Die Sache mit dem T

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Spät glich Fenerbahce im Hinspiel gegen Red Bull Salzburg aus. Neben dem Tor bewegte die türkische Öffentlichkeit jedoch noch tagelang der folgende Jubel: Geteiltes Familienglück oder politische Propaganda, das ist hier die Frage. 

Klaus Federmair | 06.08.2013

Handelfer für Fenerbahce in der 95. Minute. Cristian Baroni gleicht im Hinspiel der Champions-League-Qualifikation gegen Salzburg zum 1:1 aus und jubelt: Mit den Unterarmen formt er ein T, die rechte Hand hält er sich mit gespreizten Fingern vor das Gesicht. Einige Teamkollegen kopieren die Gesten.

Für viele Beobachter konnte das angesichts der tragenden Rolle von Fußballfans bei den Protesten um den Istanbuler Gezi-Park nur eine Solidaritätsadresse sein: ein T wie Taksim und eine Gasmaske. Die Gezi-Demonstrationen war im Mai und Juni nach massiven Tränengaseinsätzen der Polizei zur Massenbewegung angewachsen und auf den Taksim-Platz geströmt, ausgerüstet mit tausenden Gasmasken. 


Taksim oder Thiago?

In den türkischen Medien tauchte alsbald eine weitere Interpretation des Torjubels auf. T stehe demnach für Thiago, einen kranken Freund von Baroni; die gespreizten Fingern stellten keine Gasmaske dar, sondern zeigten das Alter von Baronis Sohn an.

»Laut der Berichterstattung stimmt die Version mit Thiago, aber der Torjubel könnte eine Doppelbedeutung haben«, sagt der auf die Türkei spezialisierte Politologe Ilker Atac von der Universität Wien. Viel wichtiger sei es aber, wie diese Geste bei vielen wahrgenommen werde, nämlich als Solidarität mit der Gezi-Bewegung. Atac überrascht es nicht, dass Baroni und seine jubelnden Kollegen die Sache nicht einfach selbst aufklären: »Die Fußballer werden es sicherlich nicht preisgeben, der politische Druck ist gerade sehr hoch.«

Dieser Druck manifestiert sich unter anderem in Ankündigungen der Regierung Erdogan, gegen politische Äußerungen im Stadion künftig härter vorzugehen. Es ist auch die Rede davon, dass Jahreskarten nur noch an Personen ausgegeben werden sollen, die sich zuvor schriftlich zur Einhaltung eines strikten Politikverbots verpflichten.

Das Rückspiel am heutigen Dienstag gegen Salzburg ist das erste große Match eines Istanbuler Klubs seit den Massenprotesten, die sechs Todesopfer und tausende Verletzte gefordert haben. Umso aufmerksamer werden allfällige politische Äußerungen im und ums Stadion verfolgt und von behördlicher Seite bekämpft.

Politik und Religion - nein, aber!

Die UEFA ist sich mit den türkischen Behörden einig, dass das Stadion ein politikfreier Raum zu sein hat - das obligatorische Händeschütteln zwischen ihren Funktionären und Spitzenpolitkern hat in dieser Lesart natürlich nichts mit Politik zu tun. Festgeschrieben hat die UEFA diese Maxime im Artikel 14 ihrer Rechtspflegeordnung, deren Überschrift »Rassismus, anderes diskriminierendes Verhalten und Propaganda« lautet. Dort heißt es im siebenten Absatz: »Ideologische, politische und religiöse Propaganda jeglicher Art ist verboten. Bei Verstößen gelten die Absätze 1 bis 6 analog.«

Theoretisch heißt das, dass diese Vergehen genauso mit Sperren zu ahnden wären wie Diskriminierungen. Praktisch jedoch wird sich die UEFA bei der Auslegung ihrer Regeln wohl nicht allzu unbeliebt machen. Daher wird die Disziplinarkommission heute Abend wohlwollend darüber hinwegsehen, sollte eine Kamera ein »Jesus loves you« oder »Occupy Gezi« auf dem T-Shirt eines Fans oder gar Spielers entdecken. Denn was Propaganda ist, entscheidet immer noch die UEFA.

 

youtube-Video des Torjubels

Referenzen:

Thema: Politik, Türkei
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