Die Turniermannschaften

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Nach 44 Spielen in nur 15 Tagen hat die kurze EM-Pause wohl auch dem größten Fan ganz gut getan – und Zeit gelassen, das bisherige Turnier genauer zu betrachten. Ein Zwischenfazit von unserem EM-Korrespondenten.

Benjamin Schacherl | 30.06.2016

Die Europameisterschaft in Frankreich hatte bis auf wenige Ausnahmen, etwa das 3:3 zwischen Ungarn und Portugal, noch nicht sehr viele spektakuläre Spiele zu bieten, dafür aber einige Überraschungen, allen voran den Viertelfinalaufstieg Islands. Die großen Fußballländer hingegen wussten bislang nicht alle zu überzeugen. Gastgeber Frankreich mühte sich durch die Gruppe A, obwohl die Konkurrenz mit Albanien, Rumänien und der Schweiz nicht besonders stark gewesen ist. Einer der wenigen konstanten Leistungsträger bei den Franzosen ist Dimitri Payet von West Ham United, der eine herausragende Saison mit den „Hammers“ gespielt und diese Form mit in die Nationalmannschaft genommen hat. Mit zwei Toren und einer Vorlage ist er gemeinsam mit Antoine Griezmann von Atletico Madrid, der bei drei Turniertreffern steht, einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass Frankreich im Viertelfinale steht. Wäre Frankreich, zumindest was die Ergebnisse betrifft, nicht so erfolgreich ins Turnier gestartet, hätte die Stimmung im Gastgeberland rasch kippen können. Sowohl bei den Gruppenspielen als auch gegen Irland im Achtelfinale wurde das Publikum schnell unruhig, als die Heimmannschaft nicht vorne lag. Dennoch vermitteln die Auftritte Frankreichs das Gefühl, dass es stets noch zulegen könnte. Das französische Pferd springt nur so hoch, wie es nötig ist. Gegen das Überraschungsteam aus Island wird sich die Mannschaft von Didier Deschamps noch steigern müssen.

Sehr souverän hingegen ist Deutschland ins Viertelfinale galoppiert. Die Gruppe mit Polen, Nordirland und Ukraine war wie erwartet kein Problem. In deutschen Medien wurde zwar bald kritisiert, dass die DFB-Elf zu wenig Tore erzielen würde. Seit der spielerisch überzeugenden Leistung gegen die Nordiren, die Joachim Löws Mannschaft deklassieren hätte müssen, vor allem aber seit dem 3:0-Achtelfinalsieg gegen die Slowakei sind die Kritiker verstummt. Der deutsche Teamchef dürfte seine Stammformation im Wesentlichen gefunden haben. Es ist wahrscheinlich, dass er weiterhin auf Mario Gomez als klassischen „Neuner“ im Sturmzentrum vertraut. Bester Spieler ist bislang Jerome Boateng, der nicht nur in der Defensive seine gewohnten Stärken zeigt sondern vor allem in der Spieleröffnung immer wieder mit punktgenauen Pässen auffällt. Gegen die Slowakei erzielte er per Volleyabnahme nach einer Ecke sein erstes Länderspieltor.

Italienische Taktikmeister
Im Viertelfinale wartet ein alter Bekannter, dem vor Turnierbeginn einige nicht zugetraut haben, überhaupt so weit zu kommen. Gegen Italien hat Deutschland bislang noch nie bei einem Großturnier gewinnen können. Spätestens seit die Mannschaft Titelverteidiger Spanien mit 2:0 aus dem Bewerb geworfen hat, zählt sie wieder zu den Turnierfavoriten. Zuvor wurde das Team von Antonio Conte noch als Altherrenmannschaft verunglimpft. Im ersten Spiel gegen Belgien schickte er eine Startelf aufs Feld, deren Altersschnitt bei 31,5 Jahren lag – die älteste der EM-Geschichte. Das ist in diesem Fall aber mehr Vorteil als Nachteil. Die Spieler sind erfahren und lassen sich den Druck eines Großturnieres nicht anmerken. 


Italien hat neben Gianluigi Buffon, Defensivspezialist Leonardo Bonucci und Mittelfeldspieler Daniele De Rossi kaum internationale Stars in der Mannschaft. Die herausragende Persönlichkeit ist der Trainer. Conte, 46, hat es in seinen zwei Jahren als Teamchef geschafft, dem Team ein nahezu perfektes taktisches Korsett anzulegen, und die Spieler so weit gebracht, seinen Anweisungen vertrauensvoll zu folgen. Es ist ein Konzept, dass sich nicht nur auf Abwehrarbeit fokussiert. „Wir haben gezeigt, dass Italien nicht nur verteidigen kann“, sagte Conte nach dem Sieg gegen Spanien. Was Italien so unangenehm als Gegner macht, ist das schnelle Umschaltspiel. Eder, vor der EM nur Serie-A-Insidern ein Begriff, ist noch immer kein Weltklassestürmer. Aber er zieht nach Ballgewinn sofort Tempo auf und treibt die Bälle nach vorne. Graziano Pelle, in Italien lange Zeit verschmäht, blühte erst bei Feyenoord Rotterdam auf und stürmt seit zwei Jahren für Southampton. Seine größte Stärke ist es, Zuspiele, ob flach oder hoch, zu verarbeiten und die Bälle zu halten, bis genügend Teamkollegen nachgerückt sind. Das 3-5-2 System, das ohne Ballbesitz zum 5-3-2 wird, ist nahezu perfekt eingespielt, für viele gegnerische Mannschaften jedoch ungewohnt. In Italien ist der Trend, auf dieses System zu setzen, schon seit einigen Jahren zu beobachten. Antonio Conte etablierte es vor über vier Jahren beim Serienmeister Juventus. Wenn die Italiener im Viertelfinale noch ein weiteres Mal eine taktische Meisterleistung wie gegen Spanien aufs Feld bringen, wird es für Deutschland schwer, aufzusteigen.

Neustarts in Spanien und England
Spanien musste die Stärke Italiens leidvoll erfahren. Der Titelverteidiger war gut in die Gruppe gestartet, die Niederlage am letzten Spieltag gegen Kroatien wurde als Ausrutscher abgetan. Trainer Vicente Del Bosque hatte mit Alvaro Morata endlich eine Lösung für das Sturmzentrum gefunden und auch sonst zeigte die Mannschaft oft den von Spanien bekannten Fußball. Nach dem Ausscheiden bleibt nun abzuwarten, welche Spieler dieser so erfolgreichen Generation erhalten bleiben. Andres Iniesta, 32, könnte in zwei Jahren bei der WM in Russland möglicherweise nicht mehr dabei sein.

Das iberische Nachbarland Portugal blieb vieles schuldig. In der Gruppe mit Österreich, Ungarn und Island holten die Portugiesen nur den dritten Platz. In einem der unattraktivsten Spiele dieses Turniers wurde Kroatien mit 1:0 nach Verlängerung besiegt. Cristiano Ronaldo wird zwar wie immer kritisiert, war aber nicht für die mäßigen Leistungen verantwortlich. Er erzielte zwei Tore und gab zwei Vorlagen. Sein Partner im Angriff, Nani, hat bislang ebenfalls zweimal getroffen. Als Belohnung winkt ein Wechsel zu Valencia. Portugals Medien haben die Hoffnung auf eine deutliche Leistungssteigerung noch nicht aufgehoben. „Wir brauchen ein gutes Spiel, dann löst sich die Blockade“, sagt Jorge Silva von der auflagenstärksten Tageszeitung A Bola. Im Viertelfinale gegen Polen bietet sich dazu die nächste Gelegenheit.

England hat diese nicht mehr. Nach einer perfekten Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen mit großen Erwartungen ins Turnier gestartet, konnte die Mannschaft nie an diese Leistungen anschließen. Schon in den Gruppenspielen machten die Engländer keinen guten Eindruck. Dass sie im Achtelfinale an Island scheiterten, ist dennoch eine Sensation. Eine, die Trainer Roy Hodgson zum Rücktritt bewogen hat. Der Coach musste viel Kritik einstecken und nach dem peinlichen Aus nicht weniger Häme. Für England ist die Blamage gegen Island – wieder einmal – eine Chance für einen Neustart.

Belgiens Potenzial, Österreichs Scheitern
Von den britischen Teams, deren Fans bei der EM in Frankreich von allen Seiten Liebesbekundungen entgegen schlugen, ist nur noch Wales übrig. Angeführt von Gareth Bale haben die Waliser das gezeigt, was man von ihnen erwarten konnte: defensiv sattelfest und im Konter gefährlich, vor allem über Bale und Arsenals Aaron Ramsey. Das Viertelfinale gegen Belgien wird zur ersten großen Bewährungsprobe. In der Qualifikation konnten die Waliser gegen Belgien in zwei Spielen beide Male zu null spielen.

Die Belgier haben im Achtelfinale nun endlich gezeigt, was in ihnen steckt. Schon vor der WM 2014 wurde die Mannschaft hochgejubelt, dann war im Viertelfinale mit 0:1 gegen Argentinien Schluss. Entscheidend wird sein, ob Eden Hazard seine Glanzleistung, die er beim 4:0-Achtelfinalsieg gegen Ungarn gezeigt hat, bestätigen kann. Wenn Belgien sein Potenzial ein weiteres Mal abrufen kann, wird das EM-Abenteuer für Wales wohl zu Ende sein. Für Belgien kann es dann bis ins Finale gehen. Der Gegner im möglichen Halbfinale wäre Polen oder Portugal.

Österreich musste schmerzvoll erkennen, dass es für das Niveau einer EM-Endrunde – auch einer mit 24 Teams – noch nicht reicht. Im Vorfeld von internationalen Medien sogar als gefährlicher Underdog eingeschätzt, konnte das Team von Marcel Koller der hohen Erwartungshaltung nicht gerecht werden. Eine gute von sechs Halbzeiten im ganzen Turnier reicht nicht. Die Rolle des Überraschungsteams hat Island eingenommen, an das Österreich im letzten Gruppenspiel mit 1:2 gescheitert war. Die Isländer hatten in der Qualifikation bereits angedeutet, dass sie die EM-Gruppe durchaus überstehen können. Solche Abwechslungen von der Norm sind zu begrüßen, werden im weiteren Turnierverlauf aber wohl seltener werden. 


Foto: Stefan Salcher

Referenzen:

Thema: EM 2016
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