Die letzten Hunde von Lwiw

cache/images/article_1877_lwiw_nic_2_140.jpg Lwiw zeigt sich vom deutschen Team besonders angetan: Brautpaare lassen sich mit schwarz-rot-goldenen Fahnen ablichten und Verkäufer bieten Bier nahezu akzentfrei an. Doch Lwiw präsentiert sich nicht nur als »Friendly City«. Ominpräsent sind Referenzen auf die nationalistische Swoboda-Partei, die vor einer »Russifizierung« warnt.
Nicole Selmer | 12.06.2012

Nachts bellen hier die letzten lebenden Hunde der Ukraine, gegenüber werden Autos in Teile zerlegt. Wir wohnen in Lwiw im Plattenbau. Das Hotel selbst ist frisch renoviert, der Vorplatz mit Blumen bepflanzt. Nur einen Frühstücksraum gibt es nicht, der liegt im Nachbarplattenbau und die Gäste werden jeweils am ersten Morgen in kleinen Grüppchen dorthin geführt. Erklären wäre zu umständlich und an Personal mangelt es hier wahrhaftig nicht.

 

An der Fassade sind wie an vielen Orten in Lwiw Graffitis der nationalistischen Swoboda-Partei zu sehen. Gestern wurde hier Hochzeit gefeiert. Die Braut stakte in hohen Absätze über die schiefen Gehwegplatten auf der Rasenfläche zum Fototermin und nachts um drei versammelte sich die Partygesellschaft vor dem Haus, um bunte Lampions in den Nachthimmel steigen zu lassen. Dazu bellen die Hunde.


Per Marschrutka in die Innenstadt
Zwanzig Minuten dauert es aus der schmucken Innenstadt in unseren unwirtlichen Vorort. Aber wir haben ihn ins Herz geschlossen, es bleibt uns auch nicht viel anderes übrig. Wenn man abends von der Marschrutka-Station kommt, geht man an zwei Kiosken vorbei, das ist praktisch. Bier wird nach einer bestimmten Uhrzeit (die wir nicht kennen) nicht mehr verkauft, aber wenn man durstig genug ausschaut und »piwo« mitleiderregend ausspricht, gibts das Bier doch. Verpackt in blickdichtes Plastik.


Überhaupt Marschrutka fahren. Eine großartige Sache. Gelbe Kleinbusse, die an nicht definierten Orten anhalten und Leute auflesen, nach uns nicht bekannten Fahrplänen, die aber eine relativ hohe Frequenz haben. Unsere Marschrutka ist die 45, die Fahrt kostet zwei Hrwina, das sind 20 Cent. Beim Einsteigen legt man das Geld auf die mit einer bunten Decke verzierte Ablage neben dem Fahrer. Das ist meine Lieblingsgeste des Tages.

 

Dort, wo wir in den Innenstadt aussteigen, empfängt uns ein beliebtes Fotomotiv dieser Tage: »Hate football, love racism«. Auch das ist die Ukraine. Kelten- und Hakenkreuze sieht man einige an den Wänden der Stadt, Swoboda hat einen Stand nahe der Fanzone und an einer Ecke warnt ein Grüppchen von besessen blickenden Menschen vor der »Russifizierung« der Welt. Lwiw ist eine Stadt mit bunter Geschichte, in der über Jahrhunderte hinweg viele Bevölkerungsgruppen wenn nicht zusammen, dann doch zumindest nebeneinander gelebt haben. Der Slogan der Host City zur EM lautet »Friendly City« und das stimmt sicher zumindest wenn man die richtige Hautfarbe und Nationalität hat.


Akzentfreie Bierverkäufer
Zum Spiel gegen Deutschland gibt es schon während des Tages in der Stadt viele Verbrüderungsszenen. Die Deutschen sind gern gesehene Besucher in Lwiw, ihre Anwesenheit verlockt zu eher ungewöhnlichen öffentlichen Demonstrationen von Begeisterung: Ein Brautpaar, das sich statt mit roten Rosen mit schwarz-rot-goldener Fahne samt anhängender deutscher Fans fotografieren lässt oder ein Verkäufer, der bereitwillig Sprachunterricht nimmt, bis er »Frisches kaltes Bier« praktisch akzentfrei rufen kann.

 

Auch in der Fanzone am Abend sind die Fronten klar: Die Stimmung ist insgesamt klar pro-Deutschland und Cristiano Ronaldo, nicht überraschend, der unbeliebteste Mann auf dem Platz. Der Treffer von Mario Gomez wird ausgiebig bejubelt, ähnlich wie die Führung der polnischen Nachbarn am Tag des Eröffnungsspiels. Nach dem Spiel der Russen soll es eine  Prügelei zwischen russischen und ukrainischen Fans am Rand der Fanzone gegeben haben. »Nationalistische Parolen«, so heißt es, seien gerufen worden. Als wäre das zu EM-Zeiten etwas Besonderes.

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