»Die Ultrà-Szene schmort vor sich hin«

cache/images/article_1396_usp_140.jpg Ultrà Sankt Pauli geben am Millerntor den »Roar« vor. Mit dem ballesterer sprachen sie anlässlich des St.-Pauli-Schwerpunkts in der Mai-Ausgabe über ihr Verständnis von Fankultur, St. Paulis Beitrag zu Kommerz und Repression und das Verhältnis zu Präsident Corny Littmann.
ballesterer: Was hat 2002 zur Gründung von Ultrà Sankt Pauli geführt?
HENNING:  Wir sind eigentlich aus einer Trotzreaktion heraus entstanden. Die Stimmung bei St. Pauli ist immer schlechter geworden, es ist ein Vakuum entstanden. Diese Lücke haben wir versucht zu schließen. Der englische Support-Stil wurde abgelöst durch eine neue Generation mit höherem Organisationsgrad. Damals hatte Italien noch mehr Faszination, weil es noch eine rohere Fankultur gab. Da konnte man sich Bari gegen Napoli angucken, und das hatte Energie. Wie in jeder Subkultur haben wir am Anfang Sachen blind kopiert. Wir haben italienische Lieder ins Deutsche übersetzt und mit 25 Leuten in der Kurve gesungen. Da galt: machen, hinfallen, aufstehen und wieder machen. So haben wir angefangen, alles falsch zu machen. (lacht)

ballesterer: Wie hat die Gegengerade, wo ihr damals noch gestanden seid, auf euch reagiert?
SEBASTIAN: Sehr, sehr kritisch. Wir wurden beschimpft, bepöbelt und mit Bierbechern beworfen. Wir mussten Wände einreißen, bevor das Ganze gewachsen ist.HENNING: Unsere größten Konflikte haben sich in der virtuellen Welt abgespielt, persönlich, im Stadion, sind nur sehr selten Leute zu uns gekommen sind, um sich zu beschweren. Ultrà Sankt Pauli hat eigentlich alles neu gemacht, viel Energie aufgewendet und ist damit einigen Leuten auf die Füße getreten. Es ist ein völliger Irrglaube, dass eine Mannschaft noch mit schlotternden Knien ans Millerntor kommt, dafür ist es in großen Teilen unseres Stadions zu leise. Die Gegengerade hatte den Anspruch, eine der lautesten Tribünen Deutschlands zu sein, was nicht mehr der Realität entsprach. Die älteren Fans sind nach 15 Jahren St. Pauli müde geworden, der »Millerntor-Roar« in seiner ursprünglichen Form war nicht mehr existent. Aus heutiger Sicht und mit etwas mehr Gelassenheit muss man sagen, dass Fehler gemacht wurden und auch heute noch gemacht werden, aber das gehört zur Entwicklung dazu.

ballesterer: Welche Rolle spielt Politik in eurem Fantum?
HENNING: St. Pauli ist ein Teil unseres Lebens, und damit äußern wir uns auch in diesem Kosmos zu anderen Themen unseres Lebens. Wenn es eine Nazi-Protestdemo gibt, zu der 80 Leute von uns hingehen, dann ist das auch ein Teil von Ultrà Sankt Pauli und deswegen nehmen wir auch zu solchen Dingen im Stadion Stellung. Wir arbeiten in Hamburg mit vielen Antirassismus-Initiativen zusammen, unterstützen Projekte und machen selbst seit 2003 das Flüchtlingsprojekt, wo wir zu jedem Spiel Flüchtlinge ins Stadion mitnehmen. Auch durch unsere Medien wie die Gazzetta dUltrà versuchen wir, die Leute aus unserem Kosmos politisch zu prägen und mit mehr zu füttern als nur mit Spielberichten.

ballesterer: Wie wichtig ist euch sportlicher Erfolg?

SEBASTIAN: Fußball als gesellschaftliches Ereignis ist uns sehr wichtig. Sportlicher Erfolg ist aber eine ambivalente Geschichte: Entweder richtet sich das Augenlicht der Öffentlichkeit nur auf das, was mit der Mannschaft passiert, oder nur auf das, was auf den Rängen passiert. Sportlicher Erfolg ist wichtig, aber nicht um jeden Preis.
Henning: Für die Gruppe spielt der sportliche Erfolg eine geringere Rolle als für den Einzelnen. USP wird es auch in zehn Jahren noch geben in der Regionalliga oder in der Champions League.


ballesterer: Was unterscheidet euch vom Ultrà-Mainstream?
HENNING: Einfach zu sagen, »Politik hat im Stadion nichts verloren«, war uns von Anfang an zu stumpf. Wir haben uns selbst immer schon mehr hinterfragt als andere Gruppen. Heute diskutieren wir über Fragen wie Gewalt, die Außendarstellung und das Selbstbild als Subkultur. Für mich beschäftigt sich die deutsche Ultrà-Szene mit den falschen Fragen und schmort in einem Mikrokosmos vor sich hin. Es wird gequengelt, das schon wieder ein Artikel über Gewaltexzesse in den »Lügenmedien« erscheint, aber es gab sie halt auch und darüber sollte man sprechen. Wenn die Leute nicht anfangen, sich selber zu hinterfragen, wird die Repression weiter zunehmen, aber keine Lösung gefunden.

ballesterer: Wie würdet ihr euer Verhältnis zum Verein und zu Präsident Corny Littmann beschreiben?

SEBASTIAN: Die Verbindungswege zwischen Fans und Verein sind beim FC St. Pauli sehr kurz gehalten. Das liegt an der Historie des Klubs und kommt uns zu Gute. Wir haben es über die Jahre geschafft, uns gegenseitiges Vertrauen zu erarbeiten. Leider wurde das von Littmann in letzter Zeit ein bisschen getreten.

ballesterer: Wo gibt es Probleme mit Littmann?
HENNING: Er ist eine Person, die sehr polarisiert. Er macht viel für den Verein und scheut nicht davor zurück, Sachen falsch zu machen, wenn er davon überzeugt ist. Von daher ist er fast vergleichbar mit USP. In vielen Punkten ist er ein sehr großer Gewinn für St. Pauli, zum Beispiel was den Stadionneubau betrifft, und unsere Unterstützung passt optisch sowie akustisch gut in sein Konzept. Andererseits sind wir Littmann ein Dorn im Auge, weil wir ihn kritisieren und Sachen nicht unhinterfragt geschehen lassen. Wir sagen nicht »Cool, der baut uns ein Stadion, deswegen kann er auch eine Plastikwährung am Millerntor einführen.« Ohne uns würde der Widerstand gegen ihn noch kleiner sein.

ballesterer: Wo geht euch die Kommerzialisierung bei St. Pauli zu weit?
SEBASTIAN: Problematisch wird es bei Dingen, die vielen Fans heilig sind, wie der Erhalt von Stehplätzen und der Nicht-Verkauf des Stadionnamens. Wir sehen ein, dass Werbung und Sponsoring notwendig sind, aber Sachen wie »Kalte Muschi« (Anm: ein Cola-Rot-Getränk, dessen Hersteller mit einem sechsstelligen Betrag beim FCSP wirbt) gehen bei St. Pauli einfach nicht. Mit der Totenkopf-Vermarktung hab ich kein Problem. Störend ist nur, dass der Verein sämtliche Rechte an die Firma »Upsolut« abgetreten hat, die einen immensen Output erzeugt.
HENNING: Ich finde in diesem Bereich kann es gar keine Kommerzialisierung geben, weil Merchandising per se schon Kommerzialisierung ist. Wenn ein Punker in Bayern mit einem Totenkopf-Shirt rumrennt, find ich das super. Ich freue mich über die Tatsache, dass mein Klub beliebt ist und die Leute das gut finden, was da passiert. Die sollen so viele Klamotten verkaufen, wie sie können.


ballesterer: Stören euch sogenannte Modefans, die auf der St.-Pauli-Welle mitsurfen?
HENNING: Jeder hat eine unterschiedliche Auffassung von Fantum. Wir leben anderen Fans vor, wie sehr wir St. Pauli unterstützen und dabei durchdrehen. Wenn aber jemand meint, rassistische oder homophobe Sachen zu rufen, dann gibts dafür einen Verweis. Diese Grundsätze, die vor unserer Zeit gefestigt wurden, vereinen St. Pauli und definieren uns als Fans.

ballesterer: Eure lockere Haltung zu diesen Themen überrascht
HENNING: Nach 10 Jahren Ultrà am Millerntor hat sich bei mir die Faust in der Tasche gelöst und eine gewisse Gelassenheit eingestellt. Ich weiß, unsere Gruppe funktioniert ganz gut so und ist ein Modell mit Zukunft, wenn wir es nicht völlig verbocken. Irgendwann fällt einem auf, dass man Leute immer nur mit etwas Positivem überredet oder motiviert bekommt, Drangsalierung klappt nicht.

ballesterer: Die Blockade beim Rostock-Match hat für viel Wirbel gesorgt. Wie steht ihr zu den Vorkommnissen?
HENNING: Es war schockierend zu sehen, wie St. Paulianer bei diesem Spiel miteinander umgegangen sind. Das war mit großem Abstand der bitterste Moment meines Fanlebens. Es wurden beidseitig Dinge falsch gemacht und es sind beidseitig Fässer übergelaufen. Die ständige Ignoranz gegenüber Fanthemen, diese krasse Repression, die im Rostock-Match durch uns den Non-established-Verein noch einmal einen Riesenschritt nach vorne gemacht hat, hat einigen Ultras, die sich für St. Pauli den Arsch aufreißen, den Kragen platzen lassen. Natürlich gab es da auch das Fass der normalen Leuten, die gesagt haben: »Die Ultras gehen mir seit zehn Jahren auf den Sack: zu viel Gewalt, langweilige Stimmung und dieses sich für etwas Besseres halten.« Der Generationskonflikt bei St. Pauli ist Ursache und Wirkung zugleich. Lösen kann man die Situation nur, wenn man aufeinander zugeht und zur Einsicht kommt, dass es keine besseren oder schlechteren Fans gibt.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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