Die Dresden-Dynamik

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Ausschreitungen vor dem Zweitligaspiel zwischen Arminia Bielefeld und Dynamo Dresden sorgten vor rund zwei Wochen in Deutschland für Schlagzeilen. Im Fokus standen dabei einmal mehr die Anhänger von Dynamo. Eine Auswertung der Ereignisse durch das Fanprojekt Dresden zeigt nun: Nicht jede Schreckensmeldung hält der Überprüfung stand.

Edgar Lopez | 23.12.2013

Die Artikel schrieben sich fast von selbst: "Wieder einmal haben Fans von Dynamo Dresden randaliert" und die Liste der aufgezählten Taten war erschreckend: "Polizisten verletzt, Kino und Supermarkt überfallen". Das Spiel des deutschen Zweitligisten Dynamo Dresden gegen Arminia Bielefeld am 6. Dezember war überschattet von Auseinandersetzungen zwischen Dresdner Fans und der Polizei, die mediale Berichterstattung dazu wiederum getrübt von zu viel Vertrauen in die Dramatik der ersten Meldungen und zu wenig Recherche. Das Fanprojekt Dresden, das vereinsunabhängig sozialpädagogische Arbeit mit Fans leistet, hat zwei Wochen nach den Ausschreitungen einen Bericht zu den Geschehnissen verfasst. Er zeigt: Es ist viel passiert, aber bei Weitem nicht jede Meldung hält der Überprüfung stand.

Alle in Gelb

Das Spiel in Bielefeld ist für die Fanszene von Dynamo Dresden ein besonderes, die beiden Vereine haben noch nie gegeneinander gespielt. Der Besuch eines neuen Stadions steht bevor, man misst sich mit einem unbekannten Gegner. Das ist ein besonderer Reiz für die Fans. Entsprechend groß und imposant soll der Auftritt werden. Es wird ein Sonderzug organisiert, die Karten sind innerhalb weniger Minuten vergriffen. Die Kapazität des Zuges muss erhöht werden, am Ende werden ihn 900 Fans nutzen. Vor Ort kleiden sie sich einheitlich mit gelben Regencapes. Pyrotechnik wird gezündet. Ein Bild, das einen starken Eindruck hinterlässt.

Bereits kurz nach Ankunft kommt es im Bahnhof zu den ersten Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei. "250 Personen, die versucht haben eine Polizeikette zu durchbrechen", heißt es dazu von der Polizei. Es kommt zu ersten Verletzten bei Fans und Polizei. Auch auf dem Bahnsteig, an dem der Sonderzug hält, gibt es Auseinandersetzungen. Mindestens ein Fan stürzt dabei auf das Gleisbett und wird schwer verletzt. Die Lage beruhigt sich nicht. Auf dem Fanmarsch zum Stadion folgen weitere Zusammenstöße. In der Pressemitteilung der Bielefelder Polizei nach dem Spiel liest sich das folgendermaßen: "Auf dem Marschweg zum Stadion wurden die begleitenden Beamten immer wieder von Dresdner Fans massiv angegriffen. [...] Insgesamt wurden [...] 13 weitere Polizeibeamte verletzt." Sogar ein Polizeipferd sei durch eine Schnittwunde verletzt und so dienstunfähig gemacht worden.

Überfall und Plünderung

Die Vorfälle werden medial begleitet. Das WDR-Lokalstudio Ostwestfalen-Lippe ist mit einem Kamerateam vor Ort und sendet einen ersten Bericht kurz nach Ankunft des Sonderzuges. Zu diesem Zeitpunkt ist die Lage aufgrund der Geschehnisse für die Polizei unübersichtlich. Für die Reporter ist sie das erst recht. Trotzdem geben mehrere Polizeisprecher bereits zum jetzigen Zeitpunkt Zwischenmeldungen ab. Noch vor Abpfiff der Partie vermeldet Polizeisprecher Achim Ridder, dass 50 Dresdner Fans einen Supermarkt gestürmt und dort Reizgas versprüht hätten. In der offiziellen Pressemitteilung nur wenige Stunden nach dem Spiel klingt das zwar schon anders - "Vor einem Einkaufsmarkt sprühten die Dresdner mit Reizgas" - die Aussage zur Stürmung des Supermarktes wird jedoch auch am Tag nach dem Spiel noch einmal gesendet (3:53).

"Die Dresdner hinterlassen eine Spur der Gewalt. Überfallen und plündern einen Supermarkt, stechen auf ein Polizeipferd ein, zerstören Polizeiwagen", heißt es auch am Samstag beim WDR. Arminia Bielefelds Geschäftsführer Marcus Uhlig wird zu den Vorfällen interviewt, er sagt: "Wir haben eine neue, noch nie gekannte Dimension der Gewalt hier in Bielefeld erlebt. Das war eine Aktion mehrerer hundert Dynamo-Fans die im Prinzip marodierend, raubend zum Stadion gezogen sind." Sein Statement gipfelt in der Überlegung, "wenn man das nicht in den Griff bekommt, [...] Dynamo Dresden aus der Liga auszuschließen." 

Immer wieder Dresden

Die Berichte des WDR-Lokalstudios samt der Aussagen der Polizei werden schnell von anderen Medien aufgegriffen und prägen auch Tage nach dem Spiel die Berichterstattung. Eine Prüfung der Berichte, eigene Recherchen scheinen dabei kaum stattzufinden. Was laut Uhlig eine "neue, noch nie gekannte Dimension der Gewalt" ist, bedient schließlich auch perfekt das Bild des Krawallvereins Dynamo Dresden. Und zwar so gut, dass an diesem Wochenende kein Platz für andere Fanrandale bleibt. Die gewalttätige Auseinandersetzung von rivalisierenden Ultragruppen aus Bremen und München am Rande des Erstligaspiels am Samstag findet trotz acht verletzter Polizisten nicht annähernd dasselbe mediale Echo.

Die Dresden-Dynamik jedoch funktioniert und zieht weitere Kreise: Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger meldet sich zu Wort, genau wie Erich Rettinghaus, Sprecher der Polizeigewerkschaft DPolG, der die Einführung eines Straftatbestandes des Tumults fordert. Der DFB droht damit, dass bei weiteren Ausschreitungen im Spiel gegen Köln, das auch ohne Sportgerichtsurteil das Stehplatzkartenkontingent für das kommende Auswärtsspiel gestrichen wird. Diese Aussage ist besonders brisant, da der DFB und Dynamo Dresden erst kurz zuvor einen Streit beigelegt und wieder an den Verhandlungstisch zurückgefunden hatten. Der Verein hatte davon abgesehen, den Verband aufgrund des Ausschlusses aus dem DFB-Pokal der laufenden Saison zu verklagen. Im Gegenzug fasste der DFB 13 offene Sportgerichtsverfahren zu einer pauschalen Strafe von 30.000 Euro zusammen. Zudem erklärte der Verband sich bereit, bei der Umschuldung eines 2015 fälligen Millionendarlehens und der Suche nach einem neuen Trainingsgelände als Leumund für den Verein aufzutreten. Unter dem Eindruck der Berichterstattung rund um die Ereignisse in Bielefeld scheint diese Hilfestellung mittlerweile ungewiss. Der Verein Dynamo Dresden veröffentlicht am Tag nach dem Spiel in Bielefeld eine Erklärung, in der er sich von Taten und Tätern distanziert, um Entschuldigung bittet und eine rasche Aufarbeitung verspricht.

Missverständnisse mit Vorgeschichte

Das vereinsunabhängige Fanprojekt Dresden hat sich zwei Wochen Zeit genommen, um seinen eigenen Bericht zu den Vorfällen in Bielefeld zu veröffentlichen. Er basiert auf eigenen Beobachtungen der Mitarbeiter und den Rückmeldungen von 381 Dynamo-Fans, Auswertungen von Auswärtsspielen gehören seit Jahren zur Tätigkeit des Fanprojekts. Man wolle nichts schönreden, sagt Fanprojektleiter Torsten Rudolph, aber die zum Teil hysterisch geführte öffentliche Debatte wieder auf ein sachliches Fundament zu stellen. Einen Schwerpunkt des Berichts bilden die Ereignisse nach Ankunft des Sonderzuges: das "Durchbrechen der Polizeikette" im Bahnhof und die Auseinandersetzungen auf dem Bahngleis. Das Fanprojekt führt beide Ereignisse auf "ein kommunikatives Missverständnis" zurück. So habe "das überraschende Abrücken einer Polizeikette dafür gesorgt [...], dass eine Vielzahl an Fans einfach davon ausgegangen ist, am falschen Ausgang des Bahnhofes zu stehen. Die Gruppe durchquerte in der Folge den Bahnhof in der Annahme, den korrekten Weg zu gehen." Dies sei von der Polizei als Durchbruch interpretiert worden und habe zu Einsatz von Schlagstock und Pfefferspray geführt. Auf dem Gleis wiederum, als Bundespolizisten "auf das Gleisbett gestürzte Fans aus Sicherheitsgründen schnellstmöglich wieder auf einen Bahnsteig bringen wollten, gingen viele Fans davon aus, dass es sich dabei um einen polizeilichen Übergriff handelte". Auch hier sorgte die vermeintliche Provokation für Gegenreaktionen, die Situation eskalierte, mit Verletzten auf beiden Seiten. Die "kommunikativen Missverständnisse" sieht das Fanprojekt jedoch nicht nur als zufällige unglückliche Ereignisse, sondern setzt sie in einen größeren Kontext: "Diese haben ihren Ursprung nicht in Bielefeld, sondern im generellen, teils auch berechtigten gegenseitigen Misstrauen zwischen Polizei und Fans." Daran wird sich in absehbarer Zeit vermutlich nicht viel ändern. Zuletzt waren es Fans aus Fürth, die schlechte Erfahrungen mit der Polizei in Bielefeld machten. Weil sie ihren Müll nicht ordentlich entsorgen konnten, sahen sie sich über fünf Stunden den Repressalien der Polizei ausgesetzt.

Fanprojekt diskreditiert

Die Auswertung des Fanprojekts bestätigt, dass die Auseinandersetzungen während des Fanmarsches zum Stadion weitergingen. Von den 17 am Spieltag verletzten Polizisten wurden elf während des Marsches verletzt, nachdem ihnen während diverser Handgemenge insgesamt vier Reizstoffsprühgeräte entwendet und diese gegen sie selbst eingesetzt wurden. Es kam zu Sachbeschädigungen durch die Fans. Allerdings wurde anders als berichtet kein Kino überfallen. Dies stellte sich als Aktion eines einzelnen Fans heraus, der einen Feuerlöscher entwenden wollte. Auch wurde kein Supermarkt geplündert, wie von der Polizei ursprünglich behauptet. Das bestätigte eine Nachfrage des Fanprojekts bei der Filialleitung vor Ort: "Innerhalb des Supermarktes sei überhaupt nichts passiert." Informationen des ballesterer deuten daraufhin, dass Fans in den Supermarkt liefen, um sich die Augen mit Wasser auszuwaschen, nachdem sie vor dem Markt vom Pfefferspray der Polizei getroffen wurden. Für das Wasser bezahlten sie. Die Polizei in Bielefeld kann trotz Nachfrage bis jetzt nicht ansatzweise erklären, wie das Polizeipferd verletzt wurde oder wer dafür verantwortlich sein soll. Laut Fanprojekt ist es möglich, dass dies bei einem Sturz passiert sein könnte, den ein Pferd erlitten hat.

Auch dem Fanprojekt Dresden wird eine Beteiligung an den Ausschreitungen unterstellt, wie der Bericht feststellt: So habe ein Bundespolizist behauptet, die Mitarbeiter hätten Feuerwerkskörper nach Bielefeld und ins dortige Stadion geschmuggelt. Dieser Vorwurf sei von den Behörden in Nordrhein-Westfalen ungeprüft als Tatsache übernommen worden und habe dazu geführt, dass das Fanprojekt - ein etablierter Partner im Netzwerk von Vereinen, Behörden und Sicherheitspersonal - für das kommende Auswärtsspiel in Köln zunächst als unerwünscht bezeichnet worden sei. Zuvor wurde es bereits nicht zur Sicherheitsberatung - dem Treffen der verschiedenen Netzwerkpartner vor dem Spiel - eingeladen. Die Mitarbeiter erfahren dies durch Zufall über das Fanprojekt in Köln. Erst die Intervention des DFB-Sicherheitsbeauftragten Hendrik Große Lefert sorgt für Beruhigung. Trotzdem kommt es vor Ort in Köln zu einer Personalienfeststellung und der Durchsuchung des PKW sowie der persönlichen Gegenstände der Mitarbeiter. Das Fanprojekt Dresden bezeichnet den Vorgang als skandalös und fordert eine schnelle Aufarbeitung der Vorwürfe.

Die Nachbetrachtung der Vorfälle durch das Fanprojekt wirft kein gutes Licht auf die mediale Aufarbeitung. Die schnell in Gang gesetzte Empörungsspirale, die sich vor allem auf die Wiederholung möglichst schlagzeilenträchtiger Aussagen konzentriert, bleibt hinter journalistischen Grundsätzen eigener Recherche, Überprüfung der Quellen und der Einbeziehung verschiedener Perspektiven einer Geschichte zurück. Den Aussagen von Polizeisprechern und Berichten der Polizei zum Einsatz wird hier eher Glauben geschenkt als Faninstitutionen. Dabei leidet vor allem Dynamo Dresden darunter, dass man den Dresdner Fans so gut wie alles zutraut und die journalistische Sorgfaltspflicht ausgeblendet wird. Da bleibt die journalistische Gewissenhaftigkeit leicht auf der Strecke.

Referenzen:

ballesterer # 121

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