Die Verdunkelung der Kurve

Wie in der April-Ausgabe des ballesterer fm angekündigt, findet sich hier Teil zwei des Interviews mit Enzo Busiello. Der Capo der Ultras Napoli spricht darin über die aktuellen Situation der italienischen Ultràbewegung, unwirksame Repressionsmaßnahmen, das englische Modell, Politik und das Wetter.

ballesterer fm: Wenn derzeit von den Ultras gesprochen wird, dann meistens im Zusammenhang mit negativen Schlagzeilen und Notstandsgesetzgebungen. Wie würdest du die derzeitige Situation der Ultras in Italien skizzieren?
Enzo Busiello: Ich glaube, wenn die italienische Ultrà-Bewegung etwas gegen diese Maßnahmen unternehmen will, müsste sie kurz innehalten und nicht nur einen sondern zehn Schritte zurück machen und die Kurven verlassen. Aber das Problem ist, dass es in jeder Stadt eine Form des Protagonismus gibt, jeder möchte auf seine Art protestieren und deswegen gibt es keine Einheit. Diejenigen, die diese Maßnahmen beschließen, haben genau diesen Effekt geplant und wollen, dass wir uns untereinander zerstören. Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation. Wer an die Welt der Ultras glaubt, sollte sich auf eine bestimmte Weise benehmen. Stattdessen verfolgt jeder nur seine eigenen Ziele. In Mailand z.B. deklarieren sie ihre Transparente seit dem Dekret über das Transparenteverbot. Wir in Neapel haben demgegenüber nie etwas deklariert, sondern verzichten lieber darauf, unsere Farben zu zeigen. So sind wir wenigstens koheränt und das ist für mich der wichtigste Wert im Leben.

Welchen Sinn siehst du in dem Verbot der Transparente?
Ich sehe das als Provokation. Ich gehe ins Stadion, bezahle meine Karte und dann möchte ich auch meine Farben zeigen, meinen Glauben mit Transparenten und Fahnen unterstreichen können. Wenn du dir heute die Kurven in Italien anschaust, sind sie dunkel, sie haben keine Farben, sie haben rein gar nichts. Sie verdunkeln dir sogar noch die Farbe des Spiels. Diese Herrschaften haben in ihrer Ignoranz geglaubt, die Gewalt zu verhindern, indem sie uns die Instrumente wegnehmen, die Farbe in die Kurve bringen. Aber die Gewalt wird nicht dadurch bekämpft, dass Megafone, Fahnen und Transparente verboten werden. Die Gewalt muss außerhalb des Stadions bekämpft werden, d.h. im Alltag an sieben Tagen der Woche.

Apropos Gewalt: wie habt ihr den Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri wahrgenommen?
Der Tod von Gabriele Sandri war bereits vorangekündigt, weil sich eine gewisse Rivalität zwischen der Polizei und den Fans herausgebildet hat. In den letzten Jahren hat die Repression Formen angenommen, die jeder normale Mensch sehen kann. Oft entstehen Auseinandersetzungen über banale Dinge. Beim Einlass ins Stadion müssen die Fans etwa durchsucht werden und die Polizei präsentiert sich häufig schon mit dem Knüppel und provoziert. Dadurch entstehen Spannungen. Außerdem denke ich, dass sich nach dem Tod des Polizisten Filipo Raciti im Vorjahr irgendjemand rächen wollte. Dennoch war die Sache nicht mit Gabriele Sandri als Person geplant, weil im Endeffekt hätte es auch mich oder dich - eine normale Person auf der Autobahn - treffen können. Es kann doch nicht so sein, dass eine Institution einfach schießen kann, nur weil es sich um Tifosi handelt.

Welche Veränderungen erwartest du dir durch dieses Ereignis?
Gar nichts wird sich ändern. Der Tod ist für alle gleich. Egal ob für den Polizisten oder den Fan, weil es sich immer um Menschen handelt. Dennoch gibt es leider eine starke Ungleichbehandlung: der Polizist, der geschossen hat, ist frei und Gabriele ist tot. Seit dem ersten Tag wird dieser Fall benutzt, um ein Bild in der Öffentlichkeit zu verstärken, wonach die Ultras das Schlechte am Fußball sind. Eine normale Person, die weiß, dass ein Fan gestorben ist, hätte am Matchtag überhaupt keine Partie anpfeifen lassen. Sie haben ja nicht einmal versucht den Tod Sandris zu verheimlichen, sondern wollten die Reaktion der Fans provozieren. Bei jemandem, der ein bisschen Blut in den Venen hat, ist es normal bei solchen Nachrichten zu rebellieren. Der Hass gegenüber der Uniform entwickelt sich anhand solcher Dinge.

Ich hab die Parlamentsrede von Innenminister Giuliano Amato nach der Ermordung Sandris gesehen, die ich als reine Provokation verstanden habe...
Der Minister Amato und die Sportministerin Giovanna Melandri kennen das Stadion nicht und beschließen dann solche unnötigen Gesetze wie das Verbot der Transparente. Wir haben schon oft vergeblich versucht, uns im Rahmen unserer Möglichkeiten Gehör zu verschaffen. Wir haben sie eingeladen, sich anzuschauen wie man ein Spiel in der Kurve lebt. Aber sie reden stattdessen nur von der Gewalt in der Kurve, obwohl das nicht stimmt. In Neapel gehen Kinder, Frauen, Erwachsene und alte Personen in die Kurve. Es ist also nicht so wie sie es gerne präsentieren. Bei der Liebe Gottes, wir sind nicht alle Heilige. Aber wir sind Personen mit einem Herz und Gefühlen. Wir denken immer noch mit dem Herzen, sie mit dem Kopf und dem Geld. Das sind die unterschiedlichen Ebenen auf der wir und diese Herrschaften sich bewegen.

Da wir schon von der Politik sprechen. Eure Proteste haben sich sehr stark gegen den Landeshauptmann Antonio Bassolino und die Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino gerichtet. Wie wichtig ist die Politik in der Kurve?
Diese Kritik an den Institutionen kommt daher, dass sie den Bankrott von Napoli unterstützt haben. Abgesehen davon wird in Neapel in beiden Kurven keine Politik gemacht. Unsere einzige Politik ist das blaue Trikot. Die Politik wird aus dem Stadion herausgehalten. Sonst bestünde die Gefahr, dass andere Mechanismen zum Tragen kommen. In Livorno wird z.B. viel Politik gemacht. Dort ist die Kurve rot, weil auch die Stadt rot ist. In so einer kleinen Realität ist es möglich, Politik zu machen. Aber Neapel lebt im Alltag sowohl politisch als auch kulturell spezielle Situationen und die Leute sind hier zum Glück von diesen Realitäten entfernt. Die Politik bringt dich oft in gewisse Mechanismen, die viel größer sind als du selbst.

Kehren wir zu den aktuellen Maßnahmen zurück - sie haben die Auswärtsfahrten verboten, sie planen die Stewards und den Fanausweis - was denkst du darüber?
Aber sie machen überhaupt nichts Neues und versuchen einfach, England zu imitieren. Meine Argumentation beginnt immer bei den kulturellen Voraussetzungen und wir brauchen noch Jahrhunderte um in England anzukommen. Wenn du ins Stadion gehst und die Kurve lebst, dann stehst du. Sie können dich doch nicht dazu zwingen, dich hinzusetzen und dir das Spiel so anzuschauen wie sie es wollen. Da es vor allem eine kulturelle Frage ist, wird es viel Zeit brauchen, um etwas zu ändern. Auch ich wünsche mir Veränderungen, aber ich fürchte, dass die Tendenz in eine andere Richtung geht und sehe wenig Zukunft für die Ultras.

Du hast das englische Modell angesprochen, was verstehst du darunter?
In England zahle ich für die Saisonkarte zwar viel Geld, aber dafür bekomme ich zumindest einen gewissen Komfort geboten. Während ich in Neapel keine sanitären Anlagen, schmutzige Sitze und einen schlechten Blick habe. Ich bin gerne bereit zu zahlen, aber du musst mir ein Stadion mit einem gewissen Komfort bieten. Abgesehen davon zeigen sie dir von England auch nur das, was sie wollen. Im Stadion sitzen zwar alle schön brav, aber wenn wir uns mal 200 Meter vom Stadion entfernen, bringen sie sich immer noch um. Auch was die Familien betrifft, wenn du ihnen einen Komfort wie in England bietest, dann kommen sie auch ins Stadion. In Neapel reicht es oft, wenn es am Tag vor dem Match ein bisschen zu viel regnet, um das San Paolo zu überschwemmen und das Spiel abzusagen. Aber statt den Personen, die man so gerne im Stadion hätte, einen gewissen Komfort zu bieten, wird die Schuld auf die Ultras abgewälzt. Dann heißt es, dass die Leute wegen der Gewalt nicht in die Stadien gehen. Derzeit gibt es diese Gewalt nicht, sie präsentieren dieses Bild nur für ihre Bequemlichkeit.

Beliebteste Maßnahme ist derzeit das Sperren von Auswärtssektoren und das de-facto Verbot von Fanfahrten...
Auch wenn sie mir verbieten nach Mailand zu fahren, kann ich eine Alternative finden. Ich setze mich einfach mit fünf Jungs ins Auto und fahre zum Spiel. Ich finde einen Freund in Mailand und lass mir eine Karte kaufen. Der Staat hat einfach nicht logisch nachgedacht. Ich glaube, dass wir an einem Punkt ankommen werden, wo sie derartige Maßnahmen wieder zurücknehmen müssen. Sie müssten uns zu Verhandlungen einladen. Ich wäre sogar dazu bereit, um ihnen gewisse Dinge klarzumachen. Ich würde ihnen anbieten, dass wir uns auf gewisse Dinge beschränken, wenn sie uns im Gegenzug nicht unterdrücken. D.h. sie können mich nicht einsperren oder mich mit der Fernbedienung benutzen. Im Endeffekt hat jeder von uns sein eignes Gehirn, um nachzudenken und zu handeln. Versuchen wir also einen Punkt zu finden, wo wir uns treffen können. Heben wir diese Gesetze auf und beginnen wir von vorne.

Die Napoli Fans sind speziell von den Verboten der Auswärtsfahrten betroffen und das Fernsehen erscheint oft als einzige Alternative, um die Spiele des Vereins zu verfolgen...
Der wahre Ultrà wird sich nie ein Spiel im Fernsehen anschauen können. Er wird nämlich nie Kompromisse mit dem System Fußball eingehen. Ein Spiel im Fernsehen zu sehen ist wie einen Film zu schauen. Die wahre Leidenschaft lebt während des Spiels in der Kurve. Derzeit darf ich, Enzo Busiello, meine Mannschaft nicht bei Auswärtsspielen begleiten, sondern muss auf der Polizeistation unterschreiben gehen. Das ist das Lächerlichste, das existieren kann. Das ist die wahre Repression. Ein Ultra muss während des Spiels unterschreiben gehen, während ein gewöhnlicher Krimineller frei ist.

Nach all den Gesetzesinitiativen und den Veränderungen in den Stadien - inwieweit seht ihr euch als Opfer?
Wir fühlen uns schon als Opfer, weil wir die wahre Repression spüren. Das sage ich nicht um das Opferlamm zu spielen, weil man es sich damit auch sehr leicht machen kann. Im Leben sollte jemand, der etwas falsch macht, dafür zahlen. Aber in diesem Fall haben wir überhaupt nichts gemacht und fühlen uns daher als Opfer des Systems. Aber Ultras sein heißt auch gewisse Bösartigkeiten zu erleben. Die Mächtigen haben diese Situation geschaffen, aber wir geben nicht auf, weil die Wahrheit immer ans Tageslicht kommt. Es wäre zu einfach getroffen zu werden und sich zurückzuziehen. Nein! Wenn du Recht hast, kämpfst du bis zum Tod.

Das Gespräch führte JAKOB ROSENBERG

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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