Die Kurven der Nichtwähler

cache/images/article_2023_tessera_140.jpg Mit einer ungewöhnlichen Aktion kämpfen in Italien Ultras verschiedener Vereine gemeinsam für die Wiedererlangung ihrer Freiheiten: Bei den heute startenden Parlamentswahlen rufen sie zur Verweigerung der Stimmabgabe auf.
Edgar Lopez | 24.02.2013

In den Wochen vor den Parlamentswahlen am 24. und 25. Februar waren in italienischen Stadien immer wieder Spruchbänder mit dem Spruch »Tu mi tesseri - Non ti voto« (dt.: Du hast mich mit der Tessera belegt - Ich  wähle dich nicht) zu sehen. An zahlreichen Häuserwänden in den Städten fanden sich Plakate mit ausführlicheren Erklärungen dazu. Mit ihrer schlichten schwarz-weißen Optik stechen die Erklärungen des Wahlboykotts aus den sonst knallbunten Wahlplakaten heraus. Die Ultras reagieren damit auf staatliche Repressionen und die Ignoranz der politischen Parteien gegenüber Fananliegen. 

Ungeliebte »Tessera«  
Drei Jahre ist es her, dass das italienische Innenministerium die Einführung des Fanausweises »Tessera del Tifoso« durchgesetzt hat. Ohne entsprechende Entscheidung durch das Parlament hatte das Innenministerium die Einführung der »Tessera« in der Saison 2009/2010 mit einem seit Jahren spürbaren Anstieg von Gewalt gerechtfertigt. Kernstück der eingeführten Restriktionen war die Registrierung für die »Tessera« für jeden Fan, der Jahres- oder Auswärtskarten für die Spiele seiner Mannschaft erwerben wollte. Die Informationen, die für den Erwerb des Fanausweises angegeben werden mussten, überstiegen ein normales Maß an für den Ticketkauf relevanten Daten bei Weitem. Beim Kauf der Karten wurden die Informationen mit denen der örtlichen Polizeidienststelle abglichen. Denjenigen, die irgendwann einmal ein Stadionverbot erhalten hatten oder vorbestraft waren, wurde der Kauf verwehrt. Gleichzeitig wurde mit dem Erwerb der »Tessera« ein Kreditkartenvertrag abgeschlossen und für spezielle Merchandiserabatte geworben. Damit sollten die Fans enger an ihre Vereine gebunden werden. 

Wahlverzicht
Der Protest gegen diese Maßnahme ließ nicht lange auf sich warten, auch wenn die Reaktion der italienischen Ultra-Szenen von Anfang an gespalten war. Während Fanszenen von Vereinen wie Sampdoria, Napoli und Atalanta den Fanausweis weitestgehend ablehnten, akzeptierten die Ultras der beiden großen Mailänder Vereine Inter und Milan sie ohne Beanstandungen. Die Unrechtmäßigkeit der »Tessera del Tifoso« wurde im Laufe der Zeit durch ein Gericht bestätigt. Die Gründe hierfür liegen vordergründig allerdings in der Kopplung der Karte mit einem Kreditkartenvertrag. Diese Kopplung wurde aus Konsumentenschutzgründen gerichtlich für unzulässig erklärt. Die »Tessera« wurde abgesetzt, ihr folgte die »Fidelity Card«, am Grundproblem hat sich allerdings nichts geändert. Für Auswärtsfahrten muss man weiterhin im Besitz einer personalisierten Karte sein. Sonst könnte man Probleme kriegen.  

Einige der Ultras, die sich weiterhin gegen die »Tessera« und ihr Nachfolgermodell aussprechen, haben nun eine neue Protestform entwickelt: Sie verzichten öffentlichkeitswirksam auf ihr Wahlrecht - um, wie es auf den Infoflyern heißt, für ihre »Freiheit des Seins« einzutreten und weil »all ihre Anfragen unerhört blieben und es keine andere Wahl gibt als eine noch radikalere«. Denn letztlich, so die Ultras, gibt es niemanden, der sie repräsentiert. Für den Abend des Wahlsonntags sind Versammlungen auf großen Plätzen der beteiligten Städte angekündigt: Während man in Pescara nur gemeinsam die Wahlkarten wegwerfen will, sollen sie in Neapel gar gemeinsam verbrannt werden. Ihren Anfang hat die Aktion bei Ultras der Curva Sud in Rom genommen. Dort wurden vor ein paar Wochen zuerst im gesamten Stadtgebiet Spruchbänder mit dem Motto der Aktion aufgehängt. Im Internet wurde das Anliegen durch soziale Netzwerke populär gemacht. Dem Beispiel der Römer folgten im Laufe der Zeit weitere Szenen wie Genoa, Napoli, Sampdoria, Pescara und Parma. Sie alle bekannten sich in Stadion und Stadt, auf Spruchbändern, Flyern und Plakaten, zu dieser Aktion. 

Ob der Aufforderung zum Wahlboykott nicht nur öffentlich sondern auch an der Wahlurne Folge geleistet wird, bleibt abzuwarten. Lorenzo Contucci, Römer Fananwalt und Unterstützer von »Tu mi tesseri«,sagt: »Unser Vorschlag ist nicht zwingend die Abstinenz. Wir sagen einfach, dass wir weder Mitte-Links noch Mitte-Rechts wählen können, weil beide die repressivsten Gesetze gegen Fußballfans nach der faschistischen Ära verabschiedet haben. Aber wir leben heute schließlich in einer Demokratie. Wenn du nicht weißt, welche Partei du wählen sollst, dann geh einfach nicht wählen.« Der Aufruf der Ultras wird den Wahlausgang zwar nicht groß beeinflussen, Öffentlichkeit für ihre Anliegen können sie damit aber herstellen.

Referenzen:

Thema: Italien
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