Die erfolgreiche Ohnmacht des Trainers

cache/images/article_1222_uhlig_140.jpg Seit Februar wird das U17-Nationalteam der Mädchen von Johannes Uhlig gecoacht. Der am Sportinstitut der Uni Wien tätige Niederösterreicher war in den 1980er Jahren selbst Spieler bei Simmering und trainiert seit fast 20 Jahren im Nachwuchsbereich, u.a. bei der Austria, Rapid und Admira. Für seinen neuen Job bringt er nicht nur reichhaltige Erfahrungen aus der Praxis, sondern neue Ansätze zu Trainingsmethoden und Teambuilding mit.
Helmut Neundlinger | 15.05.2009
ballesterer: Ist die Berufung zum U17-Teamchef durch den ÖFB dein erster Trainerkontakt mit Mädchen?
Johannes Uhlig: Nein, als Trainer im Leistungsausbildungszentrum Wien arbeite ich ständig mit gemischten Teams. Bis zum Alter von 14 Jahren trainieren Mädchen und Burschen gemeinsam. Das ist wichtig, denn dadurch nehmen die Mädchen viel von der Spielgeschwindigkeit und Zweikampfstärke der Burschen an.

Worin liegen die größten Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der fußballerischen Entwicklung?
Die Mädchen haben bis zum Alter von 12, 13 Jahren sicher einen Vorsprung in der biologischen Entwicklung. Die Burschen kompensieren das durch technische Fertigkeiten, weil sie ja oft viel früher mit dem Kicken beginnen und den Mädchen in puncto Spielerfahrung dadurch voraus sind. Ich kenne keine empirischen Untersuchungen, aber vermutlich würden Mädchen rasch auf ein ähnliches Niveau kommen, wenn sie ähnlich früh mit dem Spielen beginnen würden.
 
Wo liegt derzeit das Einstiegsalter für Fußballerinnen?
In Wien beginnt das konzentrierte Training für Mädchen mit elf, 12 Jahren. Für diese Altersgruppe gibt es im LAZ eine Trainingsvorstufe mit zwei Einheiten pro Woche. Später wird das dann auf drei bis vier Einheiten gesteigert.

Wie setzt sich deine Trainingsgruppe zusammen?
Ich trainiere mit den 13- bis 14-Jährigen. Wir nehmen bewusst keine Jugendlichen aus dem Nachwuchs der Großklubs Austria und Rapid, sondern die Begabtesten aus den kleineren Klubs. Die haben in ihren Vereinen den Nachteil, in einer leistungsheterogenen Gruppe ausgebildet zu werden. Bei uns treffen sie auf Mitspielerinnen mit ähnlichem Niveau und da sind erst die entscheidenden gemeinsamen Übungen in puncto Automatisierung und Handlungsschnelligkeit möglich.

Hat dich der ÖFB durch deine Arbeit im LAZ entdeckt?
Ich habe mit meiner Auswahl im vorigen November an einem Futsal-Turnier in Linz teilgenommen. Dort haben wir die Austria mit 2:1 besiegt mit einem gemischten Team samt zwei großartig aufspielenden Mädchen. Das hat die anwesenden Trainer und Funktionäre sehr verblüfft unter anderem Willi Ruttensteiner, den technischen Direktor des ÖFB. Nach allgemeinem Lob dafür, dass ich die Mädchen in meiner Arbeit forciere, kam das konkrete Angebot. Ich hab sofort ja gesagt.

Welche Erfahrungen konntest du als Neo-Teamchef machen?
Ich bin erst seit Februar offiziell Teamchef. Aber wir haben bereits einen fünftägigen Trainingslehrgang hinter uns, der in Bezug auf Teambuilding sehr wichtig war. Die Mädchen aus Wien kannte ich zwar durch die gemeinsame Arbeit, nicht jedoch jene aus den Bundesländern. Der erste Schritt bestand also darin, die Fähigkeiten der einzelnen Spielerinnen puncto Technik, Taktik und Spielverständnis festzustellen. Und gemessen am starken Niveau »meiner« Wienerinnen war ich überrascht, dass auch die anderen nicht wesentlich abfielen. Das stimmt mich positiv hinsichtlich der Aufbauphase. Wir haben in nächster Zeit noch drei Lehrgänge mit Länderspielen geplant, denn im Herbst erwartet uns eine schwere U17-Euro-Qualifikationsrunde gegen Tschechien, Litauen und Schottland.

Sowohl ÖFB-Generalmanager Ludwig als auch Neo-Präsident Windtner haben sich kürzlich zur wachsenden Bedeutung des Frauenfußballs bekannt. Gibt es innerhalb des Verbandes eine Aufbruchsstimmung in Sachen Frauenfußball?
Im ÖFB gibt es Pläne für ein spezielles Mädchen-Ausbildungszentrum. Natürlich erkennt man eine gewisse Unlust von prominenten Trainern, sich im Frauenfußball zu engagieren. Das spielt aber langfristig keine Rolle. Die Mädchen lassen sich da nicht blenden und kapieren, wie stark sie selber profitieren, wenn du ein Trainingskonzept hast statt einem berühmten Namen. Die beurteilen einen Trainer ganz klar nach sozialer und fußballspezifischer Kompetenz. Für mich ist José Mourinho des beste Beispiel für diese neue Generation von Trainern: Keinem einzigen Spieler vom FC Porto wäre es wohl eingefallen, seine hochprofessionelle Arbeit abzulehnen, nur weil er selbst als Spieler nichts erreicht hat. Denn entscheidend für seine Entwicklung als Trainer war etwas ganz Anderes, nämlich das, was er als Dolmetscher an der Seite von Louis van Gaal und Bobby Robson gelernt hat.

Was war dein konzeptueller Ansatz im ersten Lehrgang?
Bevor es losging, habe ich mir gemeinsam mit der ÖFB-Teammanagerin Isabel Hochstöger ein Bild in Bezug auf die Gesamtkonstellation gemacht. Wir haben versucht, mit Fragebogen den Status quo der Spielerinnen bezüglich taktischem Verständnis und Spielpositionen herauszufiltern: Wissen die Nominierten überhaupt, wie ballorientierte Gegnerdeckung oder ein koordiniertes Flügelspiel funktioniert? Wissen sie, was Mittelfeldpressing heißt und wer dafür das Signal gibt? Wichtig waren mir aber auch Fragen, anhand denen ich mir ein Bild von der Persönlichkeit der Spielerinnen machen konnte: Hast du Geschwister? Was willst du in deinem Leben beruflich erreichen? In einem Team braucht man eine Balance aus Teamplayern und im positiven Sinne Egoisten, und die Mischung versuchte ich aufgrund dieser Rückmeldungen zu entwickeln. Ich habe mich da an einer Methode des deutschen Hockey-Trainers Bernhard Peters, der mittlerweile bei Hoffenheim arbeitet, orientiert, indem ich versucht habe, für jede Spielerin einen Begriff bzw. eine herausragende Eigenschaft zu finden. Bestimmte Konstellationen finden sich in jeder Gruppensituation: Gleich am ersten Abend etwa kristallisiert sich der Gruppenclown heraus. In unserem Fall war das die herausragende Stürmerin. Ihr Selbstvertrauen ist mir in einem anderen Prinzip meiner Arbeit entgegengekommen: Ich versuche, in der Mannschaft eine Art »vertikales Coaching« zu implementieren, also in jeder taktischen Formation eine Spielerin zu finden, die die anderen ein bissl coacht und ihnen Halt gibt. Die »Clown-Stürmerin« etwa konnte ihre ein wenig unsicherere Kollegin mit wenigen Kommandos gut stabilisieren.

Wie schaut dein Betreuerteam aus?
Neben der Ärztin und der Physiotherapeutin hab ich für meinen Betreuerstab zwei Studierende engagiert, die mir in meiner Uniarbeit aufgrund ihres Engagements und ihrer Teamfähigkeit aufgefallen waren: eine junge Frau und einen jungen Mann letzteren auch aus psychsozialen Gründen, damit nicht alles auf mich als einzigen Mann fokussiert sein würde. Im Trainingslager hatten wir ein eigenes Forschungszimmer, wo wir am Abend zusammenkamen und unsere Ideen sammelten. Oft sind wir bis zwei Uhr früh gesessen und haben die Trainingsprogramme für den nächsten Tag geschrieben. Meine Aufgabe bestand darin, für eine gute Kommunikation zu sorgen und jedem bestimmte Aufgaben zuzuteilen. Die Studentin etwa, die auch eine ausgebildete Masseurin ist, hat die Physiotherapeutin in der körperlichen Betreuung der Mädchen unterstützt. Mein Assistenztrainer ist selber Tormann in der burgenländischen Landesliga und hat das Torfrauentraining geleitet. Aufgrund dieser Vielseitigkeit konnten wir das Training am Platz in Gruppen organisieren, wo wir immer zu sechst gearbeitet haben die Ärztin etwa mit Regenerationsübungen für die Spielerinnen. Torschusstraining, taktisches Training, Kräftigungsübungen immer alles gleichzeitig in mehreren Gruppen auf dem Platz verteilt. In einem solchen Prozess steigt die Wertigkeit der einzelnen Beteiligten automatisch, weil sie die Bestätigung dafür haben, einen wichtigen Teil zum Erfolg des Ganzen beizusteuern.

Entspringt diese Methode der Erfahrung, dass in den vergangenen Jahren das Spezialwissen in der Trainingswissenschaft geradezu explodiert ist? Dein Ansatz erinnert ja stark an Konzepte von Trainern wie Jürgen Klinsmann oder Ralf Rangnick, die irgendwann begriffen haben, dass sie nichts an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie verschiedenste Spezialisten in ihr Gesamtdesign integrieren.
Ein Trainer kann alleine nicht mehr alles abdecken. Jeder meiner Mitarbeiter hat so viele Ressourcen und ist in Teilbereichen viel kompetenter als ich und genau das versuche ich einzusetzen, um dem Ganzen bewusst eine neue Handschrift zu geben. Entscheidend sind dabei auch Rituale, die gleichzeitig Gemeinschaft und Identifikation stiften. Begonnen haben wir damit, dass ich den Mädchen gleich zu Beginn des Trainingslagers auf einer Flipchart einen Überblick präsentiert habe, wie der Lehrgang ablaufen wird. Damit war eine erste gemeinsame Orientierung geschaffen. Dann habe ich mit dem Assistenztrainer ein 30-minütiges Modellaufwärmen konzipiert, das ab sofort für jedes Länderspiel gilt auch um die teaminterne Synchronisation sicherzustellen. Außerdem habe ich mich einer psychologischen Methode bedient, der Einführung eines gemeinsamen »CODE 17«. C steht für Coaching, und das betrifft nicht nur mich: Wenn eine Spielerin in Not ist, dann ist der beste Coach die Mitspielerin, und nicht der Trainer, der am Spielfeldrand herumbrüllt. »O« steht für Offensive, sprich: das Einüben kreativer Spielzüge, aber auch gewisser Automatismen im Spiel nach vorne. Das hilft, in jeder taktischen Situation über zwei, drei automatisch abrufbare Züge zu verfügen. »D« steht für Defensive, das betrifft nicht nur die Positionen, sondern auch Konstellationen, etwa was es heißt, im Quadrat zu verteidigen, kompakt zu stehen und das Zentrum dicht zu machen. Das war anfangs schwierig, allerdings haben die Mädels da irrsinnig schnell dazugelernt. »E« schließlich steht für Engagement, Einsatz eben den Siegeswillen innerhalb des Teams. Mit alldem habe ich die Mädels so begeistert, dass sie einen eigenen Spruch kreiert haben, der vor jedem Spruch im Kreis gerufen wird.

Wie ist das erste Testmatch gegen Ungarn gelaufen?
Wir haben 7:1 gewonnen, auch wenn der Verlauf kurios war. Schon in der ersten Minute waren wir 0:1 hinten, und bis zur Pause lief kaum etwas, außer dem Ausgleich. In der Pause habe ich versucht, sie zu motivieren, und mit Glück ist in der zweiten Halbzeit alles aufgegangen. Als Neubeginn war das ein Hammer, aber es hat mir auch die Ohnmacht des Trainers während des Spiels vor Augen geführt.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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