Die Omnipräsenz der Kugel

Negative Reaktionen auf den WM-Hype halten sich trotz Dauerpräsenz und Werbewahnsinn in Grenzen. Dabei gäbe es ja auch für Fußballfans Alternativen.
Gastautor | 16.06.2006

Seit einer Woche rollt nun der WM-Ball "teamgeist" durch zwölf deutsche Stadien. Alle, die bereits genug vom täglichen Fußball-Overkill haben, können einem Leid tun. Denn auch wer sich die WM-Spiele bewusst nicht ansieht wird tagtäglich mit dem Thema Fußball zwangsbeglückt - durch Werbung, Medien und ganz normale Konsumgüter. Doch gibt es überhaupt noch Menschen, die sich der "schönsten Nebensache der Welt" entziehen wollen?

Ich jedenfalls habe in der Zeit unmittelbar vor und seit WM-Beginn niemanden getroffen, der sich über die Omnipräsenz des Spiels mit der (ehemaligen) Lederkugel beschwert hat. Vielleicht gibt es aber in meinem privaten und beruflichen Umfeld zu viele Fußball-interessierte Leute. Doch auch jenseits des Bekanntenkreises - etwa in den öffentlichen Verkehrsmitteln unserer schönen Bundeshauptstadt - habe ich noch kein Jammern über zuviel WM wahrgenommen. Nach meinen Beobachtungen ist es vielmehr so, dass sich im normalen Leben nicht Fußball-interessierte Personen nach den Ergebnissen erkundigen oder gar Übertragungen von "guten" Spielen - das sind zumeist solche mit Beteiligung Brasiliens oder David Beckhams - reinziehen. Die Zwangsbeglückungs-Maschinerie von FIFA und Sponsoren wirkt also - die WM interessiert die Leut'!

Viele dieser neuen Interessierten wollen sich auch gleich als Experten präsentieren und lassen sich zu einer mehr oder weniger gewagten Prognose hinreißen: Der neue Weltmeister wird - wie der alte - Brasilien heißen. Eine These, die von so vielen "wahren" Experten vertreten wird, dass auch für vermeintliche Auskenner nicht viel verhackt sein kann. Und die Fülle an Ronaldinho-Konterfeis auf Printmedien-Covers - der brasilianische Star wird in Wien übrigens gern mit stummem H, also "Ronaldino", ausgesprochen- stützt diese These auch mit optischen Eindrücken im Hinterkopf ab.

Wie aber geht es alteingesessenen Fußball-Fans damit, dass ihre Lieblingssportart derart kommerziell ausgeschlachtet wird und dass man ohne ein für den Internet-"Vorraum" zum Kartenverkauf erforderliches Höchstmaß an Geduld und ohne die richtige Kreditkarte keine Chance auf einen regulären Ticket-Erwerb hat? Und wie damit, dass für die FIFA ganz offensichtlich weder das Spiel noch die Spieler im Vordergrund stehen, sondern einzig das Anhäufen von Vermögen und Macht? Die Entwicklung des internationalen Fußballs ist seit der Explosion der Fernsehgelder und Spielergehälter ohnehin bedenklich genug, das wahre Ausmaß zeigt sich nun bei dieser WM.

Eine Alternative für gestandene Fans könnte der Besuch von unterklassigen Matches sein. Hier ist Fußball ganz einfach noch Fußball. Platzsprecher, die Spieler-Namen der Gastmannschaft nicht richtig aussprechen können, grantelnde Pensionisten, die alles besser machen würden als der Trainer oder der Schiedsrichter, der hier noch aus nächster Nähe beschimpft werden kann und manchmal sogar darauf reagiert. Hier tummeln sich Originale und man bekommt Kommentare zu hören, die den Neo-Experten in den nächsten 20 Jahren nicht einfallen werden. Und im Idealfall steigt der angenehme Duft einer Grillage in die Nase.

Eines ist unbestritten: Sollte man bei der nächsten oder spätestens der übernächsten WM tatsächlich nur noch in adidas-Outfit bekleidet Einlass in die Stadien gewährt bekommen, und das nur, wenn man sich nachweislich die letzten zwei Tage vor dem Spiel ausschließlich von McDonalds und Coca Cola ernährt und dies im Idealfall per MasterCard bezahlt hat - die Knacker bzw. Leberkässemmel und das Bier bzw. der Gspritzte auf den Dorf- und Unterliga-Plätzen wird auch dann nicht schlechter schmecken. Der Kick ist freilich technisch weniger anspruchsvoll, dafür aber ehrlich und bodenständig.

Und allenfalls vielleicht doch vorhandenen Menschen, die überhaupt keinen Fußball mehr sehen können, sei gesagt: Auch diese WM geht vorüber!

Von Markus Frey, Wien

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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