Die Härte des Gesetzes

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Die UEFA hat Legia Warszawas Einspruch gegen das 0:3 am grünen Tisch gegen Celtic angehört, wird heute Abend oder morgen eine Entscheidung treffen. Eine Zusammenfassung der Geschehnisse. 

Radoslaw Zak | 13.08.2014

Im Rückblick betrachtet, war das Jahr 1996 ein gutes für den polnischen Fußball. Zwar wurde Widzew Lodz mit einer mageren Ausbeute von vier Punkten nur Gruppendritter in der Champions League vor Steaua Bukarest und hinter Atletico Madrid sowie Borussia Dortmund, aber dies war der letzte Auftritt einer polnischen Mannschaft in der Königsklasse. Es sollten nicht sieben, sondern gleich 18 magere Jahre folgen. Seitdem scheiterten verschiedene polnische Meister in der Qualifikation entweder an eigenem Unvermögen oder starken Gegnern. In der heurigen Qualifikation sah es anfangs, wie schon so oft, nach einer blamablen Vorstellung aus. Gegen den größtenteils mit Amateuren gespickten St. Patrick's Athletic Football Club holte Legia Warszawa im Hinspiel der zweiten Qualifikationsrunde nur ein mageres 1:1. Im Rückspiel in Dublin lief es besser, die Iren wurden 5:0 geschlagen. In der dritten Qualifikationsrunde wartete mit Celtic ein renommierter Gegner, nicht wenige prophezeiten dem ehemaligen Armeeklub ein Scheitern. 


Papierkram
Doch es kam anders. Legia dominierte die Schotten nach Belieben und war nach dem 4:1-Hinspielsieg mit einem Bein weiter. Das Ergebnis hätte sogar noch höher ausfallen können, wenn Kapitän Ivica Vrdoljak zumindest einen seiner zwei verschossenen Strafstöße verwandelt hätte. Das in Edinburgh ausgetragene Rückspiel wurde zur reinen Formsache, mit einem 2:0 ging es zurück nach Polen. So weit, so gut. In der 88. Minute des Rückspiels wurde mit dem 22-jährigen Bartosz Bereszynski ein Spieler eingesetzt, der im letzten Europa-League-Spiel der vergangenen Saison eine Rote Karte sah und für drei Matches gesperrt wurde. Um seine Sperre korrekt abzusitzen, hätte er nicht nur für das Hinspiel gegen Celtic, sondern auch für die Begegnungen mit St. Patrick's auf der erweiterten Kaderliste stehen müssen. Das tat er jedoch nicht, weil jemand in der Administration anscheinend nicht mit den Regularien der UEFA vertraut gewesen war. Der Verband selbst wurde durch einen seiner eigenen Delegierten auf den Fehler aufmerksam, woraufhin eine Untersuchung eingeleitet wurde.

In der Rechtspflegeordnung des europäischen Fußballverbandes heißt in den Punkten drei und vier des 21. Artikels: "Bei Protest der gegnerischen Mannschaft kann eine Forfait-Erklärung ausgesprochen werden, wenn ein gemäß einschlägigem Wettbewerbsreglement nicht spielberechtigter Spieler an einem Spiel teilgenommen hat. Eine Forfait-Erklärung zieht folgende Konsequenzen nach sich: Das Spiel wird mit 0:3 Toren gegen den Mitgliedsverband oder Verein gewertet, der den Verstoß begangen hat." Genau das entschied die UEFA am vergangenen Freitag vor der Auslosung, Celtic zog damit aufgrund der Auswärtstorregel in die Play-offs ein, wo nun Maribor wartet.

Für den polnischen Hauptstadtverein, der von Miteigentümer Boguslaw Lesnodorski mehrmals als professionellster im ganzen Land bezeichnet wurde, ist dies nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein sportliches Fiasko. Das Gros der Mannschaft spielt seit drei Jahren zusammen, kollektiv wurde in dieser Zeit auf die Champions League hingearbeitet.


Von Ehre und Freunden
Nun stellt sich die Frage, ob die UEFA nicht Gnade vor Recht walten lassen könnte. Denn aus sportlicher Sicht hatte Celtic Legia nichts entgegenzusetzen, Bereszynski spielte nur vier Minuten lang und hatte keinen Einfluss auf den Ausgang des Spiels. Seit dem Bekanntwerden der Strafe greifen die Warschauer nach jedem Strohhalm, um dem "Walkower" (das polonisierte Walkover) zu entgehen. Es wurde nach Lücken und Schlupflöchern im Regelwerk gesucht, mit anderen Paragrafen argumentiert. Notfalls will man bis zum Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne gehen - und das mit dem Anwaltsteam von Luis Suarez.

Lesnodorski und Mitbesitzer Dariusz Mioduski gaben am Sonntag in einer Pressekonferenz bekannt, Einspruch erheben und "kämpfen" zu wollen. Mioduski verfasste einen offenen Brief an die Schotten, in dem er eindringlich an sie appellierte: "Ich rufe euch auf, im Geiste des Spiels und den Regeln des Fair Play auf Basis von Artikel 35 Punkt 5 der UEFA-Rechtspflegeordnung gemeinsam mit uns Stellung zu gegenüber den Disziplinarorganen zu beziehen. Lasst uns in Warschau oder in Glasgow treffen und die Sache ehrenhaft regeln." Was viele Medien als Angebot eines Entscheidungsspiels interpretierten, war in Wahrheit die Bitte nach einem Verzicht auf die Play-offs. Im Interview mit dem polnischen Portal "Weszlo" verriet Verbandspräsident Zbigniew Boniek nach einem Telefonat mit UEFA-Boss Michel Platini, den er aus gemeinsamen Tagen in den 1980er Jahren bei Juventus kennt, dass das die einzige Möglichkeit sei: "Ich rief Michel an, sagte, dass ich nur wenige Freunde im Leben habe und bat um Hilfe."

The punishment does not seem to fit the crime
Mioduskis offener Brief an Celtic wurde in einem offiziellen Statement auf der Vereinshomepage knapp beantwortet: "Wir sind über die Aussagen Legia Warschaus enttäuscht. Es ist vollständig Angelegenheit der UEFA. Dementsprechend werden wir uns weitere Kommentare für die angemessene Zeit vorbehalten." Die Chance, dem sportlich besseren Team den Vortritt zu lassen und etwas für die eigene Reputation zu tun, will Celtic also nicht wahrnehmen. In gewisser Weise verständlich, denn die Champions League lockt mit Millionenbeträgen. Da nützen mit Zitaten gespickte Appelle an die glorreiche und ehrenhafte fußballerische Vergangenheit Celtics wenig. Es geht um Business. Während in Schottland darauf hingewiesen wird, dass jeder Klub sich mit dem Regelwerk auskennen müsse, wird die Strafe in Polen als zu hart angesehen und das Reglement infrage gestellt. Nicht auszuschließen ist, dass die vergangenen Vergehen der Legia-Fans eine Rolle bei der Entscheidungsfindung spielten. Zu oft sind sie den UEFA-Oberen negativ aufgefallen, sei es mit antisemitischen Choreografien oder mit ironischen Botschaften an den Verband. Mittlerweile hat Legia auf Twitter den Hashtag #LetFootballWin erstellt, mehrere aktuelle und ehemalige Stars wie Deco, Robert Lewandowski oder Artur Boruc haben ihre Solidarität im Netz bekundet. Legia-Fan Boruc, der 2005 aus Warschau nach Glasgow zu Celtic wechselte und dort nicht nur wegen seiner Leistungen zum Publikumsliebling avancierte, zeigte sich anfangs erbost über die UEFA. In polnischer Sprache twitterte er: "In diesen Zeiten ist der Fußball bis ins Mark kaputt. Ich freue mich, dass ich einer der wenigen bin, die ohne Ekel in den Spiegel schauen ...". Mittlerweile schlägt "The Holy Goalie" sanftere Töne an und hofft auf ein gutes Ende, so wie die meisten in Polen. Was Boruc und viele andere jedoch zu vergessen scheinen, wenn sie mit fairen Sportsgeist argumentieren, ist die Tatsache, dass Legia diesen auch nicht immer gezeigt hat. 1993 wurde dem Klub wegen Korruptionsvorwürfen der Meistertitel aberkannt.

Wer den Schaden hat ...
Die Fans von Lech Poznan, die nach dem Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation gegen den isländischen Vertreter Stjarnan eigentlich nichts zu lachen hätten, halten mit ihrer Schadenfreude nicht hinter dem Berg. Einst küsste der aus Posen stammende Bereszynski das Vereinswappen Lechs, beging 2013 aber das Sakrileg, in die verhasste Hauptstadt zu wechseln. Das hatte Hunderte Drohungen per SMS und auf der Straße zur Folge. Mittlerweile schmerzt der Weggang des verlorenen Sohnes nicht mehr so sehr. "Mission accomplished" und "Unser Trojanisches Pferd" hieß es in den Fanforen. 


Foto: Die Klubbesitzer 
Dariusz Mioduski und Boguslaw Lesnodorski (Quelle: Legia Warszawa)

Update: In einer früheren Version des Textes schrieben wir, Celtic habe bei der UEFA Protest eingelegt, was nicht den Tatsachen entspricht. Wir haben die Passage nunmehr korrigiert und danken für den Hinweis!

Referenzen:

Thema: UEFA
Verein: Legia Warszawa
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