Die Rechnung geht nicht auf

cache/images/article_2707_martin_140.jpg Uros Matic war der prägende Spieler beim SK Sturm in der Herbstsaison, nun wechselt er zum FC Kopenhagen. Die Grazer verlieren damit ihren Spielmacher - und einen Erzeuger von Emotionen. Ein Kommentar.
Martin Schreiner | 19.12.2016

Im Sommer 2016 hat sich für die Sturm-Fans ein Fenster aufgetan. Dahinter konnten sie die Romantik des Fußballs wiederfinden. Für sie spielte Uros Matic. Er gab einer neu zusammengestellten Mannschaft Rhythmus. Wie ein Metronom verteilte er den Ball abwechselnd schnell und langsam. Ein Spielmacher, kein Sechser. Unter seiner Regie verstanden sich die Spieler schnell, sie spielten sich in einen Lauf. Kluge Transferpolitik hatte daran ihren Anteil, Fügung noch viel mehr.

 

Die Romantiker auf den Tribünen in Graz-Liebenau hofften, diese Matic-Momente mögen andauern. Zumindest für die Länge seiner nächsten Finte. Nur für eine weitere Körpertäuschung, mit der er zwei Gegenspieler ins Leere fahren lässt. Bloß das nächste Spiel lang. Weiter, immer weiter bis zu einem Titel. Oder zumindest dem Versuch, um diesen mitzuspielen. In einem Rausch, in einem Kampf, nur nicht wieder in einer Pose derselben. Für das Selbstbewusstsein wieder und immer wieder auf einen Gegner zulaufen und ihn ausspielen zu können. Um die Nervosität in dessen Augen zu sehen. Für die Möglichkeit eine Überraschung zu erzeugen.

 

An Matics Seite entwickelte sich eine Mannschaft. Es entstanden die Konturen verschiedener Spielerpersönlichkeiten wie jene der Darsteller in einem Theaterstück. Der Torjäger mit dem Bewegungsradius eines Bierdeckels, die wieselflinken Außenläufer und die harten Verteidiger. Die Romantiker begannen sich wieder an ihre Namen zu erinnern: An Deni Alar, Phillip Huspek, Charalampos Lykogiannis und Christian Schoissengeyer. Im Karussell des Marktes konnten sie für einen Moment beginnen, Beziehungen zu ihnen aufzubauen.

 

Am 13. Dezember knallte dieses Fenster in der Geschichte des SK Sturm wieder zu. Uros Matic wechselt um kolportierte zwei bis drei Millionen Euro zum FC Kopenhagen. Kurz nachdem er die Mannschaft zum Herbstmeistertitel geführt hatte. Sportdirektor Günter Kreissl sagt: „Wir haben die wirtschaftliche Zukunft nachhaltig abgesichert.“ Uros Matic verabschiedet sich mit einem Freistoßtor gegen die SV Ried. Auf ihren Schultern tragen ihn seine Mitspieler zu den Fans. Alle jubeln. Niemand scheint ihm oder dem Verein böse zu sein. Auch die Romantiker sind es nicht. Sie beschleicht eine tiefe Traurigkeit.

 

Dieses Mal haben die Mechanismen des Marktes schon nach einem halben Jahr zugeschlagen. Nicht zwei Jahre – wie zu Beginn der Saison geplant. Matics Erlös könnte nach ein paar schlechten Transfers verpufft sein. Fußball verkauft Emotionen, nicht Spieler. In Graz befeuerte die Leidenschaft der Spieler um Matic jene der Fans – und umgekehrt. Mit ihm hatte der SK Sturm einen Erzeuger von Emotionen gratis vom NK Breda bekommen. Ohne ihn droht der Mannschaft das Feuer auszugehen. Das verbliebene Geld brennt schlecht. Gefühle lassen sich nicht kaufen. Diese Rechnung wird nicht aufgehen. Die Romantiker sagen: „Geh nicht, Uros. Gerade jetzt, nachdem du uns für einen kurzen Moment den Glauben an den Fußball zurückgegeben hattest.“

ballesterer # 121

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