Die Halle von heute

cache/images/article_1134_stadthalle_140.jpg Teil zwei der Kolumne zum Wiener Stadthallenturnier befasst sich mit der Glorifizierung vergangenen Bandenzaubers und geht der Frage nach, was von den aktuellen Boykottaufrufen organisierter Fanklubs zu halten ist.
Niklas Hornbein | 02.01.2009
Unlängst meinte der Chef zu mir, ich könne doch nicht ständig in der Vergangenheit leben. Er bezichtigte mich quasi, ein Ewiggestriger in einem nicht-politischen Sinn zu sein. Aber ist nicht jegliches Fußballdenken mit beiden Wadeln fest in der Erinnerung verwurzelt? Ist nicht schon morgen oder in einem Jahr das Hier und Heute längst vorbei wie ein alter Traum? Nun gut, ein Versuch an der Aktualität, von einem, der aus einer Vorschau einen Rückblick machte.

»Früher, hör auf mit früher«

Was kann sich der Besucher von »Dribblanski«, wie das Wiener Stadthallenturnier heuer streng genommen heißt, erwarten? Die sechs teilnehmenden Mannschaften wurden auf zwei Gruppen aufgeteilt: Austria, Rapid und die Vienna bilden Gruppe A, in Gruppe B treffen der FC Magna, der LASK und der Sportklub aufeinander. Das Turnier wurde also wesentlich gestrafft: lediglich zwei Spieltage (wie bereits 1969), weniger Teams und Begegnungen, kürzere Nettospielzeit in der Gruppenphase (2x12 Minuten).

Kommt es in den Kreuzspielen zu einem Unentschieden, tritt die 2004 erstmals erprobte »Shootout-Regel« in Kraft, also Verlängerung mit Golden Goal bei gleichzeitiger Reduktion der Spieleranzahl. Während Rekordsieger Austria auf Supertechniker wie Acimovic und Bazina verzichten wird, sammelten Sportklub und Vienna beim WFV-Turnier in der Dusika-Halle bereits Spielpraxis und belegten die Plätze zwei und drei.

»Früher war alles gut«

Eine Konstante des Wiener Hallenturniers ist das Geraunze, wonach früher alles besser gewesen sei. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre bedauerte der Freund des gepflegten Hallenkicks das Ende des Bandenzaubers, einige Weihnachtsfeste später nahmen Krankls Tore und die Tricks von Felix Gasselich bereits mythische Ausmaße an und heute sehnt man sich nach dem Purismus vor Einführung des Hallencups 1999 zurück.

Diese Rückwärtsgewandtheit ist ein Phänomen, das sich stark von der Rezeption des Spiels am Feld unterscheidet. Dort bedarf es gar keines Extrembeispiels wie des rezeptfreien Schlafmittels »Schmach von Gijon«, um die Glorifizierung vergangener Tage ad absurdum zu führen. Die Ansicht eines Klassikers wie des EC-Halbfinalrückspiels 1978 Austria gegen Dynamo Moskau genügt vollkommen. Letztlich haben sich die Entwicklungen im Fußball auch auf das Hallenparkett übertragen, das Spiel wurde schneller, athletischer und möglicherweise zweckorientierter. Vielleicht missen die Menschen die Magie ihrer Jugend, wahrscheinlich fehlen einfach Typen wie Andi »Revolverjubel« Ogris, Stehgeiger vom Schlage eines Karl Reschützegger und Künstler wie Herbert Prohaska.

Hallenbesucher sind stockkonservativ, sie schätzen keine Veränderungen, mit Ausnahme der Reform 1965, als der Betonboden den Brettern, die die Welt bedeuten, wich. Änderungen des Austragungsmodus, wie sie seit Jahrzehnten gang und gäbe sind, werden überaus kritisch aufgenommen und konstruierte Mannschaften wie die »betandwin-Brasilianer« (2000/2001) oder das »Billa-Team« (Turniersieger 2002) gar nicht goutiert.

Gegen den modernen (Hallen-)Fußball?


Heuer regt sich in der organisierten Fanszene Unmut gegen den Hallenkick. So drückte etwa der Vorsänger der violetten Fanatics im Online-Forum Austriafans.at seine Hoffnung aus, möglichst viele Veilchen mögen der Stadthalle fernbleiben. Die Ultras Rapid und einige andere Fanklubs der Hütteldorfer riefen gar zum Boykott auf: »Schon seit Jahren hat sich das Traditionsturnier weit von seinem Ursprung entfernt. Der einstige Stolz der Wiener Fußballliebhaber ist mittlerweile zu einem Werbeevent des SK Rapid und seines violetten Widersachers mutiert, weit weg vom eigentlichen Sinn dieser Veranstaltung.« Die der Halle fernbleibenden Gruppen wollen »ein Zeichen gegen die zunehmende Kommerzialisierung setzen«.

Tatsächlich hat die vermeintliche Professionalisierung des Turniers im vergangenen Jahrzehnt seltsame Blüten getrieben. Die Managmentfirma von Heinz Palme, die heuer gemeinsam mit Austria und Rapid die Veranstaltungsorganisation bildet, ließ Cheerleader-Puppen tanzen und setzte Claqueure mit Winkehänden und »lustigen« Buchstabenbotschaften auf die Ränge. Andererseits, war das Hallenturnier nicht schon seit der Gründung 1959 eine Kommerzveranstaltung? Die Auslandstourneen und der Mitropacup der 30er Jahre waren längst Geschichte und so war der in dem Protestaufruf beschworene Sinn seit jeher, den Klubs in der Winterpause ein Zubrot zu verschaffen. In aller Inkonsequenz und dennoch nicht falsch heißt es seitens der Ultras weiter: »Wir sind uns im Klaren, dass wir diesen Schritt vielleicht schon vor Jahren hätten setzen müssen.«

Ich hingegen meine, damals war es auch nicht anders. Mich kann das deshalb nicht stören. Im Vergleich zur Champions League ist die Stadthalle geradezu ein Hort altmodischen Fußballverständnisses. So lange ich noch zwei Freunde finde, werden wir in die Halle ziehen. Also: für die Wiedereinführung des Meistercups. Und: alle in die Halle!

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png