»Die Dummen kommen!«

cache/images/article_1311_redstar_140.jpg Ein Monat ist es nun her, dass ein Überfall rechtsextremer Hooligans auf den linken Verein Roter Stern Leipzig für Aufregung sorgte. Nun konnte die Polizei nach anfänglichen Ermittlungspannen erste Erfolge verbuchen, fünf der vermeintlichen Angreifer wurden festgenommen.
Philipp Spichtinger | 30.11.2009
Was war passiert? Am 24. Oktober absolvierte Roter Stern in der Bezirksklasse (8. Leistungsstufe) ein Auswärtsspiel beim FSV Brandis, etwa 20 Kilometer östlich von Leipzig. Wenige Minuten nach Spielbeginn attackierten rund 50 vermummte Hooligans die etwa 150 Fans und Spieler der Gästemannschaft mit Baseballschlägern und Holzlatten. Nach minutenlangen heftigen Auseinandersetzungen konnten die Angreifer in die Flucht geschlagen werden. Zurück blieben zahlreiche Verletzte, drei davon schwer. Ein Roter-Stern-Fan erlitt einen Jochbeinbruch und musste um sein Augenlicht bangen, welches aber glücklicherweise gerettet werden konnte.

Der Verein aus dem Leipziger Stadtteil Connewitz tritt schon seit längerem aktiv gegen Rassismus und Antisemitismus im Fußball auf und wurde für sein Engagement u.a. mit dem sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet. Eine Einstellung, mit der man auf ostdeutschen Fußballplätzen kein leichtes Standing hat. Schon des Öfteren gab es Auseinandersetzungen mit rechtsgerichteten Fangruppierungen, doch die Vorfälle dieses Tages zeugen von einer neuen Qualität rechtsextremer Gewalt am Fußballplatz.

Das Brisante an der Sache: schon im Vorfeld gab es Anzeichen für einen rechtsextremen Übergriff. So wurden die Anhänger des Roten Sterns Minuten vor dem Vorfall per Lautsprecher aufgefordert, die Stehplätze zu räumen, da nun »die Dummen kommen« würden. Ein Ordner des FSV Brandis wurde dabei beobachetet, wie er den Neonazis nach Spielbeginn einen Seiteneingang öffnete, sich daraufhin vermummte und zu den Angreifern gesellte. Diese bewaffneten sich mit »Eisenstangen, Steinen und Holzlatten«, wie ein Augenzeuge gegenüber dem Sportnachrichten-Portal Sportswire.de erklärte. Die Waffen waren offensichtlich auf dem Sportplatz von Brandis deponiert worden. Während des Angriffs wurden immer wieder Anfeindungen wie »Scheiß Zecken« oder »Scheiß Rote« skandiert.

Die Exekutive war an diesem Tag trotz Hinweisen auf Ausschreitungen nur mit vier Verkehrspolizisten vor Ort, erst eine Stunde nachdem das Match abgebrochen worden war, traf eine Hundertschaft der Leipziger Polizei ein. Da es etliche Fotos und Videos des Angriffs gibt, konnten einige der Angreifer relativ schnell identifiziert werden. Wenige Tage nach dem Übergriff wurden auf der Internet-Plattform Indymedia die Namen einiger Täter veröffentlicht, bei denen es sich um bekannte Neonazis aus der Region schon seit längerer Zeit eine Hochburg des Rechtsextremismus handelte. Trotzdem dauerte es lang, ehe die ostdeutsche Polizei auf Touren kam.

Schließlich wurde medienwirksam eine 16-köpfige Sonderkommission ins Leben gerufen, rekrutiert u.a. aus Mitgliedern der »Sonderkommission Rechtsextremismus« (»SOKO REX«), die den Vorfall aufklären sollte. Ein Reporter des Spiegel versuchte rund zwei Wochen nach dem Vorfall die SOKO telefonisch zu kontaktieren, wurde dabei stundenlang in verschiedene Abteilungen verbunden, bis er schließlich mit dem lapidaren Kommentar »Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Zeugen dieses Vorfalls zu vernehmen« abgespeist wurde. Eine Sprecherin von Roter Stern Leipzig meinte damals zu den Ermittlungen: »Man hat leider das Gefühl, dass das Polizei-Interesse, die Täter zu finden, relativ gering ist.«

Nach rund einem Monat konnten vergangenen Mittwoch endlich fünf potenzielle Angreifer festgenommen werden. Die Verdächtigen sind allesamt dem gewalttätigen rechtsextremen Spektrum zuzuordnen, teilweise sind sie einschlägig vorbestraft, zwei sogar zur Bewährung auf freiem Fuß. Einer der Schläger, der 20-jährige Christopher R., ist als Sänger der Neonazi-Band Storm of Mind bekannt und wollte sogar als Kandidat der NPD für den Gemeinderat in Bennewitz bei Wurzen kandidieren. Nach diesen ersten Fahndungserfolgen will die Exekutive nun am Ball bleiben: »Es ist davon auszugehen, dass neben den Festgenommenen weitere tatverdächtige Personen zeitnah identifiziert werden können«, so ein Sprecher der Leipziger Polizei.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png