»Die hassen uns, weil wir Zecken sind«

Anfang Jänner kam es beim Schweinske-Cup, einem Hamburger Hallenturnier, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Polizei und Medien machten zunächst Fans des VfB Lübeck und des FC St. Pauli gleichermaßen als Schuldige aus. Eine Meinung, die sich jedoch nicht lange aufrechterhalten ließ. Ein Interview mit »Ultrà Sankt Pauli«.
Raphael Heinetsberger | 20.02.2012
St. Paulianer, die selbst vor Ort waren, engagierte Blogger und schließlich auch der Verein selbst legten eine gut dokumentierte andere Sicht der Dinge dar: Die Angriffe in Verbindung mit rassistischen und antisemitischen Gesängen waren von Lübecker Fans ausgegangen und schwerwiegende Versäumnisse der Polizei hatten zur Gewalteskalation beigetragen. Bei einem offenen Treffen der Fanszene St. Pauli zur Aufarbeitung der Ereignisse, auf dem sich auch der Hamburger Innensenator zur Wort meldete, wurde die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission beschlossen. Über die Vorfälle beim Hallenturnier und deren Nachwirkungen spricht ein Mitglied von »Ultrà Sankt Pauli« (USP) im Interview mit dem ballesterer.

ballesterer: In der Vergangenheit habt ihr euch beim Schweinske-Cup aktiv engagiert. Was hat das Turnier in der Winterpause für euch bedeutet?
»ULTRÀ SANKT PAULI«: Man konnte dort seinen Spaß losgelöst vom aktuellen Spielbetrieb haben und neue Lieder für die Rückrunde einsingen. Gleichzeitig konnte man Leute an den Support heranführen und motivieren. Das Turnier ist vor unserer Teilnahme ja im Sterben gelegen. Trotz wiederholter Probleme mit Einlassmodalitäten und dergleichen, haben wir uns daran beteiligt und dem Turnier sein Überleben gesichert. Wir haben in Absprache mit dem Veranstalter vergünstigte Karten bekommen und schon alleine 700 Leute hingebracht. »Ultrà Sankt Pauli« wurde dann zur Hauptattraktion des Turniers. Wir hatten Spaß und der Veranstalter garantierte Einnahmen und die Sicherheit, dass St. Pauli am Turnier teilnimmt. Umso überraschender waren dann die Anschuldigungen, die jetzt vom Veranstalter auf uns eingeprasselt sind. Wir wollten dem Turnier in diesem Jahr einen anderen Anstrich verpassen. Es war cool, wie es die letzten Jahre lief, aber wir hätten gerne einen gesanglichen Gegenpart in der Halle gehabt. Es hat den Vorschlag gegeben, befreundete Vereine konkret Chemie Leipzig und SV Babelsberg einzuladen. Aber der Veranstalter hat sich nicht wirklich für diese Idee interessiert, sondern ohne Absprache den HSV II, Lübeck und Kiel angekündigt. Damit hat man unsere Vorstellungen eines freundschaftlichen Turniers ins Gegenteil verkehrt. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass das Turnier in dieser Zusammensetzung nur unter enormem Polizeiaufgebot hätte stattfinden können.
Tatsächlich ist es schon am ersten Tag des Turniers zur Eskalation und zum Abbruch durch den Veranstalter gekommen. Ergebnis des Abends waren 90 Verletzte und 72 in Gewahrsam genommene St.-Pauli-Fans. Was genau ist passiert?
Es hat schon damit begonnen, dass bei der Anreise extreme Polizeipräsenz geherrscht hat und ein normaler Marsch zur Halle nur unter Polizeibegleitung möglich war. In der Halle angekommen, haben wir unsere Fahnen aufgehängt. Als die Lübecker in die Halle gekommen sind, war ihr erster Gesang: »Deutsche wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli.« Sie waren ziemlich einheitlich gekleidet in T-Shirts mit »Krawallbrüder«-Aufdruck. Als wir dann zu Beginn des ersten Spiels zu singen beginnen wollten, wurde eine Polizeikette aufgezogen, die sich direkt vor uns gestellt hat. Die Situation war schon ziemlich eigenartig. Da stehen auf der einen Seite Leute, die keine Fahnen haben, keine Schals tragen und nur »Scheiß St. Pauli« singen und auf der anderen Seite wir, mit so viel Polizeipräsenz, dass man kaum noch etwas vom Spielfeld gesehen hat.Es wurde dann bekannt, dass unter den Lübeckern auch viele Nazis sind und sie nur Tageskarten hatten. Wer wollte, hätte schon da erahnen können, dass die etwas starten werden. Die Polizei ist weiterhin vor unserem Block gestanden, muss aber gesehen haben, dass sich die Lübecker langsam aus ihrem Block bewegen und teilweise auf die Toilette gerannt sind. Dort haben sie versucht, auf unsere Seite zu stürmen und »St. Pauli Jude Jude Jude«, »Zick-Zack-Zigeunerpack« gesungen alles politisch motivierte Gesänge. Nachdem sie zwei Fanklubfahnen geklaut haben, haben sie sich wieder in ihren Block zurückgezogen, sind dort gestanden und haben unbehelligt ihr Fascho-Programm abspulen können. Währenddessen hat die Polizei St.-Pauli-Fans mit Knüppeln und Pfefferspray angegriffen. Es ist dann im Eingangsbereich extrem eskaliert. Niemand hat gewusst wohin man noch gehen kann. Die ganze Halle war voller Pfefferspray und die Polizei hat wahllos auf alles eingeknüppelt, was da gestanden ist. Es sind Polizeihunde ohne Beißkorb herumgelaufen, ein St.-Pauli-Fan wurde in den Oberschenkel gebissen. Die vielen Verletzten resultieren allesamt nur aus dem völlig überzogenen Polizeieinsatz. Währenddessen sind die Lübecker weiter in ihrem Block gestanden, ohne dass Polizei, Ordnungsdienst oder anwesende Zivilbeamte eingeschritten wären. Stattdessen sind sie ohne Personalienaufnahme in Bussen zum Hauptbahnhof gebracht worden.
Die mediale Berichterstattung hat sich auf die Darstellung von rivalisierenden und randalierenden Fans beschränkt. Obwohl selbst der NDR ein Bild veröffentlichte, das einen der Lübecker beim Hitlergruß zeigt. Seid ihr über diese Darstellung der Angriffe verwundert?
Das überrascht uns gar nicht. Es zeigt sich in der gesamten Berichterstattung, dass diese politische Komponente von den Hamburger Medien und auch der Hamburger Polizei komplett und nicht zum ersten Mal ausgelassen worden sind. Noch nicht einmal, nachdem sich Augenzeugen bei den Blättern gemeldet und darauf hingewiesen haben, dass es sich hier um Nazis gehandelt hat, ist darauf eingegangen worden. Sogar die Polizei hat gewusst, dass die Lübecker nur für den ersten Tag Karten hatten. Die Polizei hat sich am Anfang hingestellt und gesagt: »Wir haben mit dieser Klientel gerechnet.« Zwei Tage später hat es dann geheißen: »Das ist alles vollkommen überraschend gekommen, keiner hat gewusst, dass die nur für einen Tag Tickets haben«. Da muss man sich natürlich fragen, worum ist es da gegangen? Es ist bekannt, dass sich Fans des FC St. Pauli gegen Faschisten zur Wehr setzen. Gerade wenn es zu einem so massiven Angriff kommt. In den Medien wurde das als Gewalteskalation ausgehend von den St.-Pauli-Fans dargestellt, was eine glatte Lüge ist. Die Eskalation hat stattgefunden, weil der Polizeieinsatz komplett überzogen war, weil es keine realistische Einschätzung und keine Sicherheitsstrategie gegeben hat, die das Spannungsverhältnis zwischen Lübeck, HSV und St. Pauli betrachtet hat.
Ist die anfängliche Haltung des Hamburger Innensenats ein Beispiel für den Schutz der Polizei durch die Hamburger Politik oder ist es darum gegangen, ein klares Zeichen in Richtung der Fanszene zu senden?
Es hat Aspekte von beidem. Die Innenministerkonferenz hat »Gewalt bei Fußballspielen« zum Schwerpunkt auserkoren. Es soll auf jeden Fall eine harte Linie gegenüber Fußballfans gefahren werden, was in Hamburg auch schon passiert. Das haben wir zuletzt beim Derby gesehen, als in unserem Block Pyrotechnik gezündet worden ist. Die Polizei ist daraufhin in den Block gestürmt und hat willkürlich auf Menschen eingeknüppelt. Gleichzeitig kommt bei USP oder St.-Pauli-Fans generell noch dazu, dass man beides schön auf einem Haufen hat: die politische Komponente und den Status als Fußballfan. Der FC St. Pauli ist zwar allen sympathisch, aber gleichzeitig wird gegen die aktive Szene mit sehr starker Repression vorgegangen. Inwiefern dass ein Plan ist, bleibt für uns natürlich spekulativ. Es fällt nach Vorfällen der letzten Zeit aber schwer zu sagen, da steckt keine Motivation dahinter. Man muss sich ja nur ansehen, wie die Hamburger Polizei generell gegen linke Demonstrationen vorgeht, und USP ist nun mal Teil der Hamburger Linken.
Fans des FC St. Pauli haben anlässlich der Vorfälle beim Schweinske-Cup eine »unabhängige Untersuchungskommission« gebildet. Wie steht ihr dieser Idee gegenüber?
Wir finden das gut, weil sie ergebnisoffen ist, und sind schon auf die Ergebnisse gespannt. Die Leute, die diese Kommission mit auf den Weg gebracht haben und dort teilweise auch vertreten sein werden, können die Situation sehr gut einschätzen und deshalb wird die politische Komponente wahrscheinlich nicht hinten runterfallen. Gerade bei diesem Fall ist das so deutlich, vor allem wenn man die Bilder sieht, wenn man die Gesänge kennt, die da zu hören waren, wenn man Gedächtnisprotokolle liest, wenn man die Anzeigen gegen Polizeibeamte sieht, wenn man weiß, dass es zwei Ermittlungsverfahren gegen Hamburger Polizisten gibt, bei denen die Anzeigen aus den eigenen Reihen kommen. Das zeigt ja schon, dass es bei dieser Untersuchungskommission genug Vorarbeit und viele ansprechbare Menschen innerhalb der aktiven Fanszene gibt. Daher ist fest davon auszugehen, dass die politische Motivation der Angriffe ein zentraler Punkt sein wird.
Der Verein hat in seiner offiziellen Stellungnahme ungewohnt deutlich auf die homophoben, antiziganistischen und antisemitischen Rufe hingewiesen. Seid ihr darüber verwundert?
Die Stellungnahme hat uns extrem positiv überrascht. Es ist selten, dass sich ein Verein so hinter seine Fanszene stellt. Dass sich der Verein so politisch äußert, liegt natürlich auch daran, dass er sein Image aufrechterhalten will. Dass es in dieser Deutlichkeit passiert ist, hat uns aber auch überrascht. Und gerade, dass es nicht nur darum ging zu sagen »Das sind Nazis und die sind scheiße«, sondern sich inhaltlich an Antiziganismus, Antisemitismus und Homophobie abgearbeitet wurde. Auch wenn es immer noch Reibungsflächen gibt: Die Zusammenarbeit mit dem Präsidium ist nach den Auseinandersetzungen der letzten Zeit merklich intensiviert worden und es gibt einen besseren Austausch zwischen aktiven Fans und dem Verein.
Eure Stellungnahme spart die politische Seite der Angriffe im Unterschied zum Verein weitestgehend aus. Warum?
Wir haben das innerhalb der Gruppe diskutiert, aber es hat ja schon die Stellungnahme des Vereins gegeben. Dieser hatten wir inhaltlich gerade weil da die politische Komponente schon aufgegriffen wurde nicht mehr richtig viel hinzuzufügen. Worum es in unserer Stellungnahme noch einmal gehen sollte, war das Verhältnis zur Hamburger Polizei und zu den Turnierveranstaltern. Jeder, der USP kennt, weiß, dass wir eine linke Ultra-Gruppe sind.
Gibt es nicht auch immer welche, die einen solchen Angriff mit Bannerklau als »Niederlage« betrachten und sich in ihrem Stolz als Ultra angegriffen fühlen?
Eine Niederlage war es dadurch, dass zwei Banner von Fans des FC St. Pauli gestohlen worden sind. Das schmerzt natürlich. Es ist ganz klar, dass die Ultra-Kultur viel auf männlichen Rituale basiert. Sie kommt aus Italien und da ist Bannerklau weitverbreitet. In Deutschland hat diese Maxime erst in den letzten fünf Jahren richtig an Dynamik gewonnen, sodass es mittlerweile innerhalb der deutschen Ultra-Szene einen Fokus auf gewalttätigen Auseinandersetzungen gibt, was eben auch Eroberung von Statussymbolen bedeutet. Die St.-Pauli-Fans haben das nie so richtig betrieben, weil das ein Verständnis von Ultra ist, das man haben kann, aber nicht haben muss. Wir haben uns eher dadurch ausgezeichnet, dass wir auf andere Sachen als auf Gewalt, Banner- und Schalklau Wert gelegt haben. Ich glaube, das hat die deutsche Ultra-Szene auch in eine Richtung katapultiert, in der sie jetzt festhängt. Dadurch ist sie auch sehr anfällig für staatliche Repression geworden. Befeuert durch eine völlig überzogene Medienberichterstattung, ergibt das eine klassische Lose-Lose-Situation.
Viele Ultra-Gruppen in Deutschland geben sich nach außen hin »unpolitisch«. Kann ein derartiger Angriff von rechten Fußballfans einer solchen Tendenz beim FC St. Pauli vorbeugen?
USP ist eine ganz klar positionierte linke Gruppe. Man kann hier nicht einfach nur Fan sein, ohne sich mit der Geschichte der Fanszene oder den Werten, die der Klub verkörpert, zu beschäftigen. Das gilt auch für Leute, die keine klassisch linke Sozialisation haben. Natürlich sind in den letzten Jahren viele junge Fans dazu gekommen, aber das ist genau die Chance einer Ultra-Gruppe, diese Leute auch zu prägen. Ihnen Werte und Erfahrungen mit auf den Weg zu geben. Vielleicht politisiert so ein Angriff mehr in dem Sinne, dass noch einmal deutlich wird, dass die Fans des FC St. Pauli für die ihre Werte angegriffen werden. Da ist es ja nicht darum gegangen, dass sie die Farben Braun-Weiß oder den Klub scheiße finden, sondern die hassen uns, weil wir »Zecken« sind. Rostock hasst uns, weil wir die »schwulen Hamburger« sind, Lübeck hasst uns, weil wir die »Zigeuner« sind und so weiter. Das hat nichts mit lokaler Rivalität zwischen St. Pauli und Lübeck zu tun, das ist kompletter Quatsch. St. Pauli alleine ist schon ein rotes Tuch und USP noch mal speziell, weil wir in der linken Tradition der aktiven Fanszene stehen, daraus sind wir hervorgegangen und für diese ganzen Beteiligung, unsere antirassistische, soziale Arbeit und für die linke Politik, die wir betreiben, werden wir von manchen Leuten gehasst.

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Rubrik: Aktuell
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