Die Janusköpfigkeit der Masse

cache/images/article_1184_cover-fuss_140.jpg Der Historiker Rudolf Oswald zeichnet in seinem Buch die Idee der »Volksgemeinschaft« im deutschen Fußball des 20. Jahrhunderts nach. Er zeigt, dass die Unterordnung des Spiels und des einzelnen Spielers unter ein »großes Ganzes« der Instrumentalisierung des Sports in den 1920er und 30er Jahren Tür und Tor geöffnet hat. Gerade das Massenpublikum im Stadion erwies sich dabei jedoch als unberechenbarer Faktor.
Nicole Selmer | 08.03.2009
Interview: Nicole Selmer


ballesterer: Sie schildern, dass der Fußball in Deutschland von der Vorstellung der Volksgemeinschaft durchdrungen war. Was heißt das und muss ein Mannschafts- und Nationalsport wie Fußball nicht immer als gemeinschaftliches Ereignis gedacht werden?

Rudolf Oswald: Dem Mannschaftssport und gerade dem Fußball ist das tatsächlich bereits in gewisser Weise zu eigen. Wenn man Fußball mit anderen Ballsportarten vergleicht, so erscheint als sehr typisch, dass der Fußball keine Regel kennt, welche die Abgabe des Balles fordert. Das gemeinschaftliche Handeln muss also nicht qua Regel erzwungen werden, sondern ist bereits im Spiel angelegt. Der Fußball wurde für Vordenker des Volksgemeinschaftsgedankens somit außerordentlich attraktiv. Der Volksgemeinschaftsgedanke war in Deutschland teilweise schon vor dem Ersten Weltkrieg, aber verstärkt seit 1919 en vogue, und dies eben auch im Sport. Vom Sportler wurde gefordert, dass er seine Fähigkeiten in den Dienst des Ganzen und das Ganze war das Volk stellt und dass er sich dem Ideal des Volkskörpers unterordnet. Für eine derartige ideologische Aufladung eignete sich der Fußball besonders gut, denn an keiner anderen Sportart, so würde ich behaupten, kann man die Forderung nach Unterordnung des Individuums unter das Ganze so gut exemplifizieren.

 

In den 20er Jahren ist der Fußball zu einer Massensportart geworden. Wie hat sich das mit dem Volksgemeinschaftsgedanken vertragen?

Das ist zwiespältig. Der Aufschwung des Fußballs zur Massenkultur hat dem Individuum durch den Starkult einerseits mehr Raum gegeben auch in ökonomischer Hinsicht, da der einzelne Spieler mit seinen individuellen Fähigkeiten Geld verdienen konnte. Letzteres allerdings nur illegalerweise, da das Profitum in Deutschland verboten war. Andererseits widersprach der Starkult natürlich dem ideologischen Prinzip der »Unterordnung« und somit dem Volksgemeinschaftsgedanken, mit dem die Sportart gleichzeitig aufgeladen wurde. Im Widerstreit dieser zwei Prinzipien ist der große ideelle Konflikt des Fußballs als Massenkultur in Deutschland angelegt.

 

Das heißt, die Massenkultur und damit die Kommerzialisierung des Fußballs ist das, was dem Volksgemeinschaftsgedanken erst seine Durchschlagskraft verleiht, und zugleich das, wogegen angekämpft wird?

Genau. Und im Grunde ist die volksgemeinschaftliche Argumentationskette auch in anderen Spartenverbänden Weimars anzutreffen. Wenn man etwa den Arbeitersport oder die konfessionellen Sportvereine nimmt, so ändert sich nur die Bezugsgröße das Volk wird zur Klasse, zur katholischen Konfession oder zum Zionismus. Das ist jeweils der Überbau, aber die Argumentation, dass sich das Individuum dem Ganzen unterordnen muss die bleibt bis in die Terminologie hinein gleich.

 

Alternativ gedacht und formuliert wurde das zu dieser Zeit im so genannten Donaufußball

Wenn man sich den kontinentaleuropäischen Fußball dieser Jahre ansieht, war der Donaufußball führend. Der sogenannte Calcio Danubiano hatte seinen Schwerpunkt und das ist ein entscheidender Faktor in den Metropolen, in Wien, Budapest, Prag. Dadurch waren andere Akteure maßgeblich, als es darum ging, die neue populäre Sportart Fußball mit einer Philosophie zu versehen. Die Meisls in Wien oder Rudolf Pelikan in Prag entstammten dem liberalen Bürgertum, bei ihnen taucht der Gemeinschaftsbegriff nicht in einer disziplinierenden Form auf.

 

Sondern?

Sondern es wird dem Individuum immer ein gewisser Freiraum gelassen. Es gibt ein klassisches Zitat von Willy Meisl, der ja der große Fußballjournalist der Zwischenkriegszeit war. Er vergleicht die Mannschaft mit einem Orchester, in dem man das einzelne Instrument hören kann und es nicht im Ganzen aufgehen soll.

 

Gibt es da auch einen Zusammenhang mit der Spielweise?

Das kann man durchaus so sehen, da ja die Prager und Wiener Fußballkultur stärker auf individuellen Spielwitz abzielten. Es gab auch in Deutschland Versuche, eine solche Spielweise zu propagieren, aber der disziplinierende Mannschaftsgedanke setzte sich durch auch in Verbindung mit dem sogenannten WM-System, das in England entwickelt worden war. Dort war es nicht im Sinne der Volksgemeinschaft ideologisch aufgeladen, in Kontinentaleuropa, besonders in Deutschland, dann sehr wohl. Diese Entwicklung findet ihren Höhepunkt im »Dritten Reich«, als dieses System mit dem »Schalker Kreisel« vereinnahmt und zum nationalsozialistischen Spielsystem erklärt wurde.

 

Wie hat der Nationalsozialismus den Volksgemeinschaftsgedanken aufgenommen?

Volksgemeinschaft sollte für den Nationalsozialismus keine bloße Theorie bleiben, sondern musste in der Praxis erlebbar sein. Sehr früh schon war man darauf aufmerksam geworden, dass in den Fußballstadien die Voraussetzungen dafür vorhanden waren. Folglich ging es darum, die Massen im Stadion mithilfe von Symbolen und Ritualen so umzuformen, dass sie zum Abbild der Zustimmung zum Nationalsozialismus wurden und zwar nicht nur zu bestimmten Anlässen, sondern jedes Wochenende. Die Masse im Stadion konnte so zum Träger jeder politischen Botschaft werden. Dies lässt sich in besonderer Weise anhand des Länderspielfußballs nachvollziehen. Die Spiele wurden in der Presse von den jeweiligen außenpolitischen Entwicklungen begleitet 1934 zum Nichtangriffspakt mit Polen ist bei einem Spiel gegen Polen nicht mehr von den slawischen Untermenschen die Rede, sondern es werden Lobeshymnen auf das slawische Bauerntum angestimmt. Das setzte sich im Stadion fort, wenn das gemeinschaftliche Handeln der Masse als Zustimmung zur konkreten NS-Außenpolitik wahrgenommen wurde.

 

Aber die Masse im Stadion und ihr Bedürfnis nach einem Gemeinschaftserlebnis bringt, wie Sie zeigen, auch eine Unberechenbarkeit mit sich.

Ja, das ist die Janusköpfigkeit der Masse, die ihr gemeinschaftliches Bedürfnis auch anders ausleben kann, zum Beispiel durch Gewaltausbrüche. Hier kommt das Subversive des Fußballs ins Spiel. Gerade der Vereinsfußball erweist sich hier als besonders entscheidend. Lange Zeit war Gewalt im Fußball ohne Verortung in der lokalen Fußballkultur kaum denkbar. Die Organisation der Sportart in den 20er Jahren sorgte dafür, dass es zu vielen Lokalderbys kam, an die sich die lokalspezifischen Rivalitäten knüpften.

 

Lag dann der Gedanke einer Vereinsgemeinschaft für die Zuschauer im Stadion nicht viel näher als die Volksgemeinschaft?

Ja, da war die Gemeinschaft zunächst die Lokalität, das Stadtviertel, und der Verein war ihr Symbol. Vor allem in den Metropolen und ihren Außenbezirken ist dies ein Ergebnis der Wanderungsbewegungen des späten 19. Jahrhunderts. Gerade an der Peripherie sammelten sich Neuankömmlinge aus verschiedenen Teilen des Landes, und oftmals war der Sportklub vor Ort das Erste, das eine neue lokale Gemeinschaft stiftete. Für die Fans eines bestimmten Vereins spielte die national gedachte Volksgemeinschaft keine Rolle, das Schicksal des Vereins war wichtiger als eine politische Botschaft, die mit dem Spiel verbunden war. Das war eben das Unberechenbare für ein Regime wie den Nationalsozialismus die »übergestülpte« Volksgemeinschaft war durch die stärkere Bindung an die lokale Gemeinschaft ständig in Gefahr, vorgeführt zu werden. Hinzu kommt, dass gerade die kommunalen Funktionsträger des Regimes lange Zeit nicht verstanden, dass man einen attraktiven Sport anbieten muss. Man ging davon aus, dass es reicht, das Angebot zu steigern, um die Massen anzuziehen. Aber das funktionierte eben nicht. Insofern muss man die Instrumentalisierung des Stadions im Nationalsozialismus zumindest partiell als gescheitert ansehen. Gleichzeitig wurden bei den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft 1940 und 1941 sehr erfolgreich Bezüge zum Krieg gegen England oder zum Überfall auf die Sowjetunion hergestellt. Es hängt sehr davon ab, ob die Vertreter des Regimes die Prinzipien, nach denen die Massenkultur funktioniert, verstehen oder nicht.

 

Sie setzen in Ihrem Buch um 1964 mit der Gründung der deutschen Bundesliga, dem Generationenwechsel im DFB und dem neuen Bundestrainer Helmut Schön eine Zäsur. Aber ist die Rede von der Volksgemeinschaft im Fußball wirklich vorbei und nur noch das »Echo« einer vergangenen Zeit, wie Sie am Ende schreiben?

In gewisser Weise erleben wir, besonders im Journalismus, aber auch unter den Akteuren auf dem Spielfeld eine Renaissance, in der wieder verstärkt eine gemeinschaftszentrierte Sprache gepflegt wird. Wenn man die Aussagen deutscher Spieler während der Weltmeisterschaft 2006 hernimmt, gab es im Kleinreden der eigenen Leistung und Hervorheben der Mannschaft durchaus Anklänge an die »Volksgemeinschaft«. Aber man kann insofern von einem Echo sprechen, weil wir nicht mehr diese Breite von Akteuren haben wie in den 20er oder 30er Jahren, wo es Journalisten, Funktionäre, Sportpädagogen und Spieler waren, die diesen Gedanken getragen haben. Wir sehen heute Reminiszenzen, aber keine ständige Beschwörung der Mannschaft und des Ganzen als oberstes Prinzip.

Rudolf Oswald: »Fußball-Volksgemeinschaft« Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 19191964, Campus-Verlag 2008


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