"Das Interessante liegt im Scheitern"

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Fußball ist spannend, schön, unterhaltsam - zumindest manchmal. Aber wozu muss dieses Erlebnis noch in Literatur verwandelt werden? Was ist dabei zu gewinnen, was geht verloren und was ist das literarisch Interessante am Fußball? Zu diesen Fragen diskutierten im Club 2x11 "Dichter am Ball - Fußball in der Literatur" die Schriftsteller Clemens Berger, Vea Kaiser, Helmut Neundlinger und Frank Goosen unter der Moderation von Peter Menasse. Eine Nachlese.

Peter Menasse: Fußball schreibt in 90 Minuten ganze Tragödien. Was kann Literatur da noch hinzufügen?

FRANK GOOSEN: Ob sie etwas hinzufügt, weiß ich nicht. Aber sie stellt gerade für Fans meines Klubs VfL Bochum einen Verarbeitungsmechanismus zur Verfügung. Denn Verarbeitung muss sein - einerseits über Rauschmittel, ohne die es in den letzten Jahren beim VfL nicht auszuhalten gewesen wäre. In den letzten 42 Jahren haben wir immerhin 34 Jahre erste deutsche Bundesliga gespielt. Ganze Generationen in Bochum sind als Erstligafans aufgewachsen und nicht gewillt, diesen Anspruch aufzugeben. Das erzeugt einen Leidensdruck, der auf vielfältige Weise verarbeitet werden muss. Die, die im Stadion über drei hinauszählen können, tun es auch gerne über witzige Geschichten.

Menasse: Der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler hat einmal gesagt, Fußball hat therapeutische Wirkung. Man geht auf den Platz, führt Emotionen ab und kann nachher wieder ruhig in den Alltag gehen. Kann Fußballliteratur diese therapeutische Wirkung aufnehmen?

HELMUT NEUNDLINGER: Tatsächlich ist sie Teil einer Verarbeitungsstrategie, um das, was erlebt und gesehen wird, in eine Form zu bringen. Es ist interessant zu beobachten, wie sich Fußballliteratur im Lauf der Zeit verändert, parallel zu den Veränderungen im Fußball selber. In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren gibt es einen Boom. Es sind eigene Genres entstanden. Der Fußballkrimi, der Fanreport über deinen Verein, die intellektuelle Auseinandersetzung von Autoren wie Klaus Theweleit. Es ist ein Markt, der einem Spiel von Angebot und Nachfrage folgt, und vieles davon ist überraschend gut. Stilbildend für den "Season Report" war Tim Parks "Eine Saison mit Verona". Nick Hornby schuf mit "Ballfieber" ein Modell, das auf die Ebene des individuellen Fans geht, und zeigt, wie Formen der libidinösen Besetzung von Liebe, Pop und Fußball zusammenhängen. Fußball ist für die Literatur interessant, weil da Leidenschaften ausgelebt werden, die aber oft von schwerem Scheitern bedroht sind. Daher sind die interessanteren Texte jene über die chronisch erfolglosen Klubs. Romantik und Leidensfähigkeit bieten bessere Geschichten als Erfolg. Wir wissen, dass in unserem Leben oft etwas schiefgeht und nicht so kontrolliert zum Erfolg kommen kann, wie die großen Erfolgsmodelle uns vormachen.

GOOSEN: Die interessanten Geschichten liegen immer im Scheitern. Neunzig Prozent der Fußballfans sind Anhänger von Vereinen, die nichts oder nur ab und zu gewinnen. Der Rest sind Bayern-Fans.

VEA KAISER: Im Scheitern steckt eine eigene Magie und Poesie. Da sitzt man mit seinem Bier, mit Menschen, die, ohne zu sprechen, genau dieselbe Enttäuschung und Trauer durchleben.

GOOSEN: Irgendwann ist dieser Moment, wo man sich in die Augen guckt und die Schönheit der Niederlage erkennt, aber überschritten. Wenn wir aus der Zweiten Liga absteigen, stehen wir beim VfL Bochum vor dem absoluten Nichts. Wir sind über die Aggression und Leidenschaft hinweg, irgendwann setzt bei vielen ein Phlegma ein. Da hört dann auch die Möglichkeit von Geschichten auf, zu einer Verarbeitung beizutragen. Weil die Frustration in eine Tiefe geht, aus der man die Leute gar nicht mehr rausbekommt.

CLEMENS BERGER: Ich finde das Lob des Scheiterns eine komische romantische Verklärung. Natürlich kann man sehr schöne Geschichten über Erfolg schreiben. Warum soll die Schönheit darin liegen, dass man schon wieder 5:0 verliert und der Verein kein Geld hat? Mir fällt die wunderschöne Erzählung "Buba" von Roberto Bolaño ein, da geht es um den FC Barcelona, das ist kein Klub, der fürs Scheitern bekannt ist. Ich habe selbst einmal über Toni Polster und seine drei Tore im WM-Qualifikationsspiel 1989 gegen die DDR geschrieben. Wobei, da gab es vorher auch genug an Scheitern.

KAISER: Das Tolle am Fußball ist die Wellenbewegung. Auch beim FC Barcelona gibt es das Scheitern und den Erfolg. Diese Dynamik hast du bei jedem einzelnen Spiel. Ich finde, Fußball ist wie eine griechische Tragödie. Aristoteles hat gesagt, wenn du eine gute Tragödie schreiben willst, dann nimm einen Helden, der zwar edel aber nicht perfekt ist. Mit einem perfekten Helden können wir uns nicht identifizieren. Für mich wäre es ziemlich schwierig, eine gute Geschichte über den FC Bayern zu schreiben.

GOOSEN: Barcelona ist eine große Ausnahme, die letztendlich auch wieder von Romantik getragen ist, weil sie jahrelang das Ideal verkörpert haben, dass man in Schönheit nicht nur sterben, sondern auch aufblühen kann.

BERGER: Aber über Franck Ribéry kann man sicher auch eine gute Geschichte schreiben. Und über David Alaba werden in Österreich täglich tausend Heldengeschichten geschrieben.

Menasse: Über welchen österreichischen Spieler wird man in zehn Jahren eine Geschichte verfassen?

BERGER: Ich will nur über Marko Arnautovic schreiben. 

 

Menasse: Aber da werden Sie eine Geschichte des Scheiterns schreiben! Ein anderes Thema: Wenn literarische Texte über Fußball im Netz erscheinen, findet man oft Kommentare von Leuten, die sich grün und blau ärgern, dass ihnen obergescheite Literaten den Fußball erklären wollen.

BERGER:"Ich verstehe das vollkommen. Es ist zu einem Intellektuellensport geworden, über Fußball zu schreiben. Das ist auch total ärgerlich, weil meistens Ahnungslose mit schönen Worten versuchen, Dinge zu beschreiben, von denen sie glauben, etwas zu wissen.

 

GOOSEN: Meine Texte versuchen nicht zu erklären, es sind Selbstvergewisserungstexte. Die funktionieren gerade bei Live-Auftritten nach dem Motto "Jo, so isset". Die Leute hören am liebsten Geschichten, die sie schon kennen. Das ist wie bei Bob Dylan, der immer "Blowin' in the wind" spielen muss. Es gibt eine Erzählung, bei der ich zum ersten Mal meinen Steuerberater verarbeitet habe, der darin unter dem Namen Scotty firmiert. In der Geschichte hat er sich planvoll besoffen, weil er davor, um Gewicht zu verlieren, neun Wochen keinen Alkohol getrunken hat. Das wollen die Leute immer wieder hören, gerade weil es nichts erklärt und nichts Neues zum Fußball hinzufügt. Sondern nur beschreibt, wie es ist, mit einem ins Stadion zu gehen, der vorher seiner Ernährungsberaterin gesagt hat, "An diesem Wochenende schieß ich mich ab!"
 

KAISER: Bei mir sagen die Leute immer: "Die ist eine Frau und mag Fußball und schreibt auch noch darüber?!" Und ich werde gelobt, weil ich weiß, was Abseits ist.

NEUNDLINGER: Bei den Netzwerkanalysen im Standard lese ich aus Selbstschutz keine Postings. Von einem Kommentar ist mir berichtet worden, da stand "Der Autor sollte einen Roman schreiben zwecks Abbau des epischen Drucks!" Das war eines der schönsten Komplimente, die man kriegen kann, auch wenn es gleichzeitig eine Watsche war. Was "Gescheithuberei" im Fußball betrifft: Ich finde, dass im Onlinebereich in den letzten Jahren ein spannender Taktikdiskurs entstanden ist, da wurde eine unheimlich präzise Sprache entwickelt. Das ist eine redliche Expertise, die ich mir von manchem kulturwissenschaftlichen oder literarischen Text wünschen würde.

Menasse: Kann man eigentlich über andere Sportarten so schreiben wie über Fußball?

BERGER: Natürlich. Wenn man amerikanische Romanen liest, kommt etwa bei Philip Roth immer Baseball vor. Das sind aber die einzigen Passagen, die ich überfliege, weil ich die Grundkoordinaten nicht verstehe.

KAISER: Mir fällt fast zu jeder Sportart ein Autor ein, der sie gemeistert hat. John Irving, wenn man ans Ringen denkt. Es gibt einen großartigen Text von Egon Erwin Kisch über Cricket. Ich schreibe in meinem nächsten Roman über Sudoko, ich war gerade bei der Weltmeisterschaft in China.

NEUNDLINGER: Es ist egal, ob Fußball oder ein anderer Sport, es kann die Weltmeisterschaft im Hot-Dog-Essen sein. Es gibt Obsessionen in einer bestimmten Kultur, die darüber einen Sog entwickeln, dass sie alle teilen und verstehen. Das ist dann das Thema, da ist der Fußball eines unter vielen.

KAISER: Das Thema Sport funktioniert in der deutschsprachigen Literatur erst cirka ab dem Jahr 2000. In den 1990er Jahren kam die Popliteratur aus dem angloamerikanischen Raum. Du kannst heute über alles schreiben, was die Menschen beschäftigt, die Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Elitekultur hat sich aufgeweicht. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie das Autorennationalteam vor 30 Jahren gegeben hätte. Es wäre undenkbar gewesen, dass sich sogenannte Geistesgrößen mit Fußball beschäftigen. In Österreich war Wendelin Schmidt-Dengler ein wichtiger Pionier. Ich habe bei ihm studiert und werde nie die erste Vorlesung in Literaturgeschichte vergessen, die begann mit: "So meine Damen und Herren, und heute beschäftigen wir uns mit der aktuellen Lektüre des Nationaltrainers!" Das war ein Roman von Robert Menasse.

Menasse: In Ihrem Buch "Blasmusikpopp" kommt der FC St. Pauli in das Dorf St. Peter am Anger und gewinnt ein Freundschaftsspiel mit 29:4. Wie kommt man auf eine solche Szene?

KAISER: Das ist tatsächlich passiert. St. Pauli hat zwar nicht gegen St. Peter am Anger gespielt, denn den Ort gibt's nicht. Aber gegen die TSG Emmerthal irgendwo in Norddeutschland. Mich hat fasziniert, wie ganz Emmerthal Kopf gestanden ist, um dieses Freundschaftsspiel zu organisieren. Der Spielbericht, wie er im Buch steht, beruht in Teilen auf diesem Match.

Frage aus dem Publikum: Hat jemand von Ihnen Feedback aus dem Fußball zu den eigenen Texten bekommen?

BERGER: Mir hat der Toni Polster ausrichten lassen, dass er die Geschichte gut findet. Er hat gesagt, "Ja super, wieso weißt du das, genau so war's. Aber ich war nie Mechaniker-Lehrling sondern Einzelhandelskaufmann."

KAISER: Ich habe sehr viel Feedback von St. Pauli bekommen. Ein Spieler hat sich beim Verlag gemeldet, weil er sich wieder erkannt hatte. Wenn ich in Hamburg eine Lesung habe, kommen 300 St.-Pauli-Fans, wegen der zehn Seiten, auf denen ihr Verein vorkommt. Ich war auch mit einem Spieler des SKN St. Pölten zusammen, ich habe eineinhalb Jahre auf den Fußballplätzen der Regionalliga Ost verbracht. Mein Exfreund hat sich gemeldet und gesagt: "Na bitte, war doch für irgendwas gut". Als Autorin habe ich es jedenfalls leichter als ein Fußballer. Wenn du eine schlechte Saison spielst, machst du jemand das Leben kaputt. Wenn du ein schlechtes Buch schreibst, interessiert das kein Schwein.

 

Zu den Personen:

Clemens Berger: österreichisches Autorenfußballteam, ballesterer-Kolumnist. Romane: "Das Streichelinstitut" (2010), "Ein Versprechen von Gegenwart" (2013)

Frank Goosen: Kabarettist, Autor und stv. Aufsichtsratsvorsitzender des VfL Bochum. Bücher (Auswahl): "Liegen lernen. Roman" (2000), "Weil Samstag ist. Fußballgeschichten" (2010)

Vea Kaiser: Autorin, Debütroman: "Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam" (2012, Platz 1 der ORF-Bestenliste)

Helmut Neundlinger: Autor, Literaturwissenschafter und Fußball-Netzwerkanalytiker im Standard, Hg.: Wendelin Schmidt-Dengler: "Hamlet oder Happel. Eine Passion" (2012).

 

Den Podcast zum Club 2x11 vom 31. Oktober 2013 finden Sie hier. Transkription: Georg Spitaler

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