Die Post-Hrubesch-Ära

Deutschland besiegt Schweden mit 2:0. Alle, bis auf Kollege Kraft, haben eine souverän aufspielende deutsche Mannschaft gesehen.
Wenzel Müller | 25.06.2006

Vorbei die Zeiten, da die Deutschen einen Hrubesch in den Sturm stellten und auf das Prinzip Ungeheuer setzten. Heute haben sie einen Klose, der mit seiner schlaksigen Figur nicht unbedingt wie ein Fußballer daherkommt und schon gar nicht auf Kraft setzt, sondern mit Finte und Spielwitz seine Gegenspieler auszutänzeln pflegt.

Das sieht Kollege Kraft natürlich nicht, weil er nur Augen für Schweini hat. Er sieht auch nicht, dass es in den deutschen Reihen einen Lahm gibt, der sogar den großen Maradona beeindruckt. Oder einen Schneider, der auf recht unauffällige Weise sehr gefällig mit dem Ball umzugehen versteht. Oder einen Neuville, der so wunderschön gramgebeugt wie kein anderer seine Arbeit verrichtet.

Kurzum: Die deutsche Mannschaft ist nicht schlecht. "Na gut, sie haben eben zwei Polen in ihrer Mannschaft", meinte gestern Freund Axel, der nach den beiden frühen Toren von Poldi nur mehr sehr widerwillig das Spiel verfolgte. Und nach dem Schlusspfiff war er immer noch fest davon überzeugt, dass die Deutschen ohne ihre beiden gebürtigen Osteuropäer Klose und Poldi keinen einzigen Stich gemacht hätten.

Fakt ist: Die derzeitigen WM-Darbietungen unserer netten Nachbarn haben nichts gemein mit den grauenvollen Auftritten von vor vier Jahren. Es gibt keinen Kahn mehr im Tor, dessen Platz ist nun auf der Ersatzbank, ganz am Rand, von wo er mit leerem Blick dem Treiben auf dem Rasen zuschaut. Gut, die neue Nummer 1 Lehmann ist auch nicht unbedingt ein Sympathling, aber immer noch besser, da weniger bärbeißig, als Kahn.

Sogar Arne Friedrich passt ganz wunderbar in das neue Ensemble. Er bringt mit seinen verlässlichen Patzern so etwas wie eine menschliche Note hinein. Vorbei eben auch die Zeiten, da noch die Brüder Förster mit eiserner Härte den Laden hinten dicht hielten und es für den Gegner überhaupt kein Durchkommen gab. Das gibt es nun wieder - und trotzdem (oder gerade deswegen) wird Deutschland Weltmeister (der Herzen).

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

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