Stadt ohne Stadien

cache/images/article_2097_engenhao_140.jpg CONFED-BLOG Vor dem Ankick des Confederations-Cups ist am Wochenende in Brasilien noch eifrig Meisterschaft gespielt worden. Mit Vasco da Gama und Fluminense hatten zwei Teams aus Rio Heimrecht, nutzen konnten sie es jedoch nicht. Grund ist die prekäre Stadionsituation in Rio, die sich durch eine lange Sperre des Estadio Engenhao noch zu verschärfen droht.

Groß war meine Vorfreude auf Spielbesuche abseits des Confed-Cups gewesen. Doch aus dem Plan, im Rahmen meiner Reise zwei Matches des Campeonato Brasileiro mitzunehmen, wurde nichts. Weil das Maracana für den Confed-Cup gesperrt ist und das eigene Estadio Sao Januario als Trainingsstätte für das FIFA-Ereignis herhalten muss, sah sich Vasco da Gama für das Spiel gegen Bahia genötigt, ins zwei Autobusstunden entfernte Volta Redonda auszuweichen. Ähnlich die Situation bei Fluminense: Der regierende Meister trug sein Heimspiel gegen Goias in Macae, einer weiteren Satellitenstadt rund 180 Kilometer außerhalb von Rio, aus. Beide Ziele waren mir zu mühsam zu erreichen.

Auch die weiteren Erstligisten aus Rio - Botafogo und Flamengo - stehen momentan ohne Heimstätte da. Denn das Estadio Joao Havelange, in dem 2016 die Leichtathletikbewerbe der Olympischen Spiele stattfinden werden, ist aufgrund von Baumängeln gesperrt - und das wird, wie Ende der vergangenen Woche bekannt wurde, auch noch länger so bleiben. Im März waren Schäden an der Dachkonstruktion der Arena, die von den Bewohnern Rios nur Engenhao genannt wird, festgestellt worden. Eine Untersuchung ergab, dass die Sicherheit der Besucher des 2007 anlässlich der Panamerikanischen Spiele eröffneten Stadions bereits ab einer Windstärke von 63 km/h gefährdet sei.

Wer soll das bezahlen?
Nun ist die Schadensanalyse abgeschlossen. Das ernüchternde Fazit der von der Stadt beauftragten Untersuchungskommission: Es muss renoviert werden, und die Arbeiten am erst sechs Jahre alten Stahl- und Betonriesen werden noch mindestens 18 Monate in Anspruch nehmen. Fußballspiele können im Engenhao also erst wieder frühestens 2015 stattfinden. Dabei hatte allein das Dach 32 Millionen Euro gekostet, insgesamt wurden für den Umbau mehr als 150 Millionen Euro ausgegeben. Nun werden weitere Millionenbeträge in die Verstärkung der Dachkonstruktion fließen. Kein Wunder, dass die Sporttageszeitung Lance! am Samstag titelte: »Wer soll das bezahlen?«

Die Antwort lautet wohl: die Steuerzahler. Zwar stehen Klagen gegen Konstrukteure und Baufirmen im Raum. Doch ob ihnen Erfolg beschieden sein wird, ist mehr als ungewiss. Denn die nun festgestellte Baufälligkeit trat nicht durch einen offensichtlichen Schaden wie Risse in der Dachkonstruktion zu Tage. Zudem werden die Unabhängigkeit der Untersuchung sowie die Dauer der Sperre von mancher Seite in Zweifel gezogen.

Fluch oder Segen?
Am stärksten betroffen von der Schließung des Stadions ist Botafogo. Der Traditionsklub hatte nach den Panamerikanischen Spielen die Verwaltung des Engenhao für 20 Jahre übernommen und muss nun Einnahmeausfälle in erheblicher Höhe verkraften. Denn wenn Botafogo seine Heimspiele ins Stadion von Vasco oder andere Spielstätten außerhalb Rios verlegt, kommen deutlich weniger Zuschauer. Zudem fallen die Mieten weg, die Flamengo und Fluminense bezahlen, wenn sie im Engenhao spielen - was durch die mehrjährige Renovierung des Maracana in der jüngeren Vergangenheit oft der Fall war.

Allerdings ist es auch kein Geheimnis, dass Botafogo mit der Situation vor der Sperre unzufrieden war. Zwar ist die Stadionmiete mit rund 15.000 Euro pro Monat sehr gering, die Instandhaltungskosten für die 47.000 Zuschauer fassende Arena betragen jedoch ein Vielfaches davon. Botafogo hatte deshalb auf zusätzliche Investitionen wie etwa die Integrierung eines Einkaufszentrums gedrängt. Einem Bestreben, dem nun im Rahmen der neuerlichen Renovierung entsprochen werden könnte.  

Seitens der Klubführung Botafogos äußerte sich zunächst niemand zur langfristigen Stadionsperre. Bei Mannschaft und Anhängern kam die Nachricht jedoch nicht gut an. Trainer Oswaldo de Oliveira sagte zu Lance!: »Es ist erbärmlich und inakzeptabel, dass ein sechs Jahre altes Stadion für so lange Zeit geschlossen wird.« 500 Fans der Schwarz-Weißen machten am Samstag bei einer Demonstration vor dem Engenhao ihrem Ärger lautstark Luft. Sie äußerten Zweifel an der Objektivität der Schadensanalyse und kündigten eine Kampagne gegen Rios Bürgermeister Eduardo Paes an. »Es ist nicht der Wind, der das Engenhao weggeweht hat«, stand auf einem ihrer Transparente. Eine Anspielung darauf, dass das Stadion erst kürzlich einen Sturm von fast 100 km/h schadlos überstanden hatte.

 

Foto: Alois Gstöttner/www.blois.at

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Rubrik: Aktuell
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