Die Deutschen Lateinamerikas

cache/images/article_1480_argentinie_140.jpg WM-BLOG Es ist unschwer zu erraten, dass die europäischen Sympathien außerhalb unseres »Lieblingsnachbarlandes« am Samstag den Argentiniern zufliegen werden. Zu erfolgreich sind die Deutschen im Fußball, um ihnen weitere Erfolge zu gönnen. Da können sie eine noch so sympathische Mannschaft haben. Die Argentinier plagen in Lateinamerika ähnliche Probleme.
Thomas Zsifkovits | 29.06.2010
»El que le roba a un ladrón, tiene cien años de perdón« (Wer einen Dieb bestiehlt, dem wird hundert Jahre verziehen), besagt eine argentinische Redewendung. Nach Frank Lampards Lattenpendler gegen Deutschland dauerte es nicht lang, bis ein argentinischer Freund mit diesen Worten das nicht gegebene Tor der Engländer kommentierte. Wirklich populär hatte das Sprichwort Diego Armando Maradona 1986 gemacht, als die »Hand Gottes« gegen die Engländer rechtfertigte. Auf meine Antwort, was denn mit jemandem passiere, der einen Bettler beraubt, habe ich bis dato noch keine Antwort erhalten.

Gerechtigkeitssinn auf Argentinisch
Dass die Argentinier ihre eigene Wahrnehmung der Realität haben, zeigte sich im Match gegen Mexiko. Das seinerseits irreguläre erste Tor von Carlos Tévez scherte sie wenig. Die Fans im Stadion ließen in Fangesängen den Schiedsrichter hochleben. Nachdem alle Anwesenden auf der Videowall gesehen hatten, was Sache war, sangen sie: »Olé, olé, olé, tano, tano« (umgangssprachlich für Italiener, Anm.). Kaum origineller wirkte der Gesang nach dem 2:0. »Osorio es argentino, ohoho«, schallte es durch die Soccer City. Eine zweifelhafte Ehre für den mexikanischen Verteidiger, der Gonzalo Higuaín den Ball am Sechzehner serviert hatte.

Der Triumph steht bei den Argentiniern im Fußball über allem. Und noch besser lässt er sich genießen, wenn es auf Kosten des Gegners geht. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Sympathiewerte im restlichen Lateinamerika nicht die allerbesten sind.

 

Ein Chilene würde vermutlich nicht verstehen, warum ein Österreicher bei der WM zu Argentinien hält. Umgekehrt sind die Deutschen in Lateinamerika gern gesehen. »Deutsche Tugenden« kommen vermutlich deshalb gut an, weil sie im krassen Gegensatz zum lateinamerikanischen Chaos stehen, aus dem viele gerne ausbrechen würden. Eine wundersame Welt, die sich uns alle vier Jahre im Rahmen einer Fußball-Weltmeisterschaft offenbart.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell, WM-Blog
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png