Die Europrügel

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Nach 20 Jahren spielt wieder ein polnischer Verein in der Champions League. Legia darf sich auf Millioneneinnahmen freuen, doch der Weg in das große Fußballgeschäft wird für Meister aus kleinen Ligen immer steiniger. 

Radoslaw Zak | 12.09.2016

Eine große Siegesfeier wurde es nicht. Das Hinspiel im Play-off zur Champions League beim Dundalk FC hatte Legia 2:0 gewonnen. Im Rückspiel lagen die Warschauer 0:1 zurück, der Nervenkitzel wurde durch einen Platzverweis verschärft. Die Gastgeber spielten schwach und beschränkten sich in der zweiten Hälfte auf das Verwalten des Ergebnisses. Das 1:1 in der Nachspielzeit resultierte aus dem offensiven Mut der Verzweiflung der Gäste. Legia spielt nun nach 1995 zum zweiten Mal in der Champions League. Waren die Iren noch mit viel Applaus verabschiedet worden, verließen die Legia-Ultras die Tribüne, noch bevor die Spieler zu ihnen kamen. Sie wollten nicht feiern.

Zwanzig Jahre Schmerz
„Das war Scheiße, kein historischer Aufstieg“, schrieb der Journalist Krzysztof Stanowski beim Fußballonlineportal Weszlo.com. „Das war der Aufstieg der Schande. Erbettelt bei der Auslosung.“ Auch die älteste Sportzeitung des Landes, Przeglad Sportowy, titelte verhalten: „Sie kehren zurück“. In der Tageszeitung Rzeczpospolita wurde an Legias erste Teilnahme erinnert, als der Klub das Viertelfinale erreichte. Weil die UEFA das Stadion Wojska Polskiego für untauglich hielt, wurde über eine Austragung der Spiele in Berlin nachgedacht. Damals gab es in ganz Polen kaum einen halbwegs modernen Spielort.

Als der letzte polnische Vertreter Widzew Lodz in der Champions League um Punkte kämpfte, verkündete Papst Johannes Paul II gerade die Vereinbarkeit zwischen Theistischer und Darwinistischer Evolutionstheorie, Blockbuster wie „Independence Day“ und „Twister“ lockten die Massen ins Kino, Herzen brachen nach der Auflösung von „Take That“, und die Musiksendung „Disco Polo Live“ tauchte in der polnischen Fernsehlandschaft auf. Die Sendung wird bis heute ausgestrahlt, doch die heimischen Klubs verschwanden danach aus den Champions-League-Charts. Das war vor 20 Jahren.

Mysteriöse Meister
Widzew war 1996 ohne Niederlage mit drei Punkten Vorsprung auf Legia Meister geworden, entsprechend groß waren die Erwartungen an die Mannschaft von Trainer Franciszek Smuda. Er musste den Wechsel von Torschützenkönig Marek Koniarek zu Vorwärts Steyr kompensieren. Tormann Maciej Szczesny, Vater des heutigen Roma-Keepers Wojciech, wurde vom Konkurrenten aus Warschau geholt, die Abwehr organisierten Pawel Wojtala und Teamverteidiger Tomasz Lapinski. Im Angriff gingen Jacek Dembinski und Jungstar Marek Citko auf Torjagd.

Insgesamt nahmen an der damaligen Auflage der Champions League samt Qualifikation 24 Teams aus 23 Verbänden teil. Der Klub aus der polnischen Industriestadt schaltete zunächst Bröndby aus und bildete mit Steaua Bukarest, Borussia Dortmund und Atletico Madrid die Gruppe B. Schnell zeigte sich, dass der polnische Fußball den Anschluss zur europäischen Spitze verloren hatte. Widzew belegte nach einem Sieg in Bukarest und einem Remis gegen den BVB den dritten Rang. In der Liga wurde Widzew auch in dieser Saison wieder Meister, aber unter mysteriösen Umständen. Zu Hause führte Legia in der vorletzten Runde bereits 2:0 und hatte mit diesem Ergebnis den Titel fast sicher. Nach einer Verletzung von Schiedsrichter Andrzej Czyzniewski, der das Spiel nach einer Behandlung jedoch fortführen konnte, erzielten die Gäste innerhalb von fünf Minuten drei Tore. Bis heute halten sich Gerüchte, dass das Spiel gekauft war.


Chronologie des Scheiterns
In der Qualifikation zur Champions League stand Widzew in der folgenden Saison vor neuen Bedingungen. Einschließlich des Titelverteidigers Borussia Dortmund nahmen nun 55 Teams aus 46 Verbänden teil. Somit waren zwei Qualifikationsrunden zu überstehen. Widzew besiegte Neftci Baku aus Aserbaidschan, war dann jedoch gegen den AC Parma chancenlos. Ähnliches galt in der darauffolgenden Saison für den Lokalrivalen Lodzki KS, der die erste Runde gegen PFK Kepez aus Aserbaidschan meisterte und dann gegen David Beckhams Manchester United ausschied. Widzew trat 1999 wieder an, stieg in der zweiten von mittlerweile drei Qualifikationsrunden ein, scheiterte aber an der Fiorentina. 71 Mannschaften nahmen insgesamt an dieser Spielzeit teil, in einem aufgeblähten Wettbewerb klaffte die Schere zwischen den reichen und armen Teams stark auseinander.

Die 2000er Jahre waren im polnischen Fußball die Zeit von Wisla Krakow. Der Klub dominierte die Liga, scheiterte in der Qualifikation zur Champions League jedoch regelmäßig. Als sich die Krakauer 2009 gegen Levadia Tallinn aus Estland in der zweiten Qualifikationsrunde blamierten, machte erstmals das Wort eurowpierdol in den polnischen Medien die Runde, was übersetzt etwa „Europrügel“ bedeutet. Die jährliche Tracht Prügel gab es auch für die Teams im UEFA-Cup beziehungsweise der Europa League, sie verloren gegen vermeintlich ebenbürtige oder gar schwächere Mannschaften. Die Floskel, dass es in Europa keine zu unterschätzenden Teams mehr gäbe, konterten Fans mit „in Polen schon“.



2014 fiel das schon traditionelle Verpassen der Champions League wieder Legia zu, diesmal allerdings am Grünen Tisch. Sportlich war Celtic besiegt worden, doch weil die Warschauer in den letzten zwei Minuten einen gesperrten Spieler eingesetzt hatten, landeten sie in der Europa League.

Heuer steht Legia ein Budget von umgerechnet 32 Millionen Euro zur Verfügung, das durch die Millioneneinnahmen in der Königsklasse steigen wird. Lech Poznan folgt in der Ekstraklasa mit knapp 17 Millionen, Lechia Gdansk plant mit zehn - die Etats der restlichen Teams bewegen sich auf dem Niveau von deutschen Drittligisten. 2,5 Millionen Euro bekommen die Spieler für den Aufstieg in die Champions League – man solle das Geld lieber der Person geben, die bei der Auslosung die Kugeln zog, schlug Journalist Stanowski vor. Doch der polnische Fußball ist auf höchstem internationalen Niveau weder sportlich noch finanziell konkurrenzfähig, schon gar nicht nach der nächsten Reform des Europacups. Die besten vier Verbände der Fünfjahreswertung sollen jeweils vier Starter entsenden, statt bisher zehn sollen nur noch sechs Teams aus schwächeren Ligen den Einzug ins Geldparadies schaffen. Polnischen Fans stehen wieder magere Jahrzehnte bevor.   

 

Foto: Pressematerial von Legia Warszawa  

Referenzen:

Heft: 115
Thema: Champions League, Polen
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