Die unvergessliche Nacht von Bogota

cache/images/article_1693_robert_140.jpg U20-WM Ja, es gibt sie noch, diese magischen Fußballnächte, die fernab von Kommerzialisierung und Starallüren alle notwendigen Ingredienzien für ein unvergessliches Erlebnis besitzen. Der ballesterer-Korrespondent hatte das Glück, beim Endspiel zwischen Brasilien und Portugal eine solche Nacht zu erleben.
Robert Florencio | 22.08.2011
Den Abend vor dem mit Spannung erwarteten Finale nütze ich für die Kontaktvertiefung mit den brasilianischen Kollegen vom Netzwerk TV Globo/Sport TV. Wir besuchen ein schickes Barrestaurant mit sechs Stockwerken, in dem sowohl kulinarisch als auch musikalisch die Post abgeht. Nicht umsonst verkehren hier auch des Öfteren die beiden bekanntesten Persönlichkeiten des Landes: Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez und Popstar Shakira, die übrigens gute Freunde sind.

Am nächsten Morgen mache ich in der Lobby Bekanntschaft mit dem zufällig im selben Hotel abgestiegenen Ex-Kicker Lutz Pfannenstiel. Der Bayer hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt, weil er laut Guiness Buch der Rekorde der erste Spieler ist, der in allen sechs Teilkonföderationen der FIFA gespielt hat. Wegen seiner witzigen Kommentare bei den ZDF-Nachmittagssendungen zur WM in Südafrika wollte ich mich schon damals mit ihm treffen. Terminlich hatten wir uns aber immer knapp verfehlt, was jetzt durch Zufall ausgeglichen wurde. Leider muss sich Pfannenstiel aus vertraglichen Gründen verschwiegen wie eine Auster geben, was seine Funktion als Spielerbeobachter für die TSG Hoffenheim bedingt, die er seit März dieses Jahres ausfüllt. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass er hier schon einige sehr interessante Verstärkungen für die mit Spielern aus allen Weltregionen zusammengesetzte Truppe aus dem Kreichgau in seinem Notepad gespeichert hat. Seine nächsten Reisen in Sachen Scouting, das darf er verraten, werden ihn schon in wenigen Tagen nach Afrika und dann weiter nach Australien führen.

Bei meiner Ankunft im Pressezentrum treffe ich eine weitere alte Bekannte. Marcela Cabarcas, die TV-Caracol-Reporterin, die das ÖFB-Team in Barranquilla beim Spiel gegen Brasilien begleitet hat, ist von der Küste hochgekommen. So wie viele andere Journalisten aus den anderen Austragungsstädten, deren WM-Job erledigt ist, möchte sie sich das Finale nicht entgehen lassen. Allerdings muss sie im Pressezentrum auf Spielfeldhöhe bleiben, während wir Privilegierten hoch oben mit bestem Überblick unsere Plätze einnehmen dürfen. Das W-LAN will an diesem Abend über lange Zeit jedoch nicht funktionieren, wofür die Betreiber des Twitter-Channels »#u20wm« wahrscheinlich nicht undankbar sind. Dafür gibts als Ausgleich eine große Erinnerungsmedaille der Stadt Bogota sowie ein Buch mit literarischen Texten über Fußball und einen Rucksack als Geschenk für alle Schreiberlinge.

Nach der obligatorischen Schlusszeremonie mit Lasershow und Feuerwerk kann das Spiel beginnen. »Was sind schon 20 Jahre« an dieses Lied des weltberühmten argentinischen Tangointerpreten Carlos Gardel, der dereinst bei einem Flugzeugabsturz in Kolumbien sein Leben gelassen hat, erinnert die kolumbianische Qualitätszeitung El Tiempo in ihrer Finalvorschau mit Blick auf das torlose Finale von 1991 in Lissabon. Dieses Mal sollte es aber ganz anders kommen. Es haben noch nicht einmal alle Zuschauer ihre Plätze eingenommen, als es nach fünf Minuten schon erstmals Toralarm gibt. Ein vom portugiesischen Verteidiger Sergio Oliveira unglücklich mit dem Kopf abgefälschter Freistoß des brasilianischen Mittelfeldgehirns Oscar landet im Netz. Große Erleichterung daraufhin auf der Tribüne, denn damit ist klar: Das von den Portugiesen in den bisherigen Partien gezeigte Defensivspiel ist obsolet geworden. Jetzt müssen die Lusitaner zeigen, ob sie in der Lage sind, auch Offensivwirkung zu entfalten.

Und tatsächlich, schon vier Minuten später ist es soweit: Eine Unachtsamkeit in der brasilianischen Verteidigung bei einer Hereingabe durch Nelson Oliveira und Alex steht völlig allein vor Gabriel und hat keine Mühe, den Ball im Gehäuse unterzubringen. Danach ziehen sich die Portugiesen nicht zurück und es entwickelt sich ein offener Schlagabtausch. Während die brasilianische Verteidigung ihre Mühen hat, den Dribblings des starken Nelson Oliveira etwas entgegenzusetzen, sind auf der anderen Seite die Stürmer Henrique und Willian bei der von Nuno Reis wie immer sehr gut organisierten Verteidigung ziemlich abgemeldet.

Mit einem gerechten Unentschieden geht es in die Pause. Danach zeigen sich zunächst die Mannen in Rot-Weiß-Grün überlegen, die beiden Wechsel bei Brasilien bringen nicht die erhoffte Wende, auch wenn Negueba auf Rechtsaußen einmal mehr sein überragendes Talent kombiniert mit enormer Spritzigkeit unter Beweis stellt. So nimmt das Spiel eine überraschende Wende. Die umorganisierte brasilianische Abwehr kann den zunehmenden  Konterattacken, die fast immer über Nelson Oliveira stattfinden, nicht mehr standhalten.  Juan Jesus wird einmal mehr zum Mitläufer und Tormann Gabriel macht seinen ersten Fehler im Turnier, der ihm aber nicht zum Verhängnis werden sollte. Denn postwendend auf das 1:2 reagiert Ney Franco, bringt die »Geheimwaffe« Dudu für den an diesem Abend enttäuschenden Coutinho und das brasilianische Werkl funktioniert wieder. In Erinnerung an das Confed-Cup-Finale von 2009, wo die A-Mannschaft sogar einen 0:2-Rückstand noch aufholen konnte, gelingt es der »Selecao« elf Minuten vor der möglichen Sensation, das Spiel zu drehen. Oscar sorgt für den erlösenden Ausgleich.

In der Verlängerung wollen die Blau-Gelben in Erinnerung an das schlecht ausgegangene Finale von 1991 das Elferschießen verhindern. Glück kommt hinzu, als Caetano eine Hundertprozentige auf das Führungstor vergibt und Portugal somit endgültig sein Pulver verschossen hat. Ein konditioneller Einbruch ist jetzt deutlich merkbar. Ein Geniestreich des überragenden Mannes des Abends, Oscar, führt schließlich zur Entscheidung. Noch immer wird in diversen Foren diskutiert, ob der Schlenzer ohne aufzuschauen gewollt oder eine abgerissene Flanke war. Es sei dahingestellt, der Jubel war grenzenlos.

Die brasilianischen Fohlen werden wie ihre großen Vorbilder des A-Teams Pentacampeones, also fünffache Weltmeister. FIFA-Präsident Blatter überreicht gemeinsam mit Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos den Siegespokal an den verdienten neuen Weltmeister. Ney Franco, der ja immer die 1982er-Mannschaft als Vorbild bezeichnete, ist nicht nur über den Sieg hocherfreut sondern auch erleichtert, dass der am Vortag mit Darmblutungen in die Intensivstation des Spitals von Sao Paulo eingelieferte Dr. Socrates wieder am Weg der Besserung ist. Meine Frage bei der Pressekonferenz, ob er an diesem Abend den schönsten Moment seiner Trainerkarriere erlebt habe, bejaht er, obwohl er schon diverse Erfolge als Klubtrainer vorzuweisen hat. Er verstünde nur nicht, warum die Technical-Study-Group der FIFA seinen Schlüsselspieler Oscar nicht in die Auswahl der zu wählenden besten Spieler des Turniers hineingenommen habe.

Der portugiesische Trainer Ilidio Vale folgt hingegen dem schlechten Beispiel seines spanischen Kollegen und meint, das bessere Team hätte als Verlierer den Platz verlassen. Außerdem ist er sprachlich derartig indisponiert, dass er sich nicht nur die englischen und spanischen sondern sogar die von einem brasilianischen Reporter in brasilianischem Portugiesisch gestellte Frage von seinem Dolmetsch übersetzen lassen muss. Ney Franco kennt keine derartigen Probleme. Freundlich und geduldig beantwortet er wie immer ohne Übersetzung auch die spanischen Fragen. Zum Abschluss macht er den Gastgebern ein Riesenkompliment und sagt, er und sein Team hätten sich wie zu Hause gefühlt und er würde hoffen, bald nach Kolumbien zurückzukommen.

Für mich gibt es noch eine finale kuriose Situation: Auf dem Weg in die Mixed-Zone nehme ich die falsche Spur und stehe plötzlich auf der Seite vor den Kameras neben Capitano Uvini mit dem Pokal und Coach Franco. Ein brasilianisches Delegationsmitglied macht mich aber rasch auf den Fehler aufmerksam und so finde ich doch noch den Weg auf die richtige Seite. Nachdem der Bus mit den Spielern schnurstracks Richtung Flughafen abfährt, bleibt noch Zeit mich von den brasilianischen Reporterkollegen, die mich so nett in ihrer Mitte aufgenommen haben, zu verabschieden. Die Vorfreude auf die kommenden Großereignisse in ihrem Land eint uns, und eine Taxifahrt später falle ich erschöpft ins Bett und versuche das soeben Erlebte zu verarbeiten.

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Rubrik: Aktuell
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