Die Gründe für das frühe Scheitern

cache/images/article_1677_bybye_140.jpg U20-WM Die österreichische Delegation hat Kolumbien nach der Schlappe gegen Ägypten bereits verlassen. Der ballesterer-Korrespondent ist als einziger geblieben und resümiert die wichtigsten Lehren des frühen Outs: Nicht jede Generation verfügt über Klasseleute wie Harnik und Hoffer und die ÖFB-Vertreter haben zumindest abseits des Rasens ein gutes Bild abgegeben.
Robert Florencio | 07.08.2011
Es ist Samstagabend, auf der Terrasse des Cafe del Mar auf den Festungsmauern von Cartagena zieht unterstützt von ruhiger Musik eine melancholische Stimmung auf. Hinter mir liegt eine spannende erste Woche bei dieser U-20 WM. Ich sinniere nochmals über die tollen Erlebnisse mit dem Team und den anderen Kollegen von Presse und ORF. Vor ein paar Stunden sind alle in die Heimat abgereist. Ich erinnere mich an die Verabschiedung am Flughafen vor ein paar Stunden zurück, wo ich mich von allen anwesenden Verantwortlichen mit Handshake  verabschiedet habe und Sportdirektor Willi Ruttensteiner mein Angebot der Kontaktvermittlung zum Brasilientrainer Ney Franco, den ich ja auf Leserwunsch fast schon adoptiert habe, angenommen hat.

Es sollte also nicht sein. Viel ist schon über die Gründe der debakulösen Bilanz mit nur einem Punkt und einer Tordifferenz von  0:7 geschrieben worden. Ich möchte daher als jemand, der nicht nur langjähriger Lateinamerikakenner ist, sondern auch die U-20 Mannschaft 2007 live vor Ort in Kanada miterlebt hat und somit den Vergleich mit beiden Turnieren hat, meine Meinung über die Ursachen darlegen. Dadurch dass ich bis dato keinen der handelnden Akteure persönlich gekannt habe, dürfte ich über den notwendigen Abstand verfügen die Ereignisse relativ neutral und unvorbelastet darstellen können.

Starten wir mit dem Positivsten. Der Auftritt der österreichischen Delegation gegenüber den Gastgebern war vorbildlich. Alle Befürchtungen, es könnte zu einem Abklatsch der typischen  Verhaltensweisen österreichischer Touristen in anderen Kontinenten kommen, haben sich in keinster Weise bewahrheitet. Im Gegenteil: Die von höchste Verbanbsrepräsentanten angeführte Mannschaft hat nicht nur durch das (zufällige) Treffen mit Kolumbiens Staatspräsident Santos sondern auch durch die Kontaktaufnahme mit lokalen  Persönlichkeiten im Fußball wie dem Präsidenten von Real Cartagena Respekt vor den  Anstrengungen und Interesse gegenüber dem Gastgeberland gezeigt und somit in ein paar Wochen Aufenthalt mehr für die wechselseitigen Beziehungen bewirkt als eine österreichisch-kolumbianische Gesellschaft oder das Wiener Lateinamerikainstitut.

Was das rein Sportliche betrifft, möchte ich mich zunächst mit den topographischen und klimatischen Bedingungen beschäftigen. Kolumbien ist durchaus mit Mexiko vergleichbar, sowohl was die Höhenzüge der Kordillere als auch das Luftfeuchtigkeitsniveau an der Karibikküste betrifft. Hier bietet sich also durchaus der Vergleich mit der vor knapp einem Monat beendeten U-17 WM  in Mexiko an. Das deutsche Team um Yesil, Can & Co. sorgte dort vor allem wegen seiner balltechnischen Brillanz für Furore.  Einem hochklassigen 1:2 gegen Mexiko im Semifinale in Torreon an der Karibikküste, wo ähnliche für den Normaltouristen schwer verdauliche Lutftfeuchtigkeitswerte herrschten, wie hier in Cartagena folgte vier Tage später ein sensationeller 4:3 Sieg im Spiel um den dritten Platz in der Höhenluft von Mexiko-Stadt.

Die deutschen Teens schienen über große Kraftreserven zu verfügen, denn normalerweise tritt genau nach drei bis vier Tagen die Phase der größten körperlichen Schlappheit ein, wenn man sich an die Höhe anpasst. Man sieht jedenfalls: Das deutsche Team konnte problemlos auf der Höhe  und der schwülen Hitze am Meer spielen. Entscheidend ist hier die Länge der Vorbereitung und die frühzeitige Anreise ins Land , um sich optimal vorbereiten zu können. Das alles war der ÖFB -Auswahl bekanntlich nicht vergönnt. Erst eine Woche vor Turnierbeginn zu kommen, hat sich als definitiv zu spät erwiesen. Der fälschlicherweise oft für ganz Lateinamerika angewendete Begriff »Montezumas Rache«, der so eigentlich nur Mexiko zulässig ist, und die Phase der Adaption der Darmflora an bis dato unbekannte Bakterienstämme beschreibt, trifft wohl früher oder später jeden Europäer bei seinem ersten Aufenthalt in der Region. Der ballesterer-Korrespondent kann sich noch zu gut an seine erste Reise in die Region im Jahr 1993 erinnern, als die WC-Anlage einer der meist besuchten Orte in den ersten Tagen seines Aufenthalts war. Daher wäre natürlich unter der Prämisse, Verständnis bei den Vereinen zu bewirken, eine Anreise mindestens drei Wochen vor Turnierbeginn geboten. Bis zum ersten Spiel wären so alle die Adaptionsprobleme schon überwunden gewesen.

Vom sportwissenschaftlichen Standpunkt und der Gegneranalyse ist den Verantwortlichen ein Lob auszusprechen. Teammanager Walter Konir und  Dolmetsch Michael Grubinger waren in gewissem Sinne so etwas  wie eine Miniaturversion  von Oliver Bierhoff und Urs Siegenthaler beim DFB. Und der Teamchef selbst hat sich auch etwas von Jürgen Klinsmann abgeschaut, nämlich die Einführung des Omega-Wave-Messsystems zur Ermittlung des körperlichen Leistungszustandes und der Früherkennung von aufkommenden Beeinträchtigungen. Dadurch konnte etwa bei Lukas Rothpuller der Fieberschub schon vor seinem Ausbruch prognostiziert werden.

Was Heraf sichtlich fehlte, war ein taktischer Mastermind, wie ihn der spieltaktisch auch nicht so wahnsinnig beschlagene Ex-DFB-Teamchef Jürgen Klinsmann in Jogi Löw hatte. Somit war das vorgesehene taktische Konzept, ein an den FC Barcelona erinnerndes 4-3-3-System, das auch die höchste Sympathie beim ballesterer-Berichterstatter genießt, kein einziges Mal in die Praxis umgesetzt. Dazu fehlten einfach die entsprechenden Spieler. Die alte Regel, das System nach den vorhandenen Spielern auszurichten und nicht umgekehrt, hat hier wieder einmal seine Richtigkeit betätigt.

Dabei muss Teamchef Andreas Heraf zugestanden werden, dass er keineswegs beratungsresistent ist. Den Tipp von Brasilien-Coach Ney Franco es doch mit zwei Stürmern zu versuchen, hat er im nächsten Spiel gleich realisiert wenn auch den erhofften Erfolg. Vor dem Spiel gegen Brasilien tüftelte er eine 3-3-3-1-Variante aus, nachdem er selbst im Traininig noch auf ein 4-1-4-1 vertraut hatte. Sportdirektor Willi Ruttensteiner sagte mir dann im Interview, er hätte Heraf vor dem Spiel noch davon abgeraten die international nicht mehr übliche Dreier-Abwehrkette ausgerechnet gegen Brasilien einzusetzen, doch der Teamchef hatte sich da schon entschieden. Fairerweise muss dazu gesagt werden, dass sich sein Team an diesem Abend auch mit einer Vierer-Abwehrkette Gegentore eingehandelt hätten. Dazu kommt, dass Spieler die besprochenen Positionen teilweise nicht einnahmen. So geschehen bei Robert Gucher, der in der zweiten Hälfte gegen Ägypten auf einer seltsam anmutenden Position im Schatten von Stürmer Robert Zulj auftauchte.
 
Taktische Feinheiten waren aber sicherlich nicht der Hauptgrund für das Ausscheiden. Auch ein Taktikfuchs wie Paul Gludowatz, der sich jüngst mit seinen aberwitzigen Aussagen zum Frauenfußball in einem Krone-Interview ein großes Minus eingehandelt hat, hätte mit dieser Mannschaft auch nicht für Furore sorgen können. Der Abstand zur Kanada-Generation ist dazu zu groß. Vor allem die Sturmspitzen von der Qualität eines Jimmy Hoffer oder eines Rubin Okotie sowie die mitreissende Dynamik eines Martin Harnik oder eines Zlatko Junuzovic im offensiven Mittelfeld fehlten bei dieser Auswahl gänzlich.

Übrigens lamentierte der englische Coach wesentlich mehr über die Ausfälle in seinem Team und zählte die Namen der Premier-League-Coaches, die ihn im Stich gelassen hatten, sogar in der Pressekonferenz auf. Insofern ist die bei den österreichischen Spielern und ihrem Trainer vorhandene Selbstkritik und die Bereitschaft sich weiterzuentwickeln, positiv herauszustreichen. Auch die in Profikreisen bis dato sehr unterentwickelte Eigenschaft, fair gegenüber dem Referee zu sein, hat Heraf mit seiner ehrlichen Aussage zum vermeintlichen Elferfoul von Panama korrigiert.

Mein Fazit ist daher sogar leicht optimistisch gestimmt: In jeder Niederlage liegt auch etwas Positives. Die handelnden Akteure sind sich bewusst, dass keiner von ihnen die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat, man ist offen für neue Ideen und Entwicklungen, eine »Mia san mia«-Attitüde gibt es nicht. In diesem Sinne: Jeder, der eine gute Idee hat, wie wir die österreichischen Auswahlmannschaften voranbringen, möge doch eine Mail an den ÖFB senden. Die Zeiten scheinen günstig zu sein. Die »Cordoba-Taliban«, soweit ohnehin noch nicht am Abstellgleis diverser Medien, dürften endlich in den verdienten Ruhestand geschickt werden

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Rubrik: Aktuell
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