Die lange Suche nach der Wahrheit

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Es wird kein Spieltag wie jeder andere, schon gar nicht in Liverpool. An diesem Wochenende gedenkt die englische Premier League der Katastrophe von Hillsborough. Das Stadionunglück, das 96 Tote und mehr als 700 Verletzte forderte, hat den englischen Fußball verändert. Die endgültige Aufklärung der Hintergründe hat gerade erst begonnen. 

Nicole Selmer | 11.04.2014

Um 13:37 Uhr englischer Zeit wird am Sonntag das Spitzenspiel zwischen Tabellenführer Liverpool FC und dem drittplatzierten Manchester City angepfiffen. Es könnte ein vorentscheidendes Spiel im Kampf um die Meisterschaft in der Premier League werden, es wäre der erste Meistertitel für Liverpool seit 1990. Aber die sieben Minuten Verzögerung, mit denen das Match - ebenso wie alle anderen Begegnungen des Wochenendes - beginnt, sind wichtiger als drei Punkte. Denn es ist die Meisterschaftsrunde vor dem 25. Jahrestag der Katastrophe von Hillsborough am 15. April 1989. Das FA-Cup-Halbfinale zwischen Liverpool und Nottingham Forest im Hillsborough-Stadion in Sheffield war sechs Minuten nach Anpfiff abgebrochen worden.

96 Menschen starben damals. Sie wurden im überfüllten Stehplatzblock von Liverpool an den Zäunen zum Spielfeld zu Tode gequetscht, erstickt oder niedergetrampelt. Das Unglück von Hillsborough hatte weitreichende Folgen, es hat den Fußball, nicht nur in England, verändert. In englischen Stadien wurden danach auf Beschluss der Regierung nicht nur die Zäune, sondern auch die Stehplätze abgeschafft, der Ausschank von Alkohol verboten, die Stadien modernisiert, die Sicherheitsstandards verbessert, aber auch die Kontrollen verstärkt und die Ticketpreise erhöht. Den Hintergrund für diese - auch positiven Veränderungen - lieferte der Bericht der eingesetzten Untersuchungskommission. Der sogenannte Taylor-Report allerdings stellte auch fest, dass Stehplätze an sich nicht sicherheitsgefährdend seien, und machte die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und das Verhalten der Sicherheitskräfte als Hauptursache aus. Anklagen oder rechtliche Konsequenzen für Polizei- oder Ordnungspersonal folgten jedoch nicht.

Für die Fans allerdings schon: In der Berichterstattung, insbesondere durch das Boulevardblatt The Sun, wurden die Opfer des 15. April als Mitschuldige dargestellt. Unter der Schlagzeile "The Truth" berichtete die Zeitung die Fans seien betrunken gewesen, ohne Ticket ins Stadion gekommen, hätten die Sanitätskräfte bei der Arbeit behindert oder gar Tote bestohlen. Diese Version der Wahrheit wurde schon vor 25 Jahren durch die Berichte von Überlebenden in Zweifel gezogen. Die Auflage der Sun in Liverpool sank dramatisch. Kampagnen von Fans und Angehörigen, die eine Aufklärung der Hintergründe forderten - und "Justice for the 96". Erfüllt worden ist diese Forderung erst viele Jahre nach dem Unglück.

Späte Gerechtigkeit

Der Taylor-Untersuchungskommission standen 1989 nicht alle Unterlagen zur Verfügung bzw. waren vorhandene Dokumente zuvor von der lokalen Polizei teilweise bearbeitet und gefälscht worden. Das wurde im September 2012 deutlich, als das "Hillsborough Independent Panel" seinen unabhängigen Bericht präsentierte, der die vollständigen Dokumente zur Grundlage hatte. Dass es so weit kam, ist der Lobbyarbeit von Angehörigen und engagierten Gruppen zu verdanken, die Unterschriften für eine Onlinepetition zur Einsetzung des Panels und die Veröffentlichung der Dokumente gesammelt hatten. Die Ergebnisse der Untersuchung waren so eindeutig, dass sich Premierminister David Cameron in einer Rede vor dem Unterhaus "im Namen der Regierung und unseres Landes" bei den Familien der Opfer für die erlittene Ungerechtigkeit entschuldigte.

So fanden sich nicht nur neue Belege für das Versagen des Sicherheitspersonals vor Ort und die mangelnde Abstimmung der Rettungskräfte, sondern auch Hinweise auf die Manipulation der Unterlagen, die die Angehörigen immer vermutet hatten. Die Dokumente zeigten, dass 164 der Zeugenaussagen von der Polizei manipuliert und unter anderem Kritik an den Polizeikräften gestrichen wurde, bevor sie der Taylor-Kommission übergeben wurden. Der Bericht des "Hillsborough Independent Panel" kam zu dem Schluss, man habe bewusst "eine Version des Geschehens verbreitet, dessen Schwerpunkt betrunkene und gewalttätige Fans ohne Tickets sind". Besonders schmerzhaft für die Angehörigen war die Schlussfolgerung, dass einige der Opfer durch einen besser organisierten Rettungseinsatz zu retten gewesen wären.

Ein Titel für die 96

Die damalige Berichterstattung und die fälschliche Unterstellung, die Opfer seien mitverantwortlich für das Unglück von Hillsborough gewesen, hat die Sicht auf Fußballfans geprägt. Bis heute. Im März erschien die Lokalzeitung Reading Chronicle mit einer Titelstory über Hooliganismus, in der Hillsborough als Symbol für Fangewalt bezeichnet wurde. Das Blatt entschuldigte sich, der zuständige Redakteur hat die Zeitung inzwischen verlassen.

Hillsborough hatte mit Hooligans, Alkohol und Stehplätzen nichts zu tun. Die 96 Liverpool-Fans starben durch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und durch Unachtsamkeit der Verantwortlichen. Welche Personen und Behörden auch 25 Jahre danach noch juristisch belangt werden können, darüber entscheidet die neue gerichtliche Untersuchung des Falles, die am 31. März begonnen hat und mehrere Monate dauern wird. Während die Untersuchung läuft, ist die Medienberichterstattung zu den Ereignissen auf richterliche Anordnung eingeschränkt, um eine größtmögliche Unabhängigkeit der Jury zu gewährleisten. Die Bedeutung von Hillsborough für das Liverpool von heute und dessen Titelchancen betrifft das jedoch nicht. "Ich weiß, es gibt da 96 Menschen im Himmel, die dieses Team immer unterstützen werden", sagte Brendan Rodgers, der Trainer des Klubs, vor wenigen Tagen. "Wenn wir diese Saison etwas gewinnen, dann werden sie und ihre Familien immer in unseren Gedanken sein." 

Foto: Wikimedia Commons, Linksfuss

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