Die UEFA-Demokratie

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Der 39. UEFA-Kongress in Wien ging ohne große Überraschungen zu Ende. Michel Platini tritt unangefochten seine dritte Amtszeit an, in die Kassen der großen Klubs fließt weiter viel Geld, und Joseph Blatter gibt sich staatstragend.

Robert Florencio | 25.03.2015

Ist die UEFA eine demokratische Organisation und die FIFA ein von einem autoritären Diktator geleiteter Verband? Da würde man wohl der UEFA zu viel Gutes und der FIFA zu viel Unrecht antun. Der Berichterstatter spürt jedoch einen Unterschied im Auftreten gegenüber den Medien. Wenn auch die von der EURO 2008 sattsam bekannten UEFA-Funktionäre mit Ohrverkabelung wieder zuhauf anwesend waren, das Verhalten ist eindeutig konzilianter. Ein abhanden gekommener Akkreditierungspatch führte den bei einer FIFA-Pressekonferenz schon mal zum Hinausbegleiten aus dem Saal. Als selbiges Missgeschick sich beim UEFA-Kongress wiederholte, kam nach einer Viertelstunde ein aufmerksamer Medienmitarbeiter und überreichte das verloren geglaubte Stück. Und das samt der Warnung, dass der gelbe Punkt, der den Zugang zum Kongresssaal erlaubt, auf der Akkreditierung fehlen würde und daher ratsam wäre, nicht den Platz zu verlassen. Nach neuerlichen 15 Minuten bringt er auch den Punkt nach und somit hat alles seine Ordnung.

Viele Themen des Kongresses wurden bereits in den an den Vortagen stattgefundenen Sitzungen des Exekutivkomitees besprochen und dann zur Abstimmung dem Kongress vorbereitet. Meine Frage an UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino, ob das sogenannte Exco auch den durchaus möglichen Fall einer politischen Unabhängigkeit Kataloniens und daraus folgenden Konsequenzen für den FC Barcelona nach den im Herbst anstehenden Lokal und Parlamentswahlen diskutiert habe, zog dieser mit der Bemerkung ins Lächerliche, dann müsste man sich ja ebenso auf den Fall einer Unabhängigkeit der Steiermark einstellen. Dieses Thema sei daher ein inexistentes. „Optimistischer Realismus“, wie der neugewählte Präsident der südamerikanischen Konföderation, Miguel Angel Napout, die Amtsführung seines Freundes und Kollegen Platinis bezeichnet? Die Zukunft wird es weisen.

Kein Applaus für Blatter
Platini selbst ist beim Kongress ganz in seinem Element. Gut gelaunt und zu Scherzen neigend leitet er die Tagung ein. Und die anwesenden Delegationen scheinen ihm wie der Hund dem Herren zu folgen. Als er scherzhaft seinem Sitznachbarn mit dem Holzhammer, den er zur Eröffnung und Schließung der Tagung verwendet, droht, falls die anstehende Abstimmung zur Mitbestimmung der Stakeholder nicht positiv ausginge, hat er die Lacher auf seiner Seite. Die Androhung präsidentieller Gewalt ist aber nicht notwendig. Alle Abstimmungen gehen in seinem Sinne aus. Probleme, die im Vorfeld anstanden, wie der Konflikt zwischen russischem und ukrainischem Verband, scheinen nach der Wahl des neuen ukrainischen Verbandspräsidenten sowie dem Rückzug der Krimklubs aus der russischen dritten Liga vorerst einmal gelöst.

FIFA-Präsident Joseph Blatter, dem FIFA-Insider inzwischen komplette Beratungsresistenz attestieren, scheint an diesem Vormittag von seinem Kommunikationsdirektor Walter de Gregorio perfekt gebrieft worden zu sein. Er weicht keinen Buchstaben von der ihm vorbereiteten Rede ab, die immer wieder die staatstragenden Floskeln Solidarität und Einheit der Fußballfamilie in Deutsch, Französisch und Englisch wiederholen. Einige wenige Nationalverbände mag er damit sogar überzeugt haben, Applaus gibt es aber keinen.

Unternehmen UEFA
Umso erfreulicher für die Delegierten ist der unmittelbar darauf folgende Finanzbericht, der wieder von neuen Rekordzahlen spricht. Betragen die Gesamteinnahmen für den Zeitraum 2013/14 noch 1,73 Milliarden Euro – die UEFA befindet sich damit ungefähr im Bereich eines multinationalen Unternehmens wie Swaroski –, wird für den Zeitraum 2015/16 eine Verzweieinhalbfachung auf 4,2 Milliarden prognostiziert. Permanente Reserven von mindestens 500 Millionen Euro machen den Verband reicher als alle anderen fünf Kontinentalverbände zusammen. Trotz aller Versprechungen, die vorhandene Geldschwemme für die Unterstützung der kleineren Verbände zu verwenden, scheint kein echter Wille vorhanden zu sein, die Schere wirklich zu verkleinern. Wenn beispielsweise aus den 1,4 Milliarden Euro Rechteeinnahmen für die Champions League eine Milliarde an die daran teilnehmenden Klubs und davon lediglich ein Solidaritätsbeitrag von 50 Millionen an die „Armenhäusler“ der Europa League fließt, ist unschwer zu erraten, dass die Viertelfinalisten der Champions League auf viele Jahre hinaus aus einem Pool von maximal 20 Vereinen kommen werden.

Nach seiner Wiederwahl per Akklamation erinnert Platini nochmals an seine demokratische Gesinnung, er fühle sich nur als Kapitän in einen Teamwork, ohne dass er nicht funktionieren könnte und ohne das die errungenen Erfolge nicht möglich wären. Die demokratische Gesinnung sei es auch, die ihn dazu bewogen habe, als einzigem Kontinentalverband den drei Mitbewerbern um das FIFA-Präsidentenamt die Gelegenheit zu geben, vor dem Kongress zu sprechen. Er liebe und schätze die FIFA, aber es benötige jetzt einen Wechsel an der Spitze. Die drei Kandidaten aus Jordanien, Portugal und Holland bemühen sich redlich, um Stimmen zu werben, zu ähnlich scheinen aber ihre Aussagen. Erhöhungen der Ausschüttungen an die einzelnen Verbände, mehr Entwicklungs- und Grassrootsarbeit sowie die zweifelhafte Aufstockung der Teilnehmerländer an der WM scheinen sehr beliebte und auch populistische Floskeln zu sein. Allein, gegen die Masse der afrikanischen und karibischen Staaten, die Blatter eng verbunden sind, scheint all das zwecklos.

Chance für kleine Länder?
Platini bleibt aber auch in der anschließenden Pressekonferenz betont optimistisch. Er glaubt an einen möglichen Wandel. Als ihn ein französischer Kollege fragt, ob das seine letzte Amtszeit als UEFA-Präsident wäre, antwortet er: „Die Franzosen sind ja bekannt dafür, die dümmsten Fragen zu stellen. Das hat sich wieder einmal bewiesen. Vielleicht, ich weiß es noch nicht“. Auf Nachfrage verdeutlicht er nochmals seine Position, dass er für ein Alterslimit von 70 Jahren für Amtsträger sei, aber nicht für Funktionsperioden.


Abschließend gibt er noch eine unerwartete Antwort auf die Frage eines serbischen Journalisten, wie er zu der Idee einer Balkanliga stehen würde. Platini gesteht den Reiz einer solchen Liga ein, weiß, dass die Stadien in Ex-Jugoslawien, die einst bei Spitzenspielen voll waren, es heute längst nicht mehr sind. Im Moment hätte er aber im Exco noch keine Mehrheit für die Bewilligung solcher grenzüberschreitenden Ligen erhalten, da die großen Länder dafür kein Verständnis hätten. Er werde sich aber um eine Lösung im Sinne der kleinen Nationen und deren fußballerischer Entwicklung bemühen. Eine Bemerkung, an die man sich, auch wenn sie nur in der Pressekonferenz gefallen ist, später vielleicht noch einmal erinnern wird. Die UEFA-Familie trifft sich in genau einem Jahr zu ihrem nächsten Kongress gleich ums Eck in Budapest, wie Wien eine Stadt mit großer Fußballtradition, die aber schon zu lange auf neue Erfolge wartet.


Foto: Robert Florencio

Referenzen:

Thema: FIFA, UEFA
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