten sich die Türken zwar nicht für Südafrika 2010 qualifizieren, dafür nutzten Politiker der beiden Länder die Spiele für einen Durchbruch in ihren Beziehungen, wie er seit dem Ersten Weltkrieg nicht möglich gewesen war.
Klaus Federmair, Suna Orcun | 06.11.2009
Von 1915 bis 1917 kamen bis zu 1,5 Millionen im Osmanischen Reich lebende Armenier bei Massakern und Vertreibungen ums Leben. Diese Verbrechen werden in der Türkei bis heute systematisch verdrängt. Insbesondere das heikle »G-Wort« ist tabu: G wie Genozid. Erst vor wenigen Wochen wurde ein Prozess gegen den türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wieder aufgenommen, obwohl er nicht einmal so weit gegangen war. Nationalisten klagten ihn, weil er öffentlich gesagt hatte, dass in der Türkei 30.000 Kurden und eine Million Armenier ermordet worden seien.

Anfang 2007 war das Problem der armenischen Minderheit in der Türkei auf tragische Weise hochgekocht. Ein Jugendlicher erschoss Hrant Dink, den Herausgeber der armenisch-türkischen Istanbuler Zeitschrift »Agos«. Später tauchten Fotos auf, auf denen Polizisten nach der Verhaftung des Mörders gemeinsam mit diesem vor einer türkischen Fahne posierten. Die große Solidaritätsdemonstration mit Zehntausenden Teilnehmern fand jedoch für das Opfer statt, mit dem bis dahin unvorstellbaren Slogan: »Wir sind alle Armenier. Wir sind alle Hrant Dink.«.

Der Spruch fand auch auf den Fußballtribünen Widerhall. Mancherorts, vor allem in Trabzon, wurde er aber pervertiert. Fans, die demonstrativ mit Wollmützen bekleidet waren, wie sie der aus der Stadt am Schwarzen Meer kommende Attentäter getragen hatte, gaben Minderheiten-feindliche Slogans wie »Wir sind alle Türken! Wir sind alle Mustafa Kemal Atatürk« von sich.

Spitzendiplomatie im Stadion
Keine zwei Jahre später traf zum ersten Mal ein türkisches Staatsoberhaupt seinen armenischen Amtskollegen. Serj Sarkissian hatte Abdullah Gül zum Qualifikationshinspiel eingeladen. Die aus der Türkei angereisten Zuschauer zeigten Transparente mit Friedensbotschaften, die Hrant Dinks im Stadion anwesende Tochter Delal Dink schreiben ließen: »Vor lauter Hoffnung waren wir wie betrunken.« Fatih Terim, damals noch türkischer Teamchef, sagte freundschaftlich, aber ohne Gespür für die armenischen Wunden: »Lasst uns keine Zeit mit alten Ängsten, Auseinandersetzungen und bedeutungslosen Diskussionen verlieren.«

Die Politiker einigten sich darauf, die Vergangenheitsbewältigung einer dafür neu eingesetzten Historikerkommission zu überlassen. In der Zeit zwischen den beiden Qualifikationsspielen konzentrierten sie sich auf Politisches und die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Im vergangenen Sommer hatte die armenische Seite mehrmals gedroht, die Einladung zum Rückspiel in Bursa abzulehnen, sollte bis dahin kein Grenzübergang geöffnet sein. Die Grenzen waren 1993 im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach geschlossen worden, da sich die Türkei als Schutzmacht Aserbaidschans sieht.

Mit dem Abkommen in der Tasche

Vier Tage vor dem inzwischen für die Qualifikation bedeutungslos gewordenen Rückspiel wurde in Zürich das historische Übereinkommen zwischen den beiden Staaten tatsächlich unterzeichnet, und die Politiker konnten die Einigung im Stadion von Bursa gebührend feiern. Ein riesiges Polizeiaufgebot und strenge Kontrollen sorgten dafür, dass es auch auf den Rängen friedlich blieb. Ein paar aserische Flaggen zur Provokation konnten Fans aber doch ins Stadion schmuggeln. Die Türkei und Armenien verabschiedeten sich mit einem weiteren 2:0 aus Südafrika-Qualifikation, ihre diplomatischen Beziehungen stehen noch ganz am Anfang.

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