Die Suche nach dem Fußball

Musikfestivals finden für gewöhnlich an möglichst abgeschiedenen Orten statt. Doch wie weit will man sich von seiner Lieblingsmannschaft überhaupt entfernen?

Der Zivilisationsgrad eines Landes errechnet sich während einer Weltmeisterschaft hauptsächlich durch die Anzahl der verfügbaren Fernsehgeräte und verhält sich umgekehrt proportional zur Zeit, die man benötigt, um das jeweils nächste zu erreichen.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist eine Fahrt nach Nickelsdorf ein Wettlauf ins Ungewisse.

"Gibt's dort Fußball?" - ein Satz, der mir mehr als einmal durch den Kopf ging, noch bevor die Karte für das "Nova Rock"-Festival in meinem Postkasten gelandet war. Der angekündigte Auftritt von Tool, eine Band, die das Attribut "Lieblings-" verdient, wie keine andere, hatte mich dann aber doch dazu bewegt, die Reise ins nördliche Burgenland anzutreten. Nichtsdestoweniger bestand die Gefahr, das vorentscheidende Gruppenspiel meiner persönlichen WM-Favoriten aus Italien zu verpassen. Gut, die Vorrunde sollte zu verschmerzen sein. Bei einem Viertel- oder Halbfinale hätte ich wohl länger überlegt, und es war ja bloß ein Tag.

Auf einem riesengroßen Festivalgelände nach einem Fernseher zu suchen, hatte ich mir jedenfalls abenteuerlicher vorgestellt. Noch in Sichtweite beider Bühnen, an einem Getränkestand, befanden sich bequeme Flatscreens. Darüber hinaus hatten die Veranstalter sogar für ein Partyzelt samt Leinwand gesorgt. Gut, alles powered by Coca Cola, aber wenigstens die Möglichkeit zum Live-Erlebnis. Ich hätte zufrieden sein können, doch mein mühsam auf Dschungelstärke auftrainierter Indiana-Jones-Instinkt wollte mehr. Und so begann ich, den Fußball zu suchen, wo er sich abseits der Übertragungen verstecken mochte.

In meinem geistigen Notizbuch vermerkte ich ein paar Festivalbesucher im Argentinientrikot, gelegentlich auch einige verstreute Azzurri, deren Vorfreude wohl nicht nur den auftretenden Bands galt. Trotzdem: hätte man nicht gewusst, dass eben gerade eine WM am Laufen ist...

Also mussten die Musiker selbst herhalten. Die Sportfreunde hatte ich verpasst, was mir nicht ganz unrecht war, aber vielleicht outeten sich ja die Krupps als Du-Bist-Deutschland-Angesprochenfühler. Aber Fehlanzeige, keine Regung. Eine Band, die es schon gab, als Beckenbauer die Stadien noch als Spieler bereiste, konnte so eine Heim-WM wahrscheinlich auch nicht erschüttern.
Spannender wurde es beim nächsten Act, Opeth aus Schweden. Nimmt man die Begeisterung der 50.000 blau-gelben Fans im Olympiastadion und die Euphorie der ballesterer-Schwedenfraktion zum Maßstab, müsste sich das ganze Land in einem Ausnahmezustand befinden. Opeth zogen es vor, ihre Lieder amerikanischen Schauspielern zu widmen. Und Apocalyptica? Kein Fußballfieber, nur für Finnen ungewohnter Sommer.
Ein klein wenig Hoffnung keimte auf, als Keith Caputo am Programm stand. Immerhin, ein Amerikaner mit unzweifelhaft italienischen Vorfahren. Wen, wenn nicht ihn sollte das Spiel interessieren? Aber auch hier: ein gutes Konzert, kein Hinweis auf jegliche Fußballbegeisterung. Wollte ich nicht ein Abenteuer? Hier hatte ich es. Es gab anscheinend wirklich eine Menge Menschen, denen die WM nichts bedeutete.

Gegen 21 Uhr beendete ich mein Dschungelheldendasein und verzog mich ins Zelt, um vor dem Auftritt von Tool noch die Anfangsphase des Matches Italien - USA mitzubekommen. Dass in dieser Zeit kein Tor fiel, machte mich etwas nervös. Aber jetzt war erstmal wieder die Musik an der Reihe.
Der Bassist dieser wunderbaren amerikanischen Band ist Brite. Doch ausgerechnet er überraschte mich wenig später mit einem Trikot des US-Soccerteams. Relativ provokant, wie ich meinte. Die einzige Stunde des Tages, in der ich möglichst nicht an Fußball denken wollte, verbrachte ich wie die italienischen Stürmer - sechzehn Meter entfernt vom Trikot Kasey Kellers.

Am nächsten Tag, ich hatte das Burgenland wieder verlassen, wurde meine Suche nach dem Fußball um das letzte Detail ergänzt. So schrieb der ORF auf seiner Homepage folgendes: "Axl Rose, "Kopf" von Guns N' Roses trat pünktlich vor die Menge, gestärkt durch von ihm extra bestellten Marillenknödeln und gut gelaunt nach dem Fußballkrimi USA gegen Italien, den der Sänger vor einem rasch im Backstage-Bereich aufgestellten Fernseher verfolgt hatte."

Wo einem zum Fußballspiel Mehlspeisen serviert werden, lässt sich wohl schwer die Zivilisation verleugnen, schätze ich...

Mario Sonnberger

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png